Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
17:44
22.08.2019

-Viele betrachteten die Kosovaren als keine gleichwertigen Menschen-Erfahrungen aus 13 Monaten zwischen Balkan und Hindukusch 2003-2006

Vorbemerkung der Redaktion:
Nachfolgend dokumentieren wir Auszüge aus dem Kriegstagebuch eines Oberstleutnants der Bundeswehr, über seine Zeit in Kosova.. Es zeichnet ein realistisches Bild des Einsatzes der Bundeswehr. Aus dem Tagebuch geht klar hervor, dass entgegen der bekanten Propagandafloskeln, die Bundeswehr keine „ Humantruppe“ mit kompetenten Lösungskonzepten ist.

Realistisch beschreibt der Oberstleutnant die Rolle der Bundeswehr. Er kommt zu der konkreten Erkenntnis, dass die „ Bundeswehr oftmals als Besatzungstruppe empfunden wird“. Deutlich geht aus dem Tagebuch auch hervor welche „ Geisteshaltung“ in der Truppe dominiert. Der Oberstleutnant reflektiert sehr kritisch den Einsatz der Bundeswehr, in Kosova und an anderen Stellen der Welt.

Dokumentation:

Inhalt

Einführung
Kosovo - mit guten Erinnerungen an den Amselfelder

"Aber beginnen wir mit der Fahrt vom Flughafen Skopje/Mazedonien zum Feldlager Prizren/Kosovo, eine mehrstündige Fahrt über anschauliche Berge und Täler.

Der erste Eindruck des Kosovo löste bei vielen Soldaten einen kleinen Kulturschock aus. Wir fuhren von Mazedonien kommend, durch einen großen Teil des Landes, im Buskonvoi. Allerdings wurde hier alles außer acht gelassen was wir vorher gelernt hatten. Wir wurden so ähnlich wie eine Neckermannreisegruppe auf die fünf Busse verteilt, über Marschstrecke und Verhalten in außergewöhnlicher Situation gab es keine Aufklärung.

Der Unrat an den Straßenrändern und die unfertigen Häuser waren so beherrschend, dass sie bei vielen Soldaten negative Vorurteile, gegenüber der heimischen Bevölkerung, auslösten. In vielen Gesprächen im Nachgang sah ich mich von dieser einmal gewonnenen Geisteshaltung konfrontiert. In der ungünstigen Schlussfolgerung führte es dazu, die Kosovaren nicht als ebenbürtige Menschen zu sehen, eine fatale Schieflage. Leider wurde hierauf nicht in ausreichendem Maß reagiert und als ich einmal mit einem Kleinfahrzeug von A nach B fuhr und mein Fahrer eine wartende Autoschlage verkehrswidrig überholte, und ich ihn auf sein Fehlverhalten ansprach, war sein Kommentar von fremdenfeindlicher Einstellung geprägt ( Besatzermentalität ). Dies ist allerdings eine Begebenheit dessen Ursachen nicht offensiv genug besprochen werden und sich durch den Kontingentalltag wie ein roter Faden zieht. 

Wir waren ganz überwiegend in festen Unterkünften untergebracht, meistens dreistöckige Wohnblocks, konventionell gebaut. Am Stadtrand von Prizren waren wir hier am Berghang bestens untergebracht und hatten eine tolle Fernsicht auf die malerische Kulisse der umliegenden Gebirgsketten.

Von dieser alten serbischen Kasernenanlage war nur noch das zerbombte Hauptgebäude übriggeblieben, was wegen der erhöhten Unfallgefahr, natürlich gesperrt war, so wurde dieses deutsch geführte Lager relativ neu aufgebaut.

Sonntags begann der Dienst erst gegen Mittag und so konnte man zumindest einmal in der Woche ausschlafen. Dies aber nur dann wenn sich alle auf der Unterkunft darüber einig waren, bei Schichtdienstlern gab´s da Probleme.

