Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
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17.10.2019
Der Philosoph, Psychoanalytiker und Medienintellektuelle par exellence der Slowene Slavoj Zizek, hat der Bevölkerung in Kosova viel zu sagen. Zizek wendet sich in aller Schärfe und mit intellektueller Brillanz gegen den westlichen „ Multikulturalismus“ der letztendlich der Ethniesierung der Politik das Wort redet. Der Ahtisaari-Plan mit seiner beabsichtigten Teilung Kosovas, geht von der Ethnie aus und macht letztendlich die Frage der Rechte der Menschen von ihrer nationalen Abstammung abhängig. Dabei favorisiert er bestimmte nationale Gruppen und katalogisiert mit imperialer Arroganz die Menschen in entwickelte und weniger entwickelte Objekte.

Grundlage dafür ist die moderne Form des eurozentrischen Kolonialismus. Den einen werden Sonderrechte ( serbische Kommunen-kirchliche Sonderzonen) zugestanden und den übrigen eine modifizierte Form einer sich ethnisch tolerant gebenden Diktatur, unter einem hohen Repräsentanten“ der EU. Sollte ein Teil des Volkes, die ihm zugedachte Rolle nicht mitspielen, wird wie am 10. Februar in Prishtina auf traditionelle Art scharf geschossen.. Unter dem Schlagwort der „ Globalisierung“ werden soziale Verwerfungen und die Ignoranz gegenüber dem Selbstbestimmungsrecht gerechtfertigt. Anbei als Dokument ein längeres Interview , welches Zizek der Wochenzeitung „ Freitag“ im Jahr 1999 gab. In dem Gespräch wendet sich Zizek gegen bestimmte pseudolinke Mythen, bezogen auf das ehemalige Jugoslawien. Er nennt Milosevic ein typisches Produkt des Westens und macht klar, dass die NATO nicht wegen der Leiden der Bevölkerung in Kosova , Krieg führte, . Scharf wendet sich Zizek gegen den „ Balkan-Nationalismus“ des Westens. Er fordert für den „Westen eine zweite Aufklärung“. Aus dieser Logik ergibt sich heute für die Menschen in Kosova ,die klare Notwendigkeit sich jeder Form von imperialer Diktatur und dem „ Multikulti-Spiel“ spätkapitalistischer Erziehungseinrichtungen zu widersetzen. Außerdem deutet Zizek in dem Gespräch an, dass die neoliberale Form des Kapitalismus speziell in Osteuropa nicht funktionieren könne. Letzteres sollte Anlaß zum Nachdenken geben, wie in der Region soziale Gerechtigkeit im Verbund mit Demokratie erreicht werden kann.

 

Dokumentation Interview mit Slavoj Zizek
Der slowenische Psychoanalytiker und Philosoph Slavoj Zizek über die Folgen des Kriegs in Europa

FREITAG: Herr Zizek, was hat sich, aus Ihrer Sicht, durch den Kosovo-Krieg an der Situation der Balkanstaaten verändert, verglichen mit der Lage vor der Nato-Intervention?

SLAVOJ ZIZEK: Grundsätzlich hat dieser Krieg die Ursachen für sein Zustandekommen nicht aus der Welt geschaffen, die Konflikte in dieser Region bleiben daher bestehen. Trotzdem haben sich einige Dinge verändert, zum Guten wie zum Schlechten. Gut ist, daß Milosevic´ mit dem Kosovo die Grundlage für seinen Kampf verloren hat. Zum ersten Mal wurde seine Herrschaft unterminiert. Jetzt ist klar, daß das Opfer seiner zerstörerischen Politik in letzter Konsequenz Serbien selbst sein wird. Damit wurde seine nationalistische Legitimation ernsthaft in Frage gestellt. Schlecht ist, daß die Politik einer neuen globalen Ordnung durch den Krieg beschädigt wurde. Was sich in der neuen Solidarität zwischen ehemaligen Ostblockländern und in den internationalen Reaktionen auf China ankündigte, ist der Anfang einer Restrukturierung der Welt. Man kann sagen, daß der Kosovokrieg eines Tages rückblickend als der Startpunkt einer neuen Weltordnung betrachtet werden wird. Und schon jetzt wurde deutlich, daß die liberale Demokratie westlicher Prägung auf keinen Fall diese neue Weltordnung sein wird.

