Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
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25.08.2019
(mit freundlicher Genehmigung entnommen von www.agmarxismus.net) Dimitrije Tucovic wurde am 13. Mai 1881 im Dorf Gostilj am Zlatibor geboren. Er besuchte in seinem Heimatort die Volks- und im nahegelegenen Uzice die Mittel-schule. Danach begann er in Beograd Jus zu studieren. Schon früh engagierte er sich in der sozialistischen Bewegung und war bereits als Mittelschüler Mitarbeiter der in Beograd 1897 gegründeten (und kurz darauf verbotenen) "Radnicke Novine" (Arbeiter-Zeitung). Unter dem Einfluss von Radovan Dragovic, der zentralen Persönlichkeit des serbischen Sozialismus um die Jahrhundertwende, stehend, engagierte er sich auch während seines Studiums in der sozialistischen Bewegung.

Anfang des 20. Jahrhunderts nahm die sozialistische Bewegung in Serbien trotz der polizeilichen Verfolgungen wieder einen Aufschwung. Ab Januar 1902 begann die "Radnicke Novine" erneut zu erscheinen, und Ende Mai 1902 wurde auf Initiative von Dragovic und Tucovic ein illegales Komitee aus Vertretern verschiedener Arbeiterorganisationen und Gewerkschaften, der Sozialistischen Studentengruppe und der "Radnicke Novine" gebildet. Es sollte die Tätigkeit der Arbeiterorgani-sationen und der Presse koordinieren und zentralisieren. Sekretär wurde Radovan Dragovic. Nach dem 23. März 1903 (dem 6. April nach dem neuen Kalender), als eine Massendemonstration von Arbeitern, Schülern und Studenten in Beograd von der Polizei aufgelöst und auseinandergetrieben wurde, musste Tucovic als einer der Organisatoren dieser Manifestation Serbien verlassen. Er ging nach Wien, kam Juni 1903 wieder zurück und ging während der Sommerferien zu den Eltern nach Uzice, um unter den einheimischen Arbeitern zu agitieren.

Im Richtungsstreit, der bald darauf im Komitee über die Perspektive der serbischen Arbeiterbewegung entbrannte, nahm ein Flügel unter Dimitrije Tucovic, Radovan Dragovic und Trisa Kaclerovic die Position ein, dass eine eigenständige Arbeiter-bewegung notwendig sei, während ihre Opponenten eine Gemeinschaft mit dem bürgerlichen Liberalismus anstrebten und eine Mittelgruppe zu vermitteln suchte.

In den nächsten Jahren ergaben sich zunehmend günstigere Bedingungen für eine Vertiefung und Ausbreitung der Arbeiterbewegung: Im Mai 1903 hatten Vertreter des liberalen Bürgertums und des Offizierskorps einen Umsturz durchgeführt, der das Polizeiregime des austrophilen Königs Alexander I. (Obrenovic) stürzte und den stärker an Russland, Frankreich und England orientierten König Peter I. (Kara-djordjevic) an die Macht brachte. Das Ergebnis des Umsturzes war ein scharfer serbisch-österreichischer Konflikt, und die serbische Bourgeoisie sah nun ihre Stunde zu einer großserbischen Außenpolitik gekommen. "Serbien - das Piemont der Südslawen" wurde das neue Schlagwort, das an die italienische Einigungs-bewegung und dessen Zentrum, eben das Piemont, erinnern sollte. Im Zuge dieser Entwicklung gewann in der Bourgeoisie jene Strömung die Oberhand, die sich für eine verfassungsmäßige Entwicklung und eine parlamentarische Monarchie ein-setzte und auch der Arbeiterbewegung mehr Bewegungsspielraum ließ.

Im August 1903 wurde auf Initiative des Komitees ein Kongress der Vertreter der Arbeitervereine, der Gewerkschaften und anderer Arbeiterorganisationen in Beo-grad einberufen. Dieser Kongress, der im Charakter zu einem sozialdemokratischen Parteitag mutierte, verkündete die Gründung einer Sozialdemokratischen Partei; programmatisch wurde das Erfurter Programm der SPD der neuen Partei zugrunde-gelegt. Ebenso wurde die Basis für eine einheitliche Gewerkschaftsbewegung geschaffen.

