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15:47
21.03.2019
Bis heute ist Shakespeare das größte Vorbild Kadares. Der Roman „Der Nachfolger“ ist ein echter Kadare. Schwer legt man das Buch aus der Hand. Kadares literarischer Stil ist wie immer faszinierend, obwohl seine dunkle Lyrik dem Leser zusetzt. In seinem neuen Roman "Der Nachfolger" kehrt er die Handlung des "Macbeth" um: Nicht vom Königsmord wird hier erzählt, sondern vom Potentaten, der seinen designierten Nachfolger in einer Winternacht im Dezember 1981 umbringen lässt.


Doch hat "der Führer", wie Kadare Enver Hoxha nennt, den Mord an Mehmet Sehu tatsächlich in Auftrag gegeben? Eine ganze Reihe von Personen kommt als Täter in Frage, darunter Frau und Kinder des Ermordeten, sein Architekt sowie der Nachfolger des Nachfolgers.

In dem Roman herrscht eine Stimmung der Ungewissheit und Unsicherheit auf sämtlichen Ebenen. Um kriminologische Aufklärung eines Verbrechens geht es dem Autor Ismail Kadare nicht. Dennoch ist der Roman von Anfang bis Ende extrem spannend. Das Labyrinth des Terrors in dem totalitären stalinistischen System Albaniens, die Atmosphäre aus mörderischer Bedrohung, Angst, Gerüchten, Lügen und willkürlichen Verhaftungen bildet Kadare meisterhaft ab. Jedoch trägt der Roman Kadares nicht dazu bei, die Vorgänge um den Tod Mehmet Sehus wirklich zu verstehen. Kadare schreibt vorzüglich über menschliche Verwirrung, reale Angst und paranoide Machtkämpfe. Kadare vermengt das tatsächliche Geschehen mit den Alpträumen der Figuren.

Ein tatsächliches Ereignis liegt dem Roman zu Grunde: 1981 wurde Mehmet Shehu, der langjährige Premierminister Albaniens und potentieller Nachfolger des kranken Partei- und Staatsführers Enver Hoxha, mit einer Pistole in der Hand erschossen aufgefunden. Offiziell hat Shehu Selbstmord begangen. Für die Selbstmordthese spricht, dass Mehmet Sehu einen Abschiedsbrief an die Partei und Staatsführung hinterließ. In dem Schreiben empfahl Sehu der „Partei der Arbeit Albaniens“ seinen Selbstmord als Unfall darzustellen. Dieser reale geschichtliche Fakt spielt in dem Roman allerdings keine Rolle. Dennoch glauben nicht wenige Albaner und internationale Beobachter bis heute an Mord und hielten Hoxha für den Drahtzieher. Kadares Buch ist eine Art Schlüsselroman zu diesen Vorgängen und als Fiktion aus dem Innenleben des Systems zugleich Teil "der alle Zeiten umschließenden menschlichen Erinnerung".