Warum nicht?

Schon das Beispiel Rußlands zeigt, daß sich aus der Ökonomie inhärenten Gründen, nicht aus politischen, ein globaler Kapitalismus nicht universalisieren läßt. Es gibt Länder, die von diesem System für immer ausgeschlossen bleiben werden. Deshalb vertrete ich die Auffassung - und nicht aus irgendeiner naiven, pro-russischen Sentimentalität -, daß das Interessante im Moment ist, was in Ländern wie Rußland passiert. Sie befinden sich in einer Zwickmühle. Kapitalismus wird dort nicht funktionieren. Also werden sie entweder zurückkehren zu einem proto-nationalistischen, soft-faschistischen System oder sie werden aus ihrer mißlichen Lage heraus eine Alternative erfinden. Eine praktikable Alternative zu dieser völlig falschen Opposition von kapitalistischem Wirtschaftsliberalismus einerseits und Fundamentalismus, Protofaschismus und so weiter andererseits. Durch die NATO-Intervention im Kosovo identifizieren eine ganze Reihe von Ländern die Durchsetzung der Menschenrechte jetzt mit der gewaltsamen Durchsetzung westlicher Ideologie.

Vielleicht wird dieser Krieg neue, politische Bündnisse nach sich ziehen, gedacht zur Verteidigung gegen einen westlichen aggressiven Imperialismus könnten sie sich als Bündnisse gegen Demokratie entpuppen.

Aber selbst diese, negativ zu beurteilenden Konsequenzen des Krieges, können noch eine gute Seite haben: Länder, die ihren Weg in einen liberalen Kapitalismus nicht finden, sind gezwungen, nach Alternativen zu suchen. Das gibt mir ein bißchen Hoffnung.

Sie haben häufiger davon gesprochen, daß der post-jugoslawische Konflikt im Westen falsch verstanden wird. Könnten Sie erklären, worin dieser Konflikt aus ihrer Sicht besteht?

Vielleicht klingt es geschmacklos, weil das, was ich gleich sagen werde, an einen Ausspruch erinnert, der Joseph Goebbels zugeschrieben wird: Wenn ich höre, wie immer wieder behauptet wird, daß auf dem Balkan jahrhundertealte Konflikte ausgetragen werden und wir es mit einer sehr schwierigen inter-ethnischen Situation zu tun haben, entsichere ich meinen Revolver. Das ist der Ursprung der Mystifizierung. Diese Flucht in die Vergangenheit, die Vorstellung, daß es sich um eine komplexe Situation handelt, funktioniert als Entschuldigung dafür, daß man die gegenwärtige politische Situation nicht analysiert. Natürlich stimmt es, daß es diese alten Leidenschaften gibt, aber die waren immer da, unter Tito, vor dem Krieg ... Die Frage ist nur, warum sind sie gerade jetzt explodiert?

Der Auslöser war kein nationaler Charakter, kein serbischer Primitivismus. Auch wenn ich mit dem serbischen Regime überhaupt nicht einverstanden bin und nicht glaube, daß man sich auf das Spiel böses Regime gegen gutes Volk einlassen darf, muß man doch anerkennen, daß in den letzten Jahren Ex-Jugoslawiens, im Nachkriegs-Jugoslawien, Serbien zweifellos die Nation mit dem größten demokratischen Potential war. Also, das serbische Volk trägt Verantwortung, was aber nichts mit seinem angeblich orthodoxen Balkan-Charakter, sondern mit einer sehr spezifischen Situation während der Auflösung Jugoslawiens zu tun hat.

Milosevic´s System war ein Weg für die alte Nomenklatura zu überleben. Ähnlich war es in Kroatien. Man sollte nicht vergessen, daß die Mehrheit der Mitglieder der kommunistischen Partei des alten Kroations jetzt die Mehrheit in Tudjmans Partei stellt. Ich behaupte, wir haben es mit einem modernen politischen Machtkampf zu tun. Die Frage der Eliten, wer die Macht übernehmen wird, gehört zu dieser Dynamik.

