Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
06:35
25.04.2019

Interview mit Rexh Iberdemaj,  ehemaliger deutschlandpolitischer Sprecher der UCK, geführt im April 2003.

Herr Rexh Iberdemaj, gegenwärtig stehen in Kosova ehemalige Kommandanten der UCK vor Gericht, weitere Verhaftungen stehen bevor, am bekanntesten ist der Fall der Verhaftung von Fatmir Limaj, der nach Den Haag gebracht wurde. Wie beurteilen Sie die laufende Verhaftungswelle in Kosova?

Zunächst möchte ich klarstellen, dass es sich bei diesen Prozessen und Verhaftungen um politische Aktionen und nicht um Verfahren, die eine reale juristische Grundlage haben, handelt. Ich will es wie folgt begründen: Die Anklagepunkte sind aus der Luft gegriffen und weisen auch große Lücken auf. Die zuständigen Gerichte dürften sich sehr schwer tun, für ihre Anklage Zeugen aufzubringen. Allerdings ist der Versuch im Gange, gegen die ehemaligen UCK- Kommandanten eine bestimmte Sorte Zeugen zu gewinnen, indem man sie unter Druck setzt oder ihnen größere Geldsummen anbietet. Dokumente zu diesem Vorgang sind über den Menschenrechtsverein bereits in der albanischen Presse placiert worden. Internationale Stellen bieten neben Geld auch sichere Unterkünfte außerhalb Kosovas an, um auf diese Art und Weise Aussagen zu konstruieren, beispielsweise gegen den bekannten Kommandanten Hardinaj.

Genau solch ein Spiel wird gegenwärtig vor dem internationalen Tribunal in Den Haag aufgeführt. Ursprünglich hat das Gericht drei Personen festnehmen lassen, doch bereits nach kurzer Zeit musste einer der drei Angeklagten wieder entlassen werden, weil eine Verwechslung vorgelegen hatte. Kaum war Fatmir Limaj von Slowenien aus nach Den Haag überführt worden, wurde publik, dass die vom Gericht in Den Haag benannten Zeugen aus Kosova nicht zur Verfügung stehen werden, weil sie gar nicht wüßten, was sie überhaupt bezeugen sollten. Um ganz genau zu sein: Drei Zeugen, die sich weigern, nach Den Haag zu gehen, begründeten diese Weigerung damit, daß die Anklage gegen Herrn Limaj völlig falsch sei.

In der Anklageschrift wurde behauptet, Herr Limaj habe einen Albaner umgebracht. Und die Anklageschrift nennt sogar ein Tatdatum. Hingegen erklärte der Bruder des Getöteten, sein Bruder sei wesentlich später von serbischen militärischen Kräften ermordet worden. Eine Aussage, die in völligem Gegensatz zum Anklagekonstrukt aus Den Haag steht. Die Anklageschrift behauptet, Herr Limaj hätte im Juni 1998 jene Person getötet, wohingegen die von eben diesem Gericht benannten Zeugen aussagen, die Ermordung sei erst im November 1998 durch serbische Kräfte erfolgt. Das ganze Geschehen ist meiner festen Überzeugung nach eine serbische Racheaktion an Fatmir Limaj. Es wird der großangelegte Versuch unternommen, das Gericht in Den Haag zu manipulieren.

Darf ich Sie kurz unterbrechen? Was hat denn die serbische Regierung für Möglichkeiten in Kosova, solche Aktionen durchzuführen? Kosova steht doch offiziell unter UNMIK- Verwaltung; die internationalen Streitkräfte sorgen für Sicherheit.

Trotzdem ist nach meiner Erfahrung der Einfluß der serbischen Seite auf bestimmte internationale Strukturen in Kosova und auf die politische Landschaft Kosovas nach wie vor groß. Bedenken Sie, dass offiziell in Kosova immer noch die serbischen Gesetze gelten. Es gibt kein kosovarisches Strafgesetzbuch, vielmehr gilt das serbische Strafgesetzbuch von 1989. Die Gerichte, die jetzt in Kosova existieren, sind vom deutschen Protektoratsleiter Steiner installiert worden. Und die Öffentlichkeit in Kosova wird im unklaren gelassen, nach welchen Kriterien die Richterstellen vergeben werden.