In der anfangs ruhigeren Zeit, war zumindest theoretisch ein Ausgang in die Stadt grüppchenweise denkbar, da dies aber regelmäßig von der schriftlichen Zustimmung des Kommandeurs abhing war diese Ausgangsregelung praktisch für die meisten Soldaten nicht anwendbar.  Schade hierbei war nur, dass unsere ausländischen Kameraden großzügigere Ausgangsregelungen hatten.

 Es war schon bemerkenswert in welcher Art und Weise die Kameraden über die Strenge schlagen konnten, die richtige Anwendung der Alkoholregelung war ein ständiges Thema, auch immer mit der besonderen Note, dass man  immer und überall seine Waffe nebst Munition am Mann/Frau trug. Interessant ist, dass die Trageweise der Waffe jedem Soldaten freigestellt ist, sie muß nur offen getragen werden, ansonsten sind aber alle Arten von Holstern erlaubt und das gibt immer wieder interessante Bilder, der Wilde Westen lässt grüßen!

Auch wurde über die Notwenigkeit debattiert, ob man die Waffe denn nun wirklich immer dabei haben müsse. Aber spätestens als es nicht mehr um die Bedrohungslage, sondern um die Frage,  der Höhe des Auslandsverwendungszu-schlages ( AVZ ) sich handelte, war das Votum für die Beibehaltung der bestehenden Regel. Hier war immer wieder interessant, dass die AVZ-Sätze nach der angenommenen Gefährdungslage gezahlt werden, also auf dem Balkan geringer sind als in Afghanistan wo derzeit. 92,03 Euro täglich der deutsche Soldat bekommt.

Jeder weiß, dass man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen darf, aber hinschauenswert ist es schon wie die anderen Nationen dieses Thema behandeln. Diese zahlen i.d.R. einen einheitlichen hohen Auslandsverwendungszuschlag, egal in welchem Land der Soldat eingesetzt wird.                                   

Dieser liegt mindestens bei Franzosen, Italienern und Spaniern um einiges höher als bei der Bundeswehr. Natürlich muß man steuerliche und rentenspezifische Aspekte mit einbeziehen, auch die Höhe des Grundgehaltes, aber wenn man dies alles berücksichtigt, stehen eben viele andere Nationen, entlohnungsmäßig besser da.

Aber auch ein weiterer Aspekt von Alkoholkonsum und Waffentragen ist immer wieder interessant, nämlich das Nichtbefolgen von Regeln zur Eindämmung des Alkoholkonsums. Hier gibt es ganz unterschiedliche Ansätze, z.B. eine Zweidosen-regelung, die besagt, dass eben nur zwei Dosen Bier, am Abend, getrunken werden dürfen, oder die Regel, eben noch einen halbwegs nüchternen Eindruck zu machen. Allen Regeln, die aber allesamt den Alkoholkonsum nicht gänzlich untersagen, ist gemein, dass die Kontrollierbarkeit nur sehr eingeschränkt möglich ist. Auch ist die Verbindung von Waffen tragen und Alkoholzunahme per se problematisch. Überwiegend müssen auch die Mannschaftsdienstgrade ihr Sturmgewehr in allen Lebenslagen, ob in der Betreuungseinrichtung, Kantine oder beim Toilettengang dabei haben Hier lassen wir uns wohl stark vom amerikanischen Vorbild beeinflussen, was die Trageweise von Waffen anbelangt. Im Gegensatz zur Bundeswehrpraxis haben die Amerikaner ein striktes Alkoholverbot.

Schaut man sich die Vorkommnisse der Beschwerden und Eingaben einmal genauer an, kann man den Eindruck gewinnen, dass so Mancher noch nicht im Einsatz an-gekommen ist. Es wird sich meist über Dinge beschwert, die so kleinlich sind, dass sie bei einem Vergleich mit einem privaten Unternehmen nicht mal vom Betriebsrat aufgegriffen werden würden.