Wie im illegalen Komitee des Jahres 1902 bildeten sich auch in der neu-entstandenen Partei wieder dieselben drei Strömungen heraus: Der nach dem Parteitag nach Beograd zurückgekehrte Tucovic stand mit Dragovic am linken Flügel der Partei. In dieser ersten Phase dominierte aber mit Joganovic, dem Sekretär des Hauptvorstandes der Partei, ein Vertreter des opportunistischen Flügels. Dimitrije Tucovic widmete sich in der nächsten Zeit vor allem den Gewerkschaften und der sozialistischen Bildungsarbeit. 1904 wurde die erste sozialdemokratische (Partei-) Schule gegründet, deren Leiter Tucovic wurde.

In der Gewerkschaftsbewegung war eine syndikalistische Strömung stärker ge-worden, die die Gewerkschaftsbewegung von der Bühne der Politik fernzuhalten trachtete. Am II. Kongress der gewerkschaftlichen Landeszentrale (April 1904) hielt Tucovic das zentrale Referat über "Charakter und Aufgaben der Gewerk-schaftsbewegung", in dem er die von den Syndikalisten vertretene Theorie einer politischen Neutralität der Gewerkschaftsbewegung zurückwies. Die vom Kongress angenommene Resolution schrieb die ideologische Niederlage des serbischen Syndikalismus gegenüber der marxistischen Strömung fest. Eine ähnliche Ent-wicklung ergab sich in der Sozialdemokratischen Partei, die ihren Parteitag zeitgleich mit dem Gewerkschaftskongress abgehalten hatte und in der ebenfalls die marxistische Strömung, diesmal über die opportunistische, den Sieg davontrug. Der Einfluss von Syndikalismus und Opportunismus in der serbischen Arbeiter-bewegung war damit aber noch nicht gebrochen - vor allem Tucovic sollte in den nächsten Jahren den ideologischen Kampf seitens der sozialdemokratischen Partei-führung tragen.

Denn Tucovic spielte inzwischen in der serbischen Arbeiterbewegung eine zentrale Rolle. Deutlich wurde dies u.a. auch anlässlich der Ereignisse der Revolution von 1905 in Russland, die auch in Serbien genau registriert wurden. Nach dem "Blutigen Sonntag" fand am 16. (29.) Jänner 1905 eine von der Serbischen Sozial-demokratischen Partei und der Gewerkschaftszentrale einberufene Großkund-gebung statt. Hauptredner Dimitrije Tucovic sprach begeistert vom Kampf des Proletariats in Russland. In der von der Kundgebung angenommenen Resolution hieß es: "Der Sieg des russischen Proletariats wird zur gleichen Zeit ein russischer, ein serbischer und ein internationaler Sieg sein. Es lebe die Revolution!" (Radnicke Novine, 19.1.1905) Bei einer neuerlichen Massenkundgebung am 13. (26.) März 1905 war wieder Tucovic der Hauptredner. Er hielt eine mitreißende Ansprache, die unter dem Titel "Die russische Revolution und die Sozialdemokratie" in der Parteipresse veröffentlicht wurde.

Im Herbst 1907 ging Tucovic nach Berlin und positionierte sich dort in den theoretischen Auseinandersetzungen der Sozialdemokratie mit Karl Kautsky auf seiten des orthodoxen Marxismus gegen Eduard Bernstein, kehrt aber wegen der ideologischen Differenzen in der serbischen Sozialdemokratie nach Beograd zurück. April 1908 wurde Tucovic zum Sekretär des Parteivorstandes gewählt. Er war Hauptredakteur der Tageszeitung "Radnicke Novine" und der theoretischen Halbmonatsschrift "Borba" (Der Kampf), ferner war er tätig als Leiter der Parteischule und als Verleger und Redakteur der sozialistischen Bibliothek, die die Hauptwerke der klassischen sozialistischen Literatur und wichtige Arbeiten heimischer Sozialisten publizierte.

Zur selben Zeit, als Tucovic Parteivorstandssekretär wurde, spitzte sich die Situation am Balkan mit der Annexion von Bosnien-Herzegowina durch Österreich-Ungarn gefährlich zu. Im August 1908 sandte die Führung der Serbischen Sozialdemokratischen Partei an das Internationale Sozialistische Büro der II. Internationale ein von Dimitrije Tucovic verfasstes und unterzeichnetes "Memo-randum über die politische Lage der Arbeiterbewegung in Bosnien und Herzegowina", das auch international in der sozialdemokratischen Bewegung viel Beachtung fand. Die imperialistische Politik Österreich-Ungarns, aber auch die nationalistische Politik des serbischen Königshauses und der serbischen Bourge-oisie wurden an den Pranger gestellt und die Arbeiterparteien aller Länder, ins-besondere natürlich die der direkt involvierten Staaten, aufgefordert, sich zur Verteidigung der Arbeitenden in Bosnien-Herzegowina zu erheben.

