Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
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24.03.2019

Der Herausgeber von Kosova Aktuell- Max Brym- wurde von den Journalisten Reinhard Jellen und Georg Koch zu seinem Buch „ Es begann in Altötting“ für die jüdische Website haGalil interviewt . Wir dokumentieren hier den Teil welcher sich auf Kosova bezieht. Das ganze Interview kann unter http://www.hagalil.com/archiv/2015/07/18/brym-2/ nachgelesen werden. Die Redaktion –

Dokumentation -Der Kosovokrieg wurde mit falschen Rechtfertigungen geführt -Hier gibt es Folgendes zu unterscheiden: Tatsächlich gab es in Jugoslawien eine Jahrzehnte währende Unterdrückung der Kosovo-Albaner. Dagegen begehrten die Kosovaren auf und dieser Widerstand wurde von der NATO instrumentalisiert. Dies aber nicht nur gegen die jugoslawische, sondern auch die kosovarische Seite, denn der Westen bemühte sich sofort, die UCK von linken Mitgliedern zu säubern, die vor dem Krieg innerhalb der UCK eine relevante Gruppierung darstellten. Der einzig reale Grund für die militärische Intervention war die Stabilität: Man traute es Milosevic einfach nicht mehr zu, in dieser Region für wirtschaftliche Stabilität zu sorgen, was hieß, die neoliberalen Reformen weiter durchzuführen, die er als Clinton des Balkans begonnen hatte.

Die serbischen Parteien waren nach Ihrer Darstellung nicht einheitlich. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, trifft das auch auf die UCK zu?

Die UCK hat als ausgesprochen linke Bewegung angefangen: Bis 1998 wusste die USA überhaupt nicht, um wen es sich bei der UCK eigentlich handelt. In dem Buch (Kosova-Kosovo) des damaligen EU-Beauftragten für den Balkan Wolfgang Petrisch beschreibt er folgende Szene: Der amerikanische Botschafter Hoolbroke kommt zu einem UCK-Kommandanten, von dem er annimmt er wäre ein islamischer Fundamentalist, stellt aber nachdem er sich die Schuhe ausgezogen hatte fest, dass sein Gegenüber Stiefel trägt und ein Enver Hodscha-Bild an der Wand hängt, weswegen es ihm erst einmal schwer fällt innerhalb der UCK eine verhandlungsbereite Gruppe zu identifizieren. Dazu musste aber erst die andere Gruppe ausgeschaltet werden. Dies wurde dann auch durchgezogen: Hunderte UCK-Kommandanten sind vor und während der NATO-Intervention verschwunden, aber nicht unbedingt deswegen, weil sie in militärische Einsätze gegen die serbische Armee eingebunden waren.

Zu dieser Zeit wurde Hashim Thaci auf die politische Bühne gehoben, der eigentlich in Den Haag als Kriegsverbrecher hätte angeklagt werden müssen, wo aber alle bis auf eine Person, die gegen ihn ausgesagt hätten, umgebracht wurden, weswegen der letzte verbliebene Zeuge die Aussage verweigerte und es zu keiner Verhandlung kam. Können Sie uns darüber etwas erzählen?

Die UCK-Repräsentanten um Hashim Thaci mutierten zu absoluten Kriminellen: Thaci war zu Beginn seiner politischen Karriere noch ziemlich jung und keiner in der albanischen Bewegung kannte ihn. Dann wurde im Kosovo mit Organen gehandelt und die Familie Thaci hat sich im Wesentlichen den Öl- und Benzinhandel im Kosovo unter den Nagel gerissen. Von der Normalbevölkerung wird die politische Landschaft im Kosovo bis auf eine Partei wie folgt charakterisiert: Die Thaci-Partei besitzt Öl und Benzin und der LDK gehören die Immobilien- und Bauwirtschaft. Von dramatischen Unterschieden braucht man hier also nicht zu reden, allerdings gibt es im Kosovo eine Opposition, die sich selbst als links definiert und eine Jugendbewegung darstellt.

Das Kosovo stellt sich mir dar als ein Pulverfass, wo der politische Gegner nicht unbedingt mit Glacéhandschuhen angefasst wird. Wie kommen Sie da rein?

Ich habe so etwas brotloses wie Philosophie studiert, konnte aber die albanische Sprache und als im Kosovo eine Stelle für internationale Gast-Dozenten ausgeschrieben wurde, war ich relativ konkurrenzlos, denn wer außer den Albanern spricht schon albanisch? So gab ich 8 Jahre dort Unterricht und stellte dabei fest, dass das Bedürfnis für Marxismus, einer alternativen Gesellschaftsform zu den gegebenen Realitäten höher ist als in Deutschland. Das Kosovo hat ja die jüngste Bevölkerung in ganz Europa, jeder Zweite ist unter 25 Jahren und diese jungen Leute politisieren sich jetzt, weil sie mit einem absolut neoliberalen Regime konfrontiert sind. Die Zwei-Klassen-Gesellschaft kann man dort mit dem bloßen Auge wahrnehmen: Hier ein Luxuslokal, ein teurer Wagen fährt vor, ein Mann mit einem Armani-Anzug steigt aus und fünf Meter weiter hängen einem bettelnde Kinder an der Hose. Die deutsche Politik, die EU und EULEX interessieren sich aber nicht für das soziale Gefälle, sondern für die Stabilität. Für sie ist die Welt in Ordnung, solange von dort aus keine Massenflucht einsetzt und nebenbei arbeiten sie auch mit den dortigen Kriminellen eng zusammen. Die beiden Großparteien sind eine große Koalition eingegangen und seitdem – im Dezember 2014 – setzte die Massenfluchtbewegung aus dem Kosovo ein, weil die Leute jegliche Hoffnungen auf soziale Veränderungen verloren haben. Ich glaube, dass es darum gehen muss, die einfachen Leute im Balkanraum wieder zusammen zu bringen, weil die Probleme in Serbien und im Kosovo die gleichen sind.