Aber wieder zurück in die besonderen Abläufe in Prizren. Wir waren eingebettet in eine multinationle Brigade, zu unserer Zeit führte ein italienischer General die Brigade und ein deutscher Oberst war sein Stellvertreter. Der Letztgenannte war natürlich auch Vorgesetzter aller deutschen Soldaten im Kontingentanteil. Es gab einen multinationalen Stab und einen Nationalen. Im Letztgenannten hatte wiederum ein deutscher Stabsoffizier die Befehlsgewalt. Somit gab es deutsche Soldaten, die einem internationalen Kommando unterstanden und solche, die nur auf dem rein nationalen Strang angesiedelt waren. Dies ist für viele Zusammenhänge eine ganz wichtige Unterscheidung die allerdings nur in sehr unzureichendem Maß den Soldaten vor und während des Einsatzes erklärt wurde, denn die Masse der Soldaten ist national eingesetzt. Somit haben die meisten Soldaten im Dienst keinen internationalen Kameraden zu kontaktieren und das Verstehen der spezifischen Aufgabenstellung ist nicht immer einfach. Damit kommt das Zusammengehen der verschiedenen Nationalitäten auf das persönliche Sendungsbewusstsein eines jeden Einzelnen an.

Im Umgang mit unseren anderen internationalen Kontingentpartnern ist ohnehin ein Höchstmaß an Fingerspitzengefühl angesagt, es ist schon ein Gutes wenn sich die jeweils höchsten Militärs gut verstehen.

Es ist auch immer wieder bemerkenswert, gesehen zu haben, mit welcher besonderen Höflichkeit die verschiedenen Nationalitäten miteinander umgegangen sind. Spätestens wenn allerdings internationale Verwicklungen, ausgelöst durch Dummheit, Überheblichkeit oder falscher Einschätzung der anderen Geflogenheiten auftraten, reagierte die deutsche Seite meist mit starker Hand. Dann wurden Schuldige auch schnell aussortiert und nach Hause geschickt.

Gleiches galt für fehlenden Respekt vor der einheimischen Bevölkerung. Allerdings sollte man wohl noch stärker in der Vorauswahl darauf achten, welche Geisteshaltung militärische Vorgesetzte in Schlüsselfunktionen mitbringen. Fremdenfeindliche Äußerungen, im Vorfeld von Auslandseinsätzen, muss diese Soldaten von vornherein disqualifizieren. Die Rückführung von Vorgesetzten ist dann schon mehr ein Akt der Verzweifelung, der angerichtete Flurschaden fast nicht mehr eindämmbar, weil der Bazillus schon auf andere Kameraden übergesprungen sein kann. Wer z.B. die Kosovaren als Untermenschen tituliert und auch nicht davor zu-rückschreckt, diese im Spaß zu exekutieren, gehört nicht in die Armee.

Es gibt aber auch noch einige relevante übergeordnete Aspekt die den Auslandseinsatz negativ beeinträchtigen.

Nicht von ungefähr versuchen viele Berufs und Zeitsoldaten sich von der Verwendung im Ausland fernzuhalten. Auch die jetzigen vier Monate sind immer noch stressig und familienfeindlich. Denn in den vier Monaten gibt es keine Familienheimfahrten, der angesparte Urlaub muss im Nachhinein genommen werden. Es gibt Anzeichen, das der Soldat, übrigens egal welchen Dienstgrades, nur noch als Dienstleister gebraucht wird, dass Stichwort „ Innere Führung" verkommt zu einer bloßen Worthülse. Diejenigen die mehr gelernt haben, in welcher Verwendung auch immer, haben dadurch keinerlei Bevorzugung  zu erwarten. Ob Mannschaften, Unteroffiziere oder Offiziere alle werden gleich behandelt. Bei der Unterbringung, Essen oder allen anderen Dingen des täglichen Lebens, findet dies, mindestens im Einsatz, seinen Niederschlag. Briten und Franzosen machen hier durchaus Unterscheidungen, sodass die einzelnen Dienstgradgruppen auch eigene Betreuungseinrichtungen vorhalten oder das es sich bei der Unterbringung begünstigend auswirkt. Wenn nur noch die Entlohnung Maßstab des Handelns ist, sollte man dieses Tun hinterfragen.