Noch eine Zwischenfrage, kommen die Richter aus Kosova oder aus dem Ausland?

Es wurden Albaner zu Richtern ernannt, aber auch Serben sowie internationale Richter eingesetzt. Das Problem bei den einheimischen Richtern ist, dass sie in der Regel schon im alten jugoslawischen Justizsystem das Richteramt ausübten, die albanischen Richter allerdings nur bis 1989, also bis zur Aufhebung der Autonomie. Die serbischen Richter, die von der UNMIK eingesetzt wurden, haben auch in der Periode Milosevic gearbeitet, was Rückschlüsse auf ihre Praktiken zuläßt. Im Parlament Kosovas, das de facto völlig machtlos ist, wurde der Versuch gestartet, die Zusammensetzung der Gerichte zu ändern. Dieser Versuch ist leider gescheitert. Herr Steiner ging auf den Vorstoß des Parlamentes gar nicht ein, legte vielmehr die Zusammensetzung der Gerichtsinstanzen nach eigenem Gutdünken fest.

In Kosova herrscht das Gefühl vor, dass die internationale Staatengemeinschaft auch in einer solchen Frage versucht, dem serbischen Staat entgegenzukommen. Es scheint, als ob sich die Staatengemeinschaft bei den serbischen Kräften zu entschuldigen versucht, weil sie 1999 den albanischen Befreiungskampf unterstützte. Wenn nun UCK- Kommandanten nach Den Haag überstellt werden, läuft ein merkwürdiges Spiel ab. Man setzt die Befreiungskämpfer faktisch gleich mit dem chauvinistischen kriminellen Milosevic. Stimmt aber diese Gleichstellung, so müsste sich die NATO eigentlich selbst auf die Anklagebank in Den Haag setzen. Denn nicht nur die UCK kämpfte gegen Milosevic, sondern auch die NATO.

Abgesehen vom Beispiel der NATO-Truppen, - sind Sie wirklich der Meinung, dass die UCK einen gerechten und sauberen Krieg geführt hat?

Natürlich hat die UCK einen gerechten und sauberen Krieg geführt. Erstens, weil die UCK einen Befreiungskrieg gegen eine real vorhandene soziale und nationale Unterdrückung geführt hat. Zweitens dürfte auch Ihnen bekannt sein, denn das hat sich auch international herumgesprochen, dass Milosevic in Ex-Jugoslawien vier mörderische Kriege angefangen hat. Drittens, heute wird konstruiert, dass die UCK auch serbische Zivilisten ermordet hätte. Das ist eine absolute Verleumdung. Denn jeder in Kosova wußte, daß die serbischen Kommunen streng bewacht und durch die serbischen Einheiten abgeschirmt waren. Zudem waren die meisten serbischen Gemeinden selbst oft stärker bewaffnet, als diverse UCK-Brigaden.

Gestatten Sie noch eine Frage, - wenn Ihrer Meinung nach die angeklagten UCK-Kämpfer unschuldig sind, was hat denn die internationale Staatengemeinschaft für Gründe, diese Menschen vor Gericht zu stellen?

Diese internationale Gemeinschaft ist ein breiter Begriff. Die Einzelstaaten haben unterschiedliche Interessen. Diese Interessen prallen häufig aufeinander. Denn vom Prinzip her handelt es sich bei der Begrifflichkeit internationale Staatengemeinschaft um ein divergierendes Konglomerat. Es gibt einige Staaten in den internationalen Gremien, die den Verteidigungskrieg der Albaner mit dem Angriffskrieg der Serben gleichsetzen. Diese Bestrebungen, den albanischen Verteidigungskrieg mit dem serbischen Angriffskrieg gleichzusetzen, sind eindeutig politisch gefärbt. Mit einer sachlichen juristischen Grundlage haben demzufolge die Anklagen gegen unsere Befreiungskämpfer nichts zu tun.