Der zweite Punkt ist, kurz gesagt, folgender: Es ist falsch, in Milosevic´ den letzten Garanten des alten Jugoslawiens zu sehen, im Gegensatz zur Sezession der anderen Teile. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Mit Titos Jugoslawien, wie wir es kannten, mit seinen guten und schlechten Seiten, relativ tolerant, multikulturell, war es in dem Moment vorbei, als Milos?evic´ die Macht übernahm. Er war der erste Politiker, der vollständig anerkannte, daß Tito tot ist: »Titos Vermächtnis ist tot.« Er hat die Regeln geändert. Danach gab es keine Chance mehr, Jugoslawien zusammenzuhalten. Die einzigen Möglichkeiten waren entweder Explosion oder ein neues serbisch dominiertes Jugoslawien.

Slowenien, Mazedonien, auch Kroatien, haben sich nicht abgespalten vom alten Jugoslawien. Ihre Unabhängigkeitserklärungen waren eine Reaktion auf Milosevic´. Deshalb sind die nachträglich geäußerten Hoffnungen vieler Linker, die immer noch Alternativ-Szenarien nachhängen, zum Beispiel, daß Markovic, der letzte föderale Premierminister, keine Chance gehabt hätte, weil Slowenien zu früh anerkannt wurde, nichts als Illusionen. Diese Szenarien sind deshalb falsch, weil sie unterstellen, daß es möglich gewesen wäre, mit Milos?evic´ einen Deal zu machen. Das war es nicht! Milos?evic´ hat die Regeln geändert. An dem Punkt war es aus.

Sie haben Milosevic gelegentlich als die andere Seite der europäischen Medaille bezeichnet. Milosevic , den man ausgrenzt als das Andere, das Fremde, das aber gleichzeitig Teil des eigenen Selbst ist. Ist der Sieg des Westens, so gesehen, vor allem ein Sieg des Westens über sich selbst?

Sicher, man kann sagen, daß der Balkan als eine Art Bildschirm für die Phantasien des Westens funktioniert, auf den er sein Unbewußtes projiziert. Aber diese Dialektik ist noch komplizierter. Das eigentlich Spannende an dieser Verkennung des Balkans ist, daß sie die Art und Weise beeinflußt, wie die Menschen auf dem Balkan sich selbst wahrnehmen.

Darin liegt zum Beispiel das Paradox von Kusturicas Filmen. Er erscheint als der Inbegriff des authentischen, leidenschaftlichen Balkan-Künstlers im Gegensatz zum blutleeren Westen. In seinem Film Underground, behaupte ich, spricht er aber nicht über den Balkan, sondern inszeniert die westlichen Phantasien vom Balkan. Meine Kritik an Kusturica ist also nicht, daß er zu sehr »typisch Balkan« ist, sondern, daß er diese westliche, pseudo-authentische Sicht übernimmt. Das westliche Phantasma ist der Schlüssel zu seinem Erfolg.

Ein weiteres Paradox besteht beispielsweise darin, daß der Rassismus-Vorwurf gegenüber dem Balkan selbst rassistisch ist. Der Andere wird auf rassistische Art und Weise ausgeschlossen, mit der Begründung, daß er rassistisch ist. Das heißt, der Vorwurf »Du bist ein Rassist«, kann selbst auf rassistische Art und Weise funktionieren. Es gibt viele Formen von Rassismus im Zusammenhang mit dem Balkan. Rassismus ist heute ein reflektierter Rassismus. Ich benutze diese Formulierung als ironische Antwort auf Ulrich Becks Theorie der Reflexivität heutiger Gesellschaften. Das heißt, wenn man zu einem Rassisten geht und sagt: »Hör mal, dir ist doch klar, daß dein Rassismus nichts Authentisches hat, er ist einfach ein Produkt«, dann wird er diese Erklärung akzeptieren und trotzdem Rassist bleiben. Das ist ein Paradox der zynischen Vernunft. Ich weiß sehr gut, was ich tue und tue es nichtsdestotrotz. Diese Impotenz der reflektierenden Aufklärung bleibt ein Rätsel.

Was wir also als einen Ausbruch primitiver Leidenschaften erleben, sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich dabei immer um »zweite Natur« handelt, um Folgen einer bestimmten Dynamik des Spätkapitalismus.