Aber nun zur Entwicklung im Kosovo zurückkehrend, erinnern wir uns, dass es im Frühjahr 2004 zu den massivsten Unruhen der jüngeren Geschichte kam. Denn mit den vielen zerstörten Kirchen und mehr als 650 abgefackelten Häusern ging der Traum von einem muli-ethnischen Kosovo zuende und das Vertrauen in die ca. 20000 Mann starke internationale Friedenstruppe.

Aus meiner Sicht war das absehbar, weil es einige Faktoren für diese Entwicklung gab. Die latente Unzufriedenheit der Kosovaren über das Nichtvorankommen der internationalen Statusklärung, dieses Teilgebietes des ehemaligen Jugoslawiens, gehört dazu.

Die Serben haben immer noch die Eigentumsrechte an den meisten größeren Liegenschaften und blockieren damit eine wie auch immer geartete Weiter-entwicklung. Der wirtschaftliche Aufschwung lässt auf sich warten und die Arbeitslosigkeit ist erdrückend. Nur weil die Familienstrukturen sehr intakt sind, ein Familienmitglied eventuell in Deutschland oder Skandinavien arbeitet und dadurch Transfereinkommen beisteuern kann, können die Kosovaren in ihrer Heimat einiger-maßen überleben.

Hinzu kommt, das wir Deutschen und andere Nationen für 2004 eine deutliche Reduzierung der Kräfte angestrebt hatten. Ich sollte selbst, mit diesen Plänen, im Dezember 2003, zur Truppenstellerkonferenz reisen, wo diese Maßnahmen abgestimmt werden sollte.

Ebenso löste eine Verhaftungswelle von TMK-Generälen,  ( Nachfolgeorganisation der Armee, als Technisches Hilfswerk tituliert ) die im Volk eine hohe Popularität genießt, durch die NATO, eine Verstimmung der Altforderen aus. In der Gesamtbetrachtung kann man folgendes festhalten:  Die Unruhen waren eine strategisch angelegte Operation, die zum Ziel hatte, wieder den Fokus auf den Brennpunkt des Balkangeschehens zu richten, was den Unruhestiftern auch vollends gelang.

In Deutschland gab es einen großen Aufschrei. Ein Untersuchungsausschuss konnte nur knapp verhindert werden. Unrühmlich ist für mich die Konsequenz, indem haupt-sächlich an der Ausrüstung nachgebessert worden ist, indem nun Tränengas, Gummigeschosse und andere nicht tödliche Wirkmittel eingesetzt werden können. Von den Führungsfehlern hat man, zumindest aus den Zeitungen, keinen Hinweis erhalten. So wie ich nur einige Wochen vorher das Erzengelkloster, mit seinem Bundeswehrschutz, der an eine mittelalterliche Festung erinnerte, kennen gelernt hatte, kann es sich in erster Linie nicht um das Fehlen von Schutzmaßnahmen  handeln, sondern um unklare Befehlsausübung. Das Kloster war hermetisch abgeriegelt, sodass man grundsätzlich den Demonstranten nicht direkt gegenüber stand. Bei richtiger  Kommunikation wäre rein praktisch auch luftverladene Verstärkung in wenigen  Minuten aus dem Lager Prizren herübertransportiert worden. Hier muss man nach den tatsächlichen Entscheidungssträngen fragen. Ist der deutsche stellvertretende Kommandeur oder der italienische Brigadekommandeur verantwortlich? Welche Rolle hatte die KFOR-Führung, die damals von einem deutschen General besetzt war? Welche Entscheidungskompetenz wird dem NATO-Hauptquartier zugestanden und hat auch noch das Einsatzführungskommando seine Hand mit im Spiel, weil es die Auslandseinsätze der Bundeswehr koordiniert?