Es ist juristisch nicht statthaft, den Verteidiger, der in Notwehr handelt, also die UCK, mit dem Angreifer, dem serbischen Staat, gleichzusetzen. Die Anklagen haben eine politisch motivierte und keine juristische Basis. Die im Vergleich zum Status, der Kosova zugestanden wird, starke politische Stellung Serbiens als selbständiger Staat begünstigt die Anklagen. Um Ihnen das zu verdeutlichen: in Kosova gibt es zwar ein Parlament, aber mit ganz geringen Kompetenzen, denn die wichtigsten Ministerien sind gesetzlich nicht zugelassen. Kosova hat im Gegensatz zu Serbien kein Außenministerium, kein Innenministerium und kein Verteidigungsministerium.

Sie sehen also, Serbien hat ganz andere Möglichkeiten, auf bestimmte Staaten Einfluß zu nehmen, besonders die neue Regierung, die sich zwar demokratisch gibt, aber nicht viel besser ist, als das alte Regime unter Milosevic. Um Ihnen noch ein Beispiel zu geben: der kürzlich ermordete serbische Ministerpräsident Djindjic unterstützte die Politik von Milosevic in Kosova bis zum März 1999. Auch seine letzten Äußerungen bezüglich Kosovas zeugen von einem grossserbischen Nationalismus. Serbien benützt seine vorhandene Staatlichkeit und den aufpolierten Ruf, um in der internationalen Staatengemeinschaft die UCK-Kämpfer zu diskreditieren.

Meinen Sie vielleicht, dass das Tribunal in Den Haag solche Prozesse gegen UCK-Kämpfer durchführt, um die Unabhängigkeit Kosovas zu verhindern oder, anders herum, um das Referendum über die Statusfrage Kosovas zu hintertreiben?

Das, was Sie mich fragen, hat durchaus einen Wahrheitsgehalt. Es gibt Staaten, die an einer Unabhängigkeit Kosovas nicht interessiert sind. Trotzdem sollte bedacht werden, daß hierdurch ein neuer Risikofaktor in Kosova und auf dem Balkan entsteht. Es könnte neuerlich zu einem albanischen Widerstand kommen.

Was meinen Sie mit Widerstand?

Das ist jetzt schwierig zu sagen. Es sollte nur bedacht werden, historische Fehler nicht ständig zu wiederholen. Im Jahr 1981 gab es einen Aufstand in Kosova mit der Forderung nach einer Republik. Dieser Aufstand wurde von der internationalen Staatengemeinschaft, auch in Rücksicht auf den damaligen Ost- West - Gegensatz, völlig ignoriert. Dann wurde 1989 die Autonomie in Kosova gewaltsam durch Serbien aufgehoben, damit das Projekt Großserbien offen verkündet. Das war das Startsignal für den Zerfall Jugoslawiens, blutige Kriege waren die Folge. Es ist politisch gefährlich, die Wünsche der Albaner in Kosova zu negieren. Heute noch vermissen wir 3000 Personen, ihre Grabstätten sind unbekannt. Wer glaubt, mit Prozessen gegen UCK-Kämpfer irgend etwas erreichen zu können, irrt sich gewaltig. Die politische Spekulation, dass durch die Verhaftung von UCK-Führungskräften auf die Unabhängigkeit verzichtet würde, ist nichts als ein gefährlicher Irrglaube.

Wie stehen denn das albanische Parteienspektrum in Kosova und die Bevölkerungsmehrheit zu den Prozessen?

