Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
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26.10.2020
-Die doppelte Funktion vieler Ärzte, die vormittags Spitalärzte und nachmittags Betreiber einer Privatpraxis sind, führt jedoch dazu, dass PatientInnen mit der Begründung,die Behandlung sei im Spital nicht oder nicht so bald möglich, in die teuren Privat-Praxis umgeleitet werden- Diese und ähnliche Sätze finden sich in einem Report den Rainer Mattern für den Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH am 7. Juni 2007 erstellte.

Den umfassenden Peport dokumentieren wir an dieser Stelle in Auszügen. Der Bericht kann und sollte komplett unter www.osar.ch nachgelesen werden.



Dokumentation


Einleitung

Das Gesundheitswesen in Kosovo musste nach dem Ende des Krieges im Jahr 1999

neu aufgebaut werden. Kosovo-albanische Fachkräfte waren nach 1989 unter dem

Milosevic-Regime aus den staatlichen Stellen vertrieben worden und gezwungen

gewesen, sich im Untergrund weiterzubilden. Es bestand nach dem Krieg ein im-

menser Aufbau-, Wiederinstandstellungs- und Ausbildungsbedarf, der in keiner Wei-

se abgeschlossen ist. Viele internationale Organisationen und Geldgeber haben sich

inzwischen aus Kosovo zurückgezogen.

Die Länderanalyse der Schweizerischen Flüchtlingshilfe hat sich seit Jahren immer

wieder mit der medizinischen Versorgung in Kosovo beschäftigt.

1

Seit 2002 lässt sie

auf Anfragen von Rechtsberatungsstellen, RechtsanwältInnen und Verwaltungsge-

richten in Kosovo Recherchen vor Ort durchführen. Diese ermöglichen konkrete und

auch überprüfbare Auskünfte der zuständigen ÄrztInnen und erlauben eine Ein-

schätzung, was RückkehrerInnen mit einer bestimmten gesundheitlichen Problema-

tik in Kosovo erwarten würde. Solche Recherchen waren bereits Grundlage des letz-

ten Updates zum Thema aus dem Jahr 2004.

2

Das vorliegende Update wird durch

neuere Auskünfte ergänzt. In der Regel geht es bei den Recherchegesuchen um

komplexe diagnostische und therapeutische Fragen. Fragen der Grundversorgung

spielen kaum eine Rolle. Im Update sind ausserdem verschiedene Berichte und

Gutachten von staatlichen und internationalen Institutionen, Nicht-Regierungs-

organisationen und Privatpersonen zur medizinischen Versorgungslage in Kosovo

berücksichtigt.

Sehr viele Anfragen an die Länderanalyse der SFH hatten die Behandlungsmöglich-

keiten bei traumatisierten Personen zum Gegenstand (vgl. unten 4.2.2.). Das ist kein

Zufall. Eine repräsentative Untersuchung aus dem Jahr 2006 zeigt, dass auch sechs

Jahre nach dem Krieg kriegsbedingte traumatische Erfahrungen einen wesentlichen

Einfluss auf den psychiatrischen Status der kosovarischen Bevölkerung haben.

3

Die

Studie weist nach, dass Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, englisch: Post-

traumatic Stress Disorder, PTSD), Depression und emotionaler Distress bei einem

beträchtlichen Teil der Bevölkerung chronisch geworden sind.


Zusammenfassung

Gegenüber den letzten Publikationen der SFH zum Thema Gesundheitsversorgung

in Kosovo aus den Jahren 2001 und 2004 und nach zahlreichen seither durchgeführ-

ten Recherchen vor Ort lässt sich sagen, dass trotz Fortschritten im Bereich der

Primärversorgung und trotz der Schaffung der "Community Mental Health Centres"

in Kosovo noch keine wirkliche Wende zum Besseren eingetreten ist. Es bestehen

weiterhin zahlreiche und gravierende Defizite der Gesundheitsversorgung. Mit der

Ausbreitung privater Arztpraxen und privater Apotheken ist das Gut Gesundheit zu-

dem immer mehr eine Frage des Preises geworden.

Die Kosten für Untersuchungen, Behandlungen und Medikamente sind in Relation zu

den realen Einkünften und Lebenshaltungskosten zu stellen. Die wirtschaftliche Si-

tuation in Kosovo ist von hoher Arbeitslosigkeit und Armut gekennzeichnet. Es gibt

weder eine Arbeitslosenversicherung noch eine Krankenversicherung. Die meisten

Lohnempfänger müssen mit einem Gehalt auskommen, das nicht existenzsichernd

ist. Wohnraum ist in den Städten im Verhältnis zu den Einkommen teuer und die

Lebenshaltungskosten sind in den letzten Jahren beträchtlich gestiegen. Aufgrund

restriktiver Bestimmungen erhält nur ein Teil der Bedürftigen Sozialhilfe, die über-

dies nicht ausreicht, um davon zu leben.

Untersuchungen, Behandlungen und Medikamente müssen in aller Regel bezahlt

werden, auch in der Primärversorgung werden Zuzahlungen von den Beteiligten ver-

langt. Ausnahmen gelten für Sozialhilfeempfänger, allerdings gibt es keine Kosten-

befreiung für Behandlungen im privaten Sektor. Hauptursachen für die weiterhin

zahlreichen und gravierenden Defizite sind das Fehlen von medizinischem Personal,

eine fehlende effiziente Verwaltung der Gesundheitsfürsorge, veraltete medizinische

Ausrüstung und unzureichende Versorgung mit grundlegenden Medikamenten.

Besonders bei komplizierten operativen Eingriffen sind die vorhandenen Möglichkei-

ten sehr limitiert. Zudem weisen die angefragten Ärzte immer wieder auf die prekä-

ren hygienischen Verhältnisse und das Risiko einer Infektion, auf Versorgungseng-

pässe und Wartezeiten hin. Oft empfehlen sie die Fortsetzung der Behandlung im

Ausland. Eine Reihe von schweren Krankheiten kann derzeit in Kosovo nicht mit

Aussicht auf Erfolg behandelt werden. Das United Nations Kosovo Team nennt Leu-

kämie, Nierenversagen mit der Notwendigkeit einer Organtransplantation, alle Arten

von Herzoperationen, schwere Augenerkrankungen und Krebs, soweit eine Chemo-

therapie erforderlich ist.

Die Gehälter von Spitalärzten sind sehr niedrig. Deshalb betreiben viele von ihnen

zusätzlich eine Privatpraxis. Da es keine Gebührenordnung gibt, werden dort die

Honorare frei verhandelt. Das Angebot der Privatpraxen ist im diagnostischen Be-

reich besser und schneller, es gibt neuere Geräte und es stehen mehr Medikamente

zur Verfügung. Doch müssen alle Leistungen bezahlt werden. Insgesamt ist das the-

rapeutische Angebot dort nicht wesentlich breiter als in den Spitälern, abgesehen

von einzelnen, sehr teuren Behandlungsmethoden (z.B. Chemotherapie). Die dop-

pelte Funktion vieler Ärzte, die vormittags Spitalärzte und nachmittags Betreiber

einer Privatpraxis sind, führt jedoch dazu, dass PatientInnen mit der Begründung,

die Behandlung sei im Spital nicht oder nicht so bald möglich, in die teuren Privat-

praxen umgeleitet werden