Auf meine Frage, an den Kommandeur der KFOR, anlässlich eines Besuches,  im Dezember 2003, ob denn diese Phase des Umbruchs nicht zu einer erhöhten Gefahr gereichen würde, wurde mir mit einer beruhigenden Seelenmassageantwort ent-gegnet.

Im Ergebnis ist jedenfalls festzustellen:

Wir Deutsche und die anderen Truppenstellerstaaten behielten die volle Präsenz bei und die Kosovaren konnten den Eindruck gewinnen man habe sie noch nicht vergessen. Daran mögen übrigens diejenigen denken, die die nächste größere Reduzierung unseres Truppenkontingents einleiten und durchführen wollen!

Auch die große Masse der Hilfsorganisationen hatte sich zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon aus dem Land verabschiedet, somit flossen auch nur noch spärliche Spendengelder.

Natürlich kann ich auch über ganz positive Begebenheiten berichten. Unsere CIMIC-Kräfte, also die Zivil-militärische Zusammenarbeit, mit ausgesuchten Projekten, funktionierte an einigen Stellen, so auch im Aufbau einer effizienteren Landwirtschaft. Das Kosovo war die damalige Kornkammer Jugoslawiens.

Auch die Eigeninitiative in einer der ehemals größten Weinfabriken des Amselfeldes ist lobenswert. Kosovaren waren wieder dabei, Rotwein nach Deutschland zu exportieren, allerdings nur zur Veredelung, denn die Ausfuhr von Wein, ist wegen der EG-Bestimmungen, dem Kosovo nicht gestattet. Am Rand sei darauf hingewiesen, es lagern noch einige Millionen Liter Wein in den Fässern und sind immer noch genießenswert!

Aber wieder zurück zum Alltag im Feldlager um auch hier die Besonderheiten des Einsatzes zu beleuchten.

Das Zusammenleben in der Soldatengemeinschaft hat seine Eigengesetzmerkmale. Gerade hier wo besonders viele Deutsche Soldaten aus allen Teilstreitkräften und allen Waffenfarben zusammenkamen gibt es Betreuungseinrichtungen für fast jede Gattung: Pioniere, Grenadiere, Feldjäger oder auch die Sanitäter. Jede  Waffengattung richtet sich individuell ein, kommen können dann alle, natürlich auch die ausländischen Kameraden, umgekehrt gilt gleiches. Richtig voll war es an Wochenenden, in der sogenannten Sun-Shine-Bar, weil hier der größte Anteil von weiblichen Sanitätspersonal vertreten war und dies hatte seine besondere Anziehung. Somit ist der abendliche Ausgang, so denn man Zeit hat, in eine der diversen Betreuungseinrichtungen des öfteren angesagt. Für die Sportbegeisterten gab es natürlich auch gut sortierte Fitnesszelte und eine Turnhalle stand ebenfalls zur Verfügung. Die die Sport auch zu Hause betreiben kamen hier voll auf ihre Kosten. Das Lesen oder Fernsehen in den Unterkünften war weniger beliebt, weil die wenig einladende Möbellierung und die empfundene Enge nicht gerade einladend sind.  Auffallend war, dass sich die Meisten einen oder mehrere Ansprechpartner suchten. Somit konnte sich ein Vertrauensverhältnis bilden und viele nutzten gern die Möglichkeit die eigenen Wahrnehmungen mit einem Anderen  auszutauschen. Auch ich habe für mich schnell erkannt wie wichtig verlässliche Gesprächspartner sind.  Denn für die Meisten galt, dass sie nicht täglich mit ihren Vertrauten zu Hause kommunizieren konnten und das das auch immer Verlust an Nähe beinhaltete. Die Alltagssorgen, der Lieben zu Hause zu lösen, ist ohnehin im Einsatz nicht möglich. Somit ist der Abstand auch hilfreich.