Wie Sie wissen, sind die politischen Kräfte in Kosova schon länger gespalten, und seit der Errichtung des UNMIK-Protektorates 1999 hat sich die Parteienlandschaft weiter differenziert. In Kosova gibt es auch Parteien, die die Verhaftungswelle begrüßen. Andere Parteien sind selbstverständlich gegen die Verhaftungen. Die Mehrheit des Volkes ist gegen die Verhaftungen. Diese Menschen reagieren energisch und erregt gegen die Maßnahmen der Protektoratsverwaltung. Mehrheitlich abgelehnt wird besonders die Verhaftung von Fatmir Limaj. Die Demonstrationen gegen die Verhaftungen in Prishtina und in anderen Städten Kosovas zeigen, dass sich das Volk mehrheitlich und immer bewußter hinter die verhafteten UCK-Kämpfer stellt. Die Gleichstellung des Befreiungskampfes der UCK mit den Greueltaten des serbischen Regimes wird immer deutlicher abgelehnt. Wenn einige Staaten diese Sichtweise der Bevölkerung Kosovas weiter ignorieren, so ist das ein äußerst gefährliches Spiel.

Nochmals zurück zum Charakter der UCK. Es gibt in Deutschland Buchautoren, Journalisten und sogenannte Balkanspezialisten, die behaupten, die UCK wäre gegründet worden mit der Unterstützung von islamisch-fundamentalistischen Kräften. Andere behaupten, die UCK wäre in der Tradition der SS-Division Skanderbeg gegründet worden. Was halten Sie von solchen Behauptungen?

Ich verfolge seit Jahren die deutsche Presse, die Schriften bestimmter Autoren und die Analysen von sogenannten Geheimdienstexperten. Was mir dabei stets auffällt, ist, dass diese Leute über sehr wenig Informationen verfügen. Meist sind ihre Behauptungen frei erfunden oder ohne Quellenangabe. Um das Ganze halbwegs gerade zu rücken, sollte man einige geschichtliche Fakten zur Kenntnis nehmen. Jeder Aufstand und jede Rebellion in Kosova wurde im alten Jugoslawien auf Seiten der Albaner von links her begründet. Denken Sie an die Gründung der Volksbewegung für eine sozialistische Republik innerhalb Jugoslawiens nach den Ereignissen von 1981.

Später nannte sich diese Bewegung LPK, Volksbewegung von Kosova. Durch die LPK wurde die UCK gegründet. Die LPK trat im Westen, auch in Deutschland, öffentlich auf. Die "Analytiker" haben das völlig ignoriert, geradezu lächerlich sind ihre Konstrukte. Sie übersehen zweierlei: erstens, die Gründung der UCK ist nur im Rahmen des Kontextes der Unterdrückung der Albaner in Jugoslawien zu verstehen, zweitens war die LPK als politische Organisation in der albanischen Parteienlandschaft speziell seitens der LDK immer mit dem Vorwurf konfrontiert, links zu sein.

Die von Ihnen angesprochenen Autoren haben absichtlich oder unabsichtlich sowohl die Geschichte Jugoslawiens als auch die Erklärungen der LPK beiseite gelassen. Die LPK hatte ab 1993 ein öffentliches Programm, das jedem zugänglich war, zum Beispiel über das Internet, und diese LPK als politisches Dach hat die UCK im Jahr 1993 gegründet. Die UCK hatte nicht das geringste mit irgendwelchen islamischen Fundamentalisten zu tun. Noch lächerlicher wird es, wenn die Behauptung aufgestellt wird, man hätte sich in der Tradition der SS-Division Skanderbeg befunden. Wir wollen ein demokratisches und vereinigtes Albanien.

Es gibt weitere Behauptungen, die davon ausgehen, die UCK wäre vom Bundesnachrichtendienst gegründet und später von der CIA geführt worden. Diese Behauptung wird unterlegt mit dem Vorwurf, die UCK hätte nur durch massive finanzielle Unterstützung und durch internationale Waffenlieferungen seitens der Geheimdienste kämpfen können.

Diese Behauptungen sind absolut unwahr. Nichtsdestotrotz ist natürlich davon auszugehen, dass verschiedene Geheimdienste in die Strukturen einer Befreiungsorganisation einzudringen versucht haben. Wir wissen, dass konkret versucht wurde, Leute als Agenten anzuwerben. Es besteht auch die Möglichkeit, dass nach einiger Zeit eine Agentur in die Leitung der LPK und UCK vordrang. Wir wissen es aber nicht genau, ob dieser Versuch gelang. Ich habe mich damals in meiner Position sehr viel mit solchen Dingen beschäftigen müssen. Deshalb kann ich Ihnen mit Sicherheit sagen, dass die Nachrichtendienste lange Zeit die UCK unterschätzt haben und über das Geschehen nicht wirklich informiert waren. Das ist selbstverständlich auch ein Verdienst der damaligen militärisch-politischen Führung.

