Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
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21.09.2019
Der Charakter des Menschen und die Gesellschaft - Dokumentation einer Erzählung des bekannten albanischen Schriftstellers Dritero Agolli aus dem Jahr 1998.

Mich wundert eine Sache und es ist mir noch nicht gelungen sie zu verstehen. Wieso die Leute, nachdem sie einen Laden, eine Bank oder eine Bibliothek ausrauben, diese niederbrennen oder zerstören? Wieso sie, nach dem sie einen Menschen beraubt haben, diesen töten? Woher kommt eine solche Entwürdigung der Persönlichkeit des Menschen und ein nie gesehener Sadismus? Wenn du sagst von der Armut, wird das nicht geglaubt; wenn du sagst vom Neid gegenüber jenem, der reich ist, überzeugt dich auch das nicht; wenn du sagst, es rühre von der Unterdrückung innerhalb der Kollektivität her und dass später aus unserem Sein alle Leidenschaften ausbrachen, einschliesslich auch der schlechten, auch dies ist nicht sehr glaubhaft. Vielleicht, in einer durch den angestachelten gegenseitigen Hass der Parteien verwilderten Gesellschaft lebend, werden einige gefühls - und charakterschwache Individuen leichter von diesem Hass verschluckt und werden tollwütig? Aber es gibt auch eine andere Auffassung, die zu diesen Verwilderten passen könnte. Früher haben einige Genetiker die Abstammung einer Reihe von Kriminellen untersucht. Sie haben festgestellt, dass der grösste Teil aus Familien abstammte, die von Generation zu Generation zum Verbrechen, das sie begingen, angeleitet wurden oder Verbrechen begingen. So dass das Verbrechen, gemäss dieser Genetiker, vererbt wurde. Ein wenig anders erklärt dies Dostojewskij. Er sagt, dass im Wesen des Menschen der Kern des Schlechten stärker sei als der des Guten. Darum hebt jener den Kopf schneller, wenn die Bedingungen geschaffen sind. Ich würde die Verwilderung der Gesellschaft mit den kriminellen Neigungen dieser Individuen zusammenbringen. Dieses Zusammenfallen bringt den Sadismus und die Verbrechen hervor.

Und wir wundern uns über die Zerstörungen und Morde nach den Raubüberfällen, die die grössten Überraschungen dieser letzen Jahre sind. Ich werde euch von einem Kirschenbaum, einer Bibliothek und einem Menschen erzählen. Ein Vetter von mir aus Bilishti erzählte mir ein Ereignis. Es war die Zeit als in jenem Jahr 1992 die landwirtschaftlichen Höfe zerstört wurden. Im Juni trifft mein Vetter jenseits des Grabens des Kirschenbaumhains einen Bekannten von ihm, der dabei ist mit der Axt einen hohen Kirschenbaum voll roter reifer Kirschen zu fällen.

• Was machst Du? Bist Du verrückt geworden? Wieso fällst Du ihn jetzt? - sprach der Vetter zu ihm.

• Ich fälle ihn um die Kirschen zu essen - antwortete ihm der andere.

• Aber steige doch auf den Baum und esse sie dort.

• Ich ziehe es vor sie liegend zu essen! - sagte er.

Der Kirschenbaum fiel. Die Kirschen die hinunterfielen, wurden zerdrückt, viele fielen in den Graben und die oberen blieben an den Ästen hängen. Der Bekannte setzte sich rittlings auf den Kirschbaum und begann zu essen.

• Iss bis du zerplatzst! - sagte der Vetter, aber er platzte nicht.

Es ereilte das gleiche Schicksal wie den Kirschbaum auch eine Buchhandlung. Es handelt sich um eine Buchhandlung, die ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe, nachdem ein solches Schicksal Dutzenden und Aberdutzenden von Buchhandlungen zusammen mit Bibliotheken, Kulturhäusern und Museen widerfahren war. Diese waren Träger der Früchte des menschlichen Verstandes, wie der Kirschenbaum Früchte des Verstandes der Natur trug. Die Buchhandlung war in dem Quartier, in dem ich lebe und sie trug den Namen "Flora". Sie hatte früher marxistische Bücher, aber auch literarische und pädagogische. Daneben war auch eine Buchhandlung mit alten Büchern, einige Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts in Bukarest und Sofia herausgekommen. Es gab Bücher von Naim Frashëri, Thimi Mitkos, Çajupi usw. Eines Abends wurde sie von drei vier Leuten überfallen, die Türen wurden aufgebrochen, jeder füllte einen Sacke mit Büchern, Karten und Alben, danach leerten sie Benzin aus und zündeten die Buchhandlung an und schrien mit zwei zum Siegeszeichen erhobenen Fingern, die vor den Flammen wie zwei glühende Kohlen aufleuchteten:

• Feuer, Feuer, Feuer!

Ich ging zusammen mit meiner Frau und vier fünf Bewohnern des Quartiers dorthin.

Meine Frau rief:

• Was macht Ihr! Nehmt alle Bücher mit, aber verbrennt sie nicht!

• Feuer, Mutter, Feuer! - schrien sie, vor den Flammen wie Afrikaner umherspringend.

• Hört auf, denn nun verbrennt Ihr Naim zusammen mit Marx! - bat meine Frau.

Mir gelang es die "Sommerblumen" von Naim Frashëri halb verbrannt an mich zu nehmen, eine Veröffentlichung aus Bukarest, die vom Feuer während hundert Jahren verschont geblieben war.

Auf diese Art wurden später die Bibliotheken von Shkodra, Saranda, Çorovoda, die Landwirtschaftsbibliothek und andere niedergebrannt. Es ist das gleiche wie beim Kirschenbaum, die jener fällte, um die Kirschen liegend zu essen.

Und wie der Kirschenbaum und die Buchhandlung, der eine am Boden liegend, die andere niedergebrannt, traf das Schicksal auch jenen einsamen Emigranten, der von Griechenland mit ein wenig Geld zurückkehrte um es der Frau und den Kindern zu bringen. Sie überfielen ihn, nahmen ihm das Geld ab und töteten ihn. Er bat:

• Nehmt die Drachmen, aber tötet mich nicht, auf mich warten Frau und Kinder.

Sie töteten ihn und gingen ruhig von dannen, indem sie das geraubte Geld zählten.

Ich frage mich erneut selbst: Woher kommt dieser Abstieg der menschlichen Persönlichkeit? Ist der schlechte Kern in seinem Inneren so stark? Ich glaube es nicht. Sie wurde von der grausamen Gesellschaft verwildert, in welcher sich während eines schrecklichen achtjährigen Parteienkampfes, in dem die politischen Gegner bereit sind menschliche Köpfe rollen zu lassen, wie jener, der die Kirschen ass, nachdem er den Baum gefällt und ihn zu Boden gebracht hatte, eine grosse Portion Hass einnistete.