Innerparteilich wichtig blieb - neben der nationalen Frage am Balkan - der Kampf zwischen der marxistischen, der opportunistischen und der syndikalistischen Strömung. Der Kampf wurde von ersterer vor allem von Dimitrije Tucovic geführt, der für die entscheidenden Parteidokumente und auf den Parteitagen für die wichtigen Interventionen verantwortlich zeichnete. Tucovic vertrat die serbische Sozialdemokratie auch auf internationalen Kongressen - so am Kongress der II. Internationale in Kopenhagen (28. August bis 3. September 1910), wo er in der Kommission über die Beziehungen zwischen den Genossenschaften und den Parteien vertreten war und in der Plenarsitzung in der Frage von Militarismus und Krieg eine linke Position einnahm.

Von 1911 bis 1912 war Tucovic Sekretär der serbischen Arbeiterkammer, wo er sich für eine moderne Arbeiterschutzgesetzgebung engagierte. Besondere Ver-dienste hatte sich Tucovic auch als Organisator der ersten sozialistischen Konferenz der Balkanländer (Jänner 1910) erworben, auf der die Gründung einer "Soziali-stischen Balkanföderation", eines Zusammenschlusses der sozialdemokratischen Parteien des Balkanraumes, beschlossen wurde. Nicht zuletzt aufgrund von Dimitrije Tucovic nahm die serbische Sozialdemokratie eine konsequent inter-nationalistische Position ein und verband den Kampf gegen den Krieg mit dem Kampf des Proletariats gegen die Klassenherrschaft und die imperialistische Politik der herrschenden Klassen. Im Laufe der Vorbereitungen und am Anfang des 1. Balkankriegs erklärte sich die Serbische Sozialdemokratische Partei gegen den Krieg und stimmte gegen die Kriegskredite ab. Dem wurde das "dauernde Bündnis" der Balkanvölker entgegengehalten. Und auf den 2. Balkankrieg nimmt Tucovics "Serbien und Albanien", das wir hier in deutscher Übersetzung vorlegen, direkt Bezug. Auf einer im September 1913 in Beograd organisierten Arbeiterkundgebung wurde gegen die "eroberischen Bestrebungen der Bourgeoisie protestiert, die in ihrer Besessenheit das Land in ein blutiges Abenteuer führt, das endloses Unglück bringen kann."

Persönlich war Tucovic gezwungen, im Frühjahr 1913 mit der serbischen Armee am 2. Balkankrieg teilzunehmen; seine Teilnahme am Feldzug in Albanien nutzte er zu Recherchen zu seinem Buch Serbien und Albanien, das er nach seiner Demobilisierung im August in der zweiten Jahreshälfte 1913 fertigstellte.

Während des ersten Halbjahres 1914 wurde der Kampf gegen den Militarismus fortgeführt. Nach dem Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand fand am 12. (25.) Juli 1914 knapp vor der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien eine Sitzung des Parteivorstandes statt. Dimitrije Tucovic und Dusan Popovic sprachen sich gegen den drohenden Krieg aus und übten scharfe Kritik an den Herrschenden in Serbien und an deren chauvinistischer und nationalistischer Politik. Das Zentralkomitee nahm einmütig eine inter-nationalistische Haltung ein, und die Partei gab - im Unterschied zur übergroßen Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien der II. Internationale - diese auch nach Kriegsausbruch nicht auf: Am 31. Juli 1914 sprachen sich die zwei sozial-demokratischen Abgeordneten in der Skupschtina gegen den Krieg aus, verurteilten die Politik der Regierung und erklärten ihre Solidarität mit dem Proletariat und den sozialdemokratischen Parteien Österreich-Ungarns.

Die grausame Ironie der Geschichte ist dafür verantwortlich, dass gerade Dimitrije Tucovic, der als einer der entscheidenden Parteiführer der serbischen Sozial-demokratie ganz wesentlich (mit-) verantwortlich für deren unbeugsame internationalistische Position zeichnete, im Ersten Weltkrieg sterben musste. Er wurde zur Armee eingezogen und fiel am 7. (20.) November 1914 in Vrapcije Brdo bei Lazarevac.