Geht vielleicht deswegen der Ruf nach einer zweiten Aufklärung auf dem Balkan fehl? Man sagt, der Balkan brauche eine zweite Aufklärung, damit der Westen nicht erneut gezwungen ist, einzugreifen.

Ich würde sagen, daß der Westen selbst eine zweite Aufklärung braucht. Das Problem ist nicht der Balkan. Das Balkan-Problem ist das Ergebnis einer globalen »Dialektik der Aufklärung«. Für mich ist der Schlüssel dieser scheinbar neutrale, westliche, unschuldige, tolerante Blick, der überall um sich herum Fanatismus und Fundamentalismus sieht. Dieser Blick selbst müßte problematisiert werden. Warum? Weil die Art und Weise, wie man sich auf ethnische Toleranz oder Intoleranz bezieht, eine Art mystifizierende Verlagerung einer an sich ökonomischen Problematik darstellt.

Welche Folgen sehen Sie für die Politik?

Ein Beispiel: Wir sprechen heute nicht mehr von der Arbeiterklasse. Als eine Art Ersatz sprechen wir von Arbeitsimmigranten und ihren Rechten usw. Nicht, daß Sie mich falsch verstehen: natürlich unterstütze ich die Immigranten in ihrem Kampf um Gleichberechtigung. Aber durch diese Verschiebung und Ersetzung verlieren wir das ökonomische Problem, es wird unmerklich in ein Problem ethnischer Toleranz und Xenophobie verwandelt. Sind wir in der Lage, den Anderen zu unterstützen? Sind wir in der Lage, mit dem Fremden zusammen zu leben? Die Ausbeutung der türkischen Bevölkerung in Deutschland beispielsweise wird reinterpretiert als ein Ausdruck kultureller Intoleranz. Ein bedauerliches Resultat dieser Entpolitisierung besteht darin, daß die Linke einen Pakt mit dem Teufel gemacht hat: Sie weiß, der Kapitalismus bleibt, und das einzige, was sie noch machen kann, weil in ökonomischer Hinsicht sowieso alle das gleiche fordern, ist, dieses PC-Spiel zu spielen. Der Preis, den man dafür zahlt, wenn man diese Probleme kultureller Identität, Sexismus, Rassismus, von den ökonomischen Kämpfen isoliert, ist der - das kann man sehr gut in Frankreich beobachten -, daß die Arbeiterklasse nun von der neuen Rechten mobilisiert wird.

Als man versuchte, das Phänomen Le Pen zu erklären, sah ich im Fernsehen, wie er sich bei einem Parteitag auf dem Podium mit ein paar Schwarzafrikanern, Juden und Algeriern präsentierte, sie umarmte und sagte: »Sie sind so französisch wie ich, sie sind nicht unsere Feinde. Unser Feind ist das unpatriotische Großkapital, das Frankreich betrügt.« Die Tragödie der Entpolitisierung auf Seiten der modischen Linken ist, daß die neue populistische Rechte jetzt den Klassenkampf führt und zur einzigen Macht wird, die die Arbeiterklasse anspricht.

Welche Rolle spielte diese Entpolitisierung im Kosovo-Krieg?

Da haben wir ein weiteres, schönes Paradox: Ist Ihnen aufgefallen, daß ein europäischer Linker wie Pierre Bourdieu einen Begriff übernommen hat, der noch vor zehn Jahren ein Motto der Rechten war? Bourdieu hat einmal im Zusammenhang mit dem Erhalt des Sozialstaats in Europa von der »Festung Europa« gesprochen. Ich fand diesen Rollentausch zutiefst paradox. Ich glaube nicht, daß eine Festung Europa die Lösung sein kann. Als ein weiteres Ergebnis des Kosovo-Kriegs wird, glaube ich, in den nächsten Jahren so etwas wie ein schweigender Pakt zwischen rechts und links zustandekommen, soweit man diese Begriffe noch auf Westeuropa anwenden kann. Der Isolationismus in Westeuropa wird noch zunehmen. Der Streit wird sich darum drehen, wo die Grenze gezogen wird: Wen läßt man hinein und wen läßt man draußen? Ungarn, Polen, Tschechien, Slowenien - die Frage ist, wo man die Grenze in Osteuropa ziehen wird. Der Eiserne Vorhang wird ein bißchen weiter nach Osten verschoben.