Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
04:51
10.08.2020
Wem gehört das Wasser? Gibt es ein Grundrecht des Menschen auf Energie, auf Elektrizität? Wer organisiert die Grundbedürfnisse des täglichen Lebens, den öffentlichen Verkehr, das Gesundheitswesen? Und zu welchem Preis? Diese Fragen stellt sich Florian Opitz in seinem Dokumentarfilm. Fragen die auch für die Menschen in Kosova von besonderer Aktualität sind.

Am Tropf der Globalisierung


ausverkauf1.jpgAb 17. Mai 2007 Kinostarts in Deutschland.



"Globalisierung" und "Privatisierung" sind Begriffe, die längst in der Umgangssprache angekommen sind. Doch obwohl sie nahezu jeder ganz selbstverständlich gebraucht, sind die Worte seltsam sperrig und abstrakt geblieben. Was Marktwirtschaft in einer globalisierten Welt wirklich bedeutet, und wie sie das Leben der Menschen verändert, zeigt auf eindringliche Weise der Dokumentarfilm "Der große Ausverkauf" des deutschen
Regisseurs Florian Opitz.

http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/kuz_titel.html
http://www.filmstarts.de/produkt/51037,Der%20gro%DFe%20Ausverkauf.html

Wem gehört das Wasser? Gibt es ein Grundrecht des Menschen auf Energie, auf Elektrizität? Wer organisiert die Grundbedürfnisse des täglichen Lebens, den öffentlichen Verkehr, das Gesundheitswesen? Und zu welchem Preis? Diese Fragen stellt sich Florian Opitz in seinem Dokumentarfilm. Er hat in England, Südafrika, Bolivien und auf den Philippinen gedreht und Menschen porträtiert, deren Existenz durch die Privatisierung öffentlicher Unternehmen bedroht ist. Einfühlsam und genau beschreibt Florian Opitz die Konsequenzen einer Wirtschaftspolitik, in der der Staat sich seiner sozialen Verantwortung immer mehr entzieht.

Beispiel Philippinen


Minda benötigt dringend Geld für ihren Sohn, der auf Dialyse angewiesen ist. Und die ist teuer. Minda hat alles, was sie besitzt, bereits verkauft. Seit das Gesundheitswesen auf den Philippinen privatisiert wurde, werden Arme nur noch behandelt, wenn sie zahlen können. Gesundheit gegen Cash. Minda berichtet im Film:
"Einmal war ich bei meiner Sozialarbeiterin, ich weinte.
Meinem Sohn ging es schon sehr schlecht. Da sagte die Sozialarbeiterin zu mir: 'Sie wissen doch genau.' - So hat sie gesprochen - 'Sie wissen doch, Ihr Sohn ist ein bedürftiger Patient. Warum haben Sie das Geld für die Dialyse nicht besorgt? Nein, nein, nein. - Akzeptieren Sie doch endlich,
dass Ihr Sohn sterben wird!"

Beispiel Großbritannien, Südafrika


Lokführer Simon war ehemals Angestellter der British Rail, die 1997 zerschlagen und an 150 private Firmen verkauft wurde. Als Ergebnis verlotterte das Schienennetz, es gab verheerende Unfälle und der Staat musste das Schienennetz zurückkaufen. Im südafrikanischen Soweto wurde zum Beispiel die Stromversorgung privatisiert. Und wer die extrem gestiegenen Rechnungen nicht mehr bezahlen kann, sitzt im Dunkeln.

Beispiel Bolivien


In Cochabamba, Bolivien, wurde 1999 die Wasserversorgung an den US-Konzern Bechtel verkauft. Doch die Menschen von Cochabamba wollten die extremen Preiserhöhungen von 35 Prozent nicht akzeptieren. Ein Wasserkrieg war die Folge. Allen Geschichten im Film ist eines gemeinsam: Sie zeigen die Folgen einer Politik, die den Staaten vom Internationalen Währungsfonds und der Weltbank diktiert wurde.

Jeder hat eine Geschichte zu erzählen


Florian Opitz sagt: "Während wir nur zu zehn Prozent wissen, was IWF und Weltbank machen, was Privatisierung eigentlich bedeutet, weiß in Bolivien, in Südafrika, auf den Philippinen jede Marktfrau, was Privatisierung für einen Einfluss auf ihr Leben hat, wer IWF und Weltbank sind und was für einen Einfluss sie auf ihr Leben haben. Das heißt, sie sind wirklich manchmal bekannter oder haben einen größeren Einfluss als die eigene Regierung. Das heißt, man musste in dem jeweiligen Land gar nicht lange suchen, oder gar nicht lange erklären, worum es geht in unserem Film. Weil jeder seine Geschichte zu erzählen hatte."

Doch der Film will mehr als Geschichten erzählen. Er sucht auch die Analyse einer Wirtschaftspolitik, die Kredite an harte Bedingungen knüpft: den Abbau von Handelsschranken - und die Privatisierung aller Bereiche der öffentlichen Grundversorgung. Der freie Markt wird die Probleme lösen - so das Credo von IWF und Weltbank. Auch mit ihnen suchte Florian Opitz den Dialog. "Wir wollten auf gar keinen Fall in konfrontativer Art in die Interviews gehen, sondern wir wollten diese Leute einfach erzählen und erklären lassen und möglicherweise dem Zuschauer dann die Möglichkeit bieten, sich sein eigenes Bild zu machen", erklärt der Filmemacher. Aber IWF und Weltbank, die zuerst Interviews zugesagt hatten, hätten dann, als das Team schon da war, alle Interviews abgesagt, beziehungsweise die Weltbank alle bis auf eines. Dem Team seien von da an viele Steine in den Weg gelegt worden und es sei versucht worden, weitere Interviews zu verhindern.

Menschen als Spielmasse


"Der große Ausverkauf" zeigt Menschen als Spielmasse, als Ziffern einer Statistik. Ist das alles weit weg, nur in Entwicklungsländern? Friedhelm Hengsbach hat sich als Sozialethiker und Ökonom intensiv mit der Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen beschäftigt.

"Die strukturellen Probleme sind auch bei uns", sagt er. "Die Privatisierung öffentlicher Einrichtungen, öffentlicher Aufgaben, dann das Verdrängen des Staates aus der wirtschaftlichen Aktivität, der Glaube oder gleichsam die Weltanschauung, dass die Selbstheilungskräfte des Marktes alles regeln werden, dass das, was privat ist, immer besser ist, leistungsfähiger, kostengünstiger, also diese großen Versprechungen, dass der Markt, die Privatisierung alles besser macht als die öffentliche Hand und als die Solidarität, das denke ich, ist eine Weltanschauung, die hier im Lande sehr wirksam ist, und auch die Politik bestimmt."

Denn Wasser, Gesundheit und Bildung sind eben keine herkömmlichen Waren.


Was diesen Film besonders macht, sind seine Protagonisten, die nicht nur Opfer sind, sondern trotz ihrer Misere nicht aufhören zu kämpfen. In den Medien hierzulande ist dies selten ein Thema. Und so führt uns dieser Film auch die Ignoranz des Westens vor Augen. Er macht uns das Wegschauen bewusst, wenn wir erfahren, welche Konsequenzen Privatisierung haben kann, was mit den Menschen passiert, in Manila und anderswo.


"Der große Ausverkauf"
Deutschland 2006
Regie: Florian Opitz
Kinostarts:
D: 17.05.2007
A: 15.06.2007


Anmerkung der Redaktion- Den Artikel entnahmen wir aus der „ Linken Zeitung“