Es gab sogar Kontakt zu Einheimischen im Lager, z.B. dem durchaus ansehens-werten Bedienungspersonal in den diversen Betreuungseinrichtungen. Aber wer nun glaubte, dass dieser Umstand zu wilden zwischenmenschlichen Beziehungskisten ausgenutzt wurde, irrte, denn die ortsansässigen Arbeitskräfte ( die unschöner Weise oft „Locals" genannt wurden ) wussten um den hohen Stellenwert ihres Arbeitsverhältnisses. Bei uns Deutschen im Lager verdiente eine Reinigungskraft mehr als ein kosovarischer Schullehrer.

Ansonsten machten die Einheimischen auf mich einen sehr positiven Eindruck, trotz bekannten, schwierigen Lebensumständen, sah ich überall freundliche Gesichtszüge und dies nicht nur uns gegenüber. Auch und gerade die jungen Menschen waren auf den ersten Blick nicht von unserer Jugend zu unterscheiden. Jeans und T-Shirts gehören auch im Kosovo zum üblichen Sortiment.

Auffallend war für mich auch, dass der Anteil der gut gewachsenen jungen Menschen höher ist als bei uns zu Hause. Natürlich ist daran auch die nicht so üppig vorhandene tägliche Speisefolge mitverantwortlich, aber dies soll nicht miß- verstanden werden.

 Ein paar Wochen später fegten die erwähnten Unruhen durch das kleine Land und drehten die Uhr wieder zurück. Abgesehen von den Fehlern die wir auch wohl im Führungsverhalten gezeigt haben, kann zumindest bei den Kosovaren der Eindruck hängen geblieben sein, dass es ein Zurückweichen der deutschen militärischen Kräfte gegeben hat. Für die Psyche dieses Menschenschlages ist das eine besondere Größe denn sie kennen die Kriegsführung noch unter dem biblischen Spruch „ Auge um Auge, Zahn um Zahn „! Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass unser guter Ruf als Soldat, der noch in vielen Köpfen der älteren Bevölkerung existent ist, gelitten hat.

Wir wundern uns heute über den zunehmenden Terrorismus. Gerade für das Kosovo des Jahres 1999 galt, dass die NATO massive Luftschläge ausgeführt hatte und letztlich erreichte, dass die Serben sich zurückzogen. Die NATO verlor keinen Soldaten. Wissen wir wie viel zivile Opfer es gegeben hat? Auch die zerbombte Infrastruktur schafft  uns in der Bevölkerung nicht nur Freunde. Auch hier ist zu hinter-fragen wie ohnmächtig sich die Menschen fühlen müssen, die mit ansehen wie militärische Kräfte Zerstörung anrichten und es keine unmittelbare Gegenwehr gibt, weil man die Flugzeuge nicht vom Himmel holen kann.

Genau diese Art der Kriegsführung, überwiegend von den Amerikanern forciert, bringt uns in vielen Auseinandersetzungen in eine schwierige Gemengelage. Der Waffengang wird gewonnen aber in der danach einsetzenden Befriedung des Landes wird durch Terror, bzw. Partisanenkrieg, der Stabilisierungsprozess untergraben.

 Allerdings muss sich die Weltgemeinschaft noch heute sagen lassen, dass der Status des Kosovo  noch nicht gelöst ist, trotz mehrfacher Ankündigungen, gerade der westlichen Länder.

In dem Bewusstsein dabei gewesen zu sein flog ich, mit einer Bell U1D, an dem Tag von Prizren nach Skopje, an dem der kroatische Ministerpräsident im Gebirge abgestürzt war und unsere Pilotencrew sich noch an der Suche beteiligen sollte."

 

Anmerkung der Redaktion- Den Textauszug haben wir aus der „ Linken Zeitung“ entnommen. Der komplette Artikel ist nachzulesen unter http://www.linkezeitung.de/cms/content/view/2170/32/