Wir taktierten damals zum Beispiel mit unseren Spendenkonten. Auf den Konten bewegte sich über lange Jahre sehr wenig an Geld. Die Mittel flossen anders. So konnten wir bestimmte Dienste austricksen. Um die Dienste zu verwirren, verstanden wir es seitens der LPK zudem, die UCK als eine völlig neue Organisation zu verkaufen. Die damaligen Dienste fielen auf unsere Tricksereien lange Jahre herein, indem sie angeblich neue Leute einer anscheinend neuen Organisation suchten, somit die alten Leute aus dem Fokus verloren und einem Phantom hinterherhetzten.

Bis ins Jahr 1998 nützten uns auch die Propaganda des serbischen Staates und von Ibrahim Rugova, die davon sprachen, bei der UCK würde es sich um eine kleine Gruppe von höchstens 30 Personen handeln. Diese Leute würden sich nur um Adem Jashari gruppieren, weshalb man sie schnell fertigmachen könnte. Die westlichen Dienste haben uns also lange Jahre absolut unterschätzt.

Prinzipiell möchte ich Ihnen erklären, dass wir von keinem westlichen Geheimdienst materiell oder gar mit Waffen unterstützt wurden. Auf keinen Fall wurde die UCK von irgendeinem Geheimdienst gegründet. Die Logik dessen liegt auf der Hand, denn diese Dienste glaubten Milosevic und Rugova. Erst als sie ihnen nicht mehr glaubten und uns als Realität wahrnahmen, jagten sie zuerst ein Phantom und dann reale Personen, gegen die Verfahren wegen illegaler Spendensammlungen für die UCK angestrengt wurden, hauptsächlich in der Schweiz und in Deutschland.

Um es Ihnen ganz genau zu sagen: die Gründung der UCK wurde vorbereitet in einer Vollversammlung der LPK im Jahr 1988, auf der vierten Delegiertenkonferenz im Jahr 1993 wurde sie in Prishtina als militärischer Arm der LPK gegründet. Auf dieser Konferenz beschlossen wir, daß unser Kampf in eine militärische Phase eintritt - und im Jahr 1994 wurde die UCK seitens der LPK auch öffentlich namentlich so benannt.

Nähern wir uns den aktuellen Geschehnissen. Der UCK wurde und wird vorgeworfen, nach dem Einmarsch der NATO-Truppen in Kosova weite Teile des Landes ethnisch gesäubert zu haben. Sie sollen mittels Gewalt Serben, Roma und andere Minderheiten vertrieben haben.

Das ist absolut unwahr. Es war nie das Programm der UCK, Menschen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft zu attackieren. Selbst wenn wir es gewollt hätten, hätten wir für Vertreibungen gar keine Möglichkeiten gehabt. Denn die NATO-Truppen rückten ein, als noch serbische Einheiten in Kosova stationiert waren, also vor uns. Viele Serben, die ihre Dörfer verlassen haben, hatten sie bereits kurz vor Ende des Krieges verlassen. Denn der serbische Geheimdienst hatte den Plan, die Serben in Kosova zu konzentrieren, speziell in dem Gebiet des wirtschaftlich interessanten Mitrovica und in anderen Gebieten, die für spätere Teilungspläne interessant sein könnten.

Trotzdem möchte ich nicht ausschließen, dass es auf Seiten der Albaner Einzeltäter gab, die sich an serbischen Zivilisten oder an Roma vergriffen. Diese Verhaltensweisen kann man erklären, was keine Entschuldigung sein soll, denn viele Menschen verloren im Krieg einen Großteil ihres Hab und Gutes und oftmals den Großteil ihrer Familie. In meiner Familie wurden zum Beispiel sieben Personen in der Zeit des Krieges umgebracht. Und solche Fälle gab es in Kosova zu Hauf. Es gab viele Menschen, die im Gegensatz zu mir 30 - 40 Familienangehörige verloren haben. Von daher gab es individuelle Racheaktionen einzelner Albaner.