Die politische Schlagseite Kadares

Kadare versucht in dem Roman eines der größten Rätsel der jüngeren albanischen Geschichte (der Tod Mehmet Sehus) dem deutschen Lesepublikum nahezubringen. Dieser literarisch hochstehende Versuch hat allerdings schwerwiegende Mängel. In dem Roman wird die Verlobung der Tochter Mehmet Sehus mit einem Sohn aus einer „politisch nicht korrekten Familie“ als Ursache für die Tragödie benannt. Mehmet Sehu wurde wegen der Verlobung seiner Tochter angegriffen. Sehu mußte damals aufgrund eines Parteibeschlußes die Verlobung seiner Tochter rückgängig machen. Mehmet Sehu wurde attackiert weil er durch die Verlobung „den Klassenkampf abschwäche“ und dem „Liberalismus Tür und Tor öffne“. Auf diesen Fakt stürzt sich Kadare in dem Roman um generell den Klassenkampf und den Kommunismus zu verwerfen. Ein anderer begnadeter Literat mit politischem Spürsinn, der wie Kadare mit der Feder umzugehen verstünde, müßte zu völlig anderen politischen Schlußfolgerungen wie Kadare gelangen. Zuerst müsste die Frage gestellt werden, warum in Albanien dem „Leuchtfeuer des Sozialismus“ (Mao), Väter ihre Töchter verlobten und verheirateten. Normalerweise sind solche Praktiken Ausdruck patriarchaler Rückständigkeit, die nicht das geringste mit dem Sozialismus oder gar dem Kommunismus zu tun haben. In der Tat, belegen diese Tatsachen aus Albanien nur das reaktionäre Wesen des Stalinismus. Die Einmischung in das freie Liebesleben der Menschen hat nichts mit dem Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung gemein. Der Klassenkampf hat im Gegenteil die Funktion alle Verhältnisse radikal in Frage zu stellen,in denen der Mensch ein unterdrücktes, verlassenes und erniedrigtes Wesen ist. Realen und gerechtfertigten Klassenkampf gab es auch in Albanien gegen die feudale Unterdrückung und dem damit verbundenem Massenelend sowie gegen die faschistische Okkupation. Kadare präsentiert in seinem Roman nur die negativen Seiten des bürokratisch-stalinistischen Systems (literarisch faszinierend), um dabei sogleich das Kind mit dem Bade auszuschütten. Kadare ignoriert vollständig, dass durch die Überwindung des alten Systems in Albanien entscheidende soziale und kulturelle Veränderungen einsetzten. Durch die geplante Wirtschaft unter Ausschluß einer Ausbeuterklasse konnte die Lebenserwartung der Menschen auf europäisches Niveau angehoben werden. Das Land wurde vom weit verbreiteten Analphabetismus befreit und 1970 war Albanien vollständig elektrifiziert. All diese Fakten kommen bei Kadare in dem Roman nicht vor. Dies könnte man ihm auch nicht vorwerfen, wenn er in dem Roman nicht immer wieder in die Vergangenheit abschweifen würde. An mehreren Stellen vermutet Kadare, dass sowohl Hoxha wie Sehu im „Kampf in den Bergen“ große Verbrechen begangen hätten. Es geht Kadare dabei nicht um einzelne konkrete Vorfälle, sondern er diskreditiert damit den antifaschistischen Befreiungskampf des albanischen Volkes. Er stellt den Kampf als eine besondere Charaktereigenschaft von Menschen mit eigener (nach Kadare) „negativen Identität“ dar. Kadare erzählt brillant etwas über die Paranoia im spätstalinistischem System Albaniens. Der Roman ist aus diesem Grund auch lesenswert. Die Beobachtungen von Kadare im Zusammenhang mit dem Tod von Mehmet Sehu sind interessant. Allerdings ist der Leser der nicht mit der Faktenlage vertraut ist geneigt, den düsteren Schilderungen Kadares einfach dem in Albanien nicht existierendem Sozialismus in die Schuhe zu schieben. Zur Aufklärung über die Ursachen des Todes von Mehmet Sehu trägt der Roman hingegen nichts bei. Er bietet allerdings Anlaß sich neuerlich mit dieser Tragödie auseinanderzusetzen. Dabei sollte berücksichtigt werden, dass in dem Rechenschaftsbericht den Mehmet Sehu unmittelbar vor seinem Tod dem Parteitag der PAA erstattete, wesentlich weniger Schönfärberei über die Lage enthält, als der Rechenschaftsbericht Enver Hoxhas. Die in dem Buch Hoxhas „Die Titoisten“ aus dem Jahr 1982 vorgebrachten Argumente gegen Mehmet Sehu sind zu verwerfen. Hoxha erwähnt in dem Buch die „Verlobung als parteifeindlichen Akt“. Hoxha nennt ohne jeglichen Beleg zu bringen Mehmet Sehu einen „feindlichen Polyagenten“ der im Dienst der CIA, der UDBA, des KGB und des britischen Geheimdienstes gestanden habe. Dieser stalinistische Wahn geht sogar über die Fälschung in den Moskauer Prozessen der dreißiger Jahre hinaus. Stalin hatte zwar keine Dokumente für seine gefälschten Anklagen, aber immerhin das Geständnis der Angeklagten. Der Roman Kadares beschreibt vorzüglich einzelne Seiten des Stalinismus seine antikommunistischen Schlußfolgerungen sind jedoch verheerend.



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Der Nachfolger