Nochmals, nach meiner Überzeugung wurden die Serben vor Ende des Krieges gezielt in bestimmte Gegenden Kosovas transferiert und dort konzentriert, um später von Seiten Serbiens mittels der Enklaven einen gezielten Teilungsplan umsetzen zu können.

Sie sind als Politiker in Kosova und auch international immer noch sehr aktiv. Stellen Sie sich das Ziel, ein ethnisch reines Kosova zu verwirklichen?

Nein, das war niemals unser Ziel und niemals mein persönliches Ziel. Die UCK hat in vielen öffentlichen Erklärungen in den Jahren 1994 -1998 an die serbische Bevölkerung in Kosova appelliert, sie solle sich nicht von der Politik Milosevics verwirren und verführen lassen. In den Erklärungen stand zu lesen, dass es für uns wichtig sei, dass in Kosova jeder Bürger - egal, welcher Nationalität er angehört - als freier Bürger und gleichberechtigt leben können soll. Wir forderten auch die Serben, Roma und Türken auf, Kosova als Staat anzuerkennen und sich nicht, wie bereits dargelegt, von der rassistischen Milosevic-Politik anstecken zu lassen.

Im übrigen bitte ich Sie zu bedenken, dass aus Kosova nicht nur - wie in den letzten Jahren - Serben, Roma und Türken weggingen, sondern - auf die letzten Jahrzehnte bezogen - noch sehr viel mehr Albaner. In den letzten 20 Jahren sind 120.000 Albaner aus Kosova aus politischen und wirtschaftlichen Gründen weggegangen. Gar nicht zu reden von der Vertreibung der Albaner in den 50er Jahren unter dem damaligen Innenminister Rankovic, der Hunderttausende mit der merkwürdigen Begründung in die Türkei vertrieb, dass sie aufgrund ihres islamischen Glaubens Türken wären. Es war und ist unser Ziel, nicht nur das Ziel der LPK, dass in einem unabhängigen Kosova alle Bürger frei und gleich zusammenleben, dieselben Rechte und Pflichten haben und dabei ihre Abstammung keinerlei Rolle spielt.

Am 26. Februar 2003 gab der italienische General Mini der italienischen Zeitung Corriere della Serra ein Interview unter der Überschrift "Kosova stirbt". In dem Interview ging der italienische General, gegenwärtig der Oberkommandierende der KFOR-Streitkräfte in Kosova, davon aus, dass Kosova im Blut versinkt und die albanischen politischen Parteien barbarische Fehden untereinander austragen würden. In der deutschen Presse schlug die Ermordung von Tahir Zemaj Anfang Januar in Kosova ziemlich hohe Wellen. Vertreter der LDK behaupteten, dass Tahir Zemaj von anderen politischen Gruppen umgebracht worden wäre. Wie stehen Sie dazu?

Der General gibt ein Interview und beklagt sich über die mangelnde Sicherheit in Kosova, wiewohl er genau weiß, dass er selbst der für die Sicherheit in Kosova wirklich Zuständige ist. Solche Mordaktionen jetzt der albanischen Gesellschaft vorzuwerfen, ist paradox. Denn dieser Gesellschaft sind die Hände gebunden, alle sicherheitsrelevanten Fragen liegen in der Hand der UNMIK, des Herrn Steiner und der KFOR-Truppen.

Wissen Sie, einerseits dürfen die Albaner sich nicht selbst um die eigene Sicherheit kümmern, sie werden aber andererseits für jedes kriminelle Delikt kollektiv haftbar gemacht. Im übrigen übertreibt der Herr Mini bezüglich der Gegensätze in der albanischen Gesellschaft. Die albanischen politischen Parteien werden nicht einfach so aufeinander einschlagen, wie es der Herr Mini meint darstellen zu müssen. Und, um es nochmals zu betonen, Herr Mini selbst ist es, der für die Sicherheit verantwortlich ist. Ich rate den internationalen Vertretern dazu, die Fälle endlich aufzuklären. Oder uns die Kompetenzen zu geben, sie aufklären zu können. Das Herumjammern des Generals bewirkt gar nichts.

Im übrigen ist in letzter Zeit nicht nur Tahir Zemaj von der LDK ermordet worden, sondern auch Angehörige von anderen politischen Gruppen sind Opfer, über die nur nicht gesprochen wird, geworden. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass auch der in Kosova sehr aktive serbische Geheimdienst solche Zwischenfälle provoziert, um die Lage zu destabilisieren. Deshalb sollte die KFOR auch in dieser Richtung endlich aktiv werden. Es kommt mir nämlich mehr als seltsam vor, dass bis dato kein einziger, der eine solche Tat begangen haben soll, von den KFOR-Einheiten verhaftet werden konnte. Wenn hier jemand Vorwürfe zu erheben hat, dann sind es die Albaner gegenüber der KFOR, die offensichtlich die Sicherheit in Kosova nicht garantierten kann.

Irgendwie scheinen sich doch die Befürchtungen des italienischen Generals mit den Argumenten der serbischen Regierung zu treffen, die vor kurzem behauptete, dass Personen wie Hashim Thaci und Ramush Hardinaj den Bürgerkrieg in Kosova gegen die Kräfte um Ibrahim Rugova vorbereiten.

Wissen Sie, die Äußerungen des Generals belegen für mich, dass der Einfluss der serbischen Seite innerhalb der UNMIK und der KFOR ziemlich groß ist. Zum zweiten möchte ich sagen, weder Hashim Thaci noch Ramush Hardinaj sind Personen, die in Kosova einen Bürgerkrieg beginnen würden. Am allerwenigsten gegen Ibrahim Rugova, denn immerhin bildet man mit ihm zusammen eine Koalitionsregierung. Selbstverständlich gibt es zwischen den genannten Personen und den dahinter stehenden Parteien politische Differenzen.

In Kosova gibt es gegenwärtig 32 verschiedene politische Parteien, was mir schon etwas übertrieben erscheint. Die Unterstellungen gegenüber Hashim Thaci und Ramush Hardinaj sind Teil des serbischen Spezialkrieges, um die Lage in Kosova zu destabilisieren. Die Angriffe gegen Hashim Thaci und Ramush Hardinaj werden nach meiner Einschätzung in nächster Zeit noch zunehmen, denn als ehemalige UCK-Kämpfer sind sie mit dafür verantwortlich, dass es in Kosova keine serbischen Truppen mehr gibt. Herr Rugova wird hingegen propagandistisch in Ruhe gelassen, denn er hat mit seiner pazifistischen Politik in der Vergangenheit weder der serbischen Regierungspolitik geschadet, noch die internationale Politik durcheinander gebracht.

Letzte Frage, mit der Bitte um eine thesenartige Antwort. Wie sich aus dem Interview ergeben hat, gehören Sie der LPK an, die ganz wesentlich die UCK gegründet hat. Was hat denn die LPK, die in Kosova und in der Diaspora wirkt und im Parlament vertreten ist, heute für politische Zukunftsvisionen?

Natürlich kämpft die LPK für ein unabhängiges Kosova. Unser Parlamentsabgeordneter brachte im Kosova- Parlament den Vorschlag ein, eine Union zwischen Kosova und Albanien zu schaffen. Diese Union soll im Sinne der EU-Normen eine lockere Verbindung zwischen den beiden Gebieten herstellen. Damit das auf die Tagesordnung des Parlaments kommt, sind 42 Unterschriften notwendig,. Gegenwärtig wird versucht, diese Anzahl an Unterschriften zu erreichen. Zu diesem Zweck war kürzlich eine Delegation der LPK in Albanien, um dort mit Regierungsvertretern über das Projekt zu sprechen.

Vielen Dank für dieses Gespräch!