Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
05:23
23.09.2020
Der Privatisierungsprozess der Wirtschaft zeigt in Kosova und Serbien ähnliche Folgen. Dieser Prozess kostet Arbeitsplätze und steigert die soziale Not in beiden Ländern.. In Kosova wurden laut Gewerkschaftsangaben durch den Privatisierungsprozess 70.000 Arbeitsplätze vernichtet. Der IWF verlangt in Sachen EU- Annäherung Serbiens das

Einfrieren der Löhne und Pensionen bei einer Inflationsrate von 10%. Ein weiteres Kriterium ist die Anhebung der Massensteuern in Serbien, Kürzungen von Subventionen und die Kündigung von 60.000 Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Die Regierung Kosovas imitierte vor einiger Zeit das serbische Steuersystem mittels einer völlig unsozialen pro Kopf Steuer von 10%. Ausländische Investoren konzentrieren sich in Kosova auf ausgewählte profitable Unternehmen. Vergangene Woche wurde der profitable Flughafen in Prishtina für zwanzig Jahre privatisiert. Das internationale Kapital will ansonsten in Kosova nur Rohstoffreichtümer zum Billigpreis erwerben. Die Investitionen in Serbien brachten die Privatisierung des Erdölkonzerns NIS zugunsten von Gazprom für lächerliche 400 Millionen Euro. Das Unternehmen US-Steel schnappte sich das einzige serbische Stahlwerk für 20 Millionen Euro und die Firma Fiat erwarb das Autowerk Zavasta für 100 Millionen Euro. In allen privatisierten Betrieben wurde die Belegschaft reduziert, der Lohn gesenkt sowie die Arbeitsintensität erhöht. Das GLEICHE erleben die Menschen in den privatisierten Betrieben Kosovas. Zudem gibt es in beiden Ländern eine politische Mafia welche sich an diesem Prozess bereichert. Ergo in sozialer Hinsicht haben die Arbeiter in Kosova und in Serbien die selben sozialen Interessen und den selben Gegner. Damit die Arbeiterin Kosova und Serbien dies erkennen muss die nationale Frage vermittels des Selbstbestimmungsrechtes von Kosova gelöst werden. Ausdrücklich unterstützt die Redaktion von Kosova-Aktuell den sozialen Widerstand der Arbeiterin Serbien. Aus diesem Grund dokumentieren wir einen Artikel von Peter Haumer & Anna Leder aus der Zeitung Express zum sozialen Widerstand in Serbien.



Dokumentation



Selbstverbrennungsversuch im serbischen Novi Pazar

Von Peter Haumer & Anna Leder



Ende November 2009 begannen zehn Frauen der Textilfabrik AD »Trikotaza« in Novi Pazar ihren Arbeitskampf. Sie besetzten mit ihren Kindern, zwischen drei und sieben Jahren alt, die Umkleideräume der Fabrik. Die Fabrik war kurz zuvor privatisiert worden, und der neue Besitzer erklärte, er sehe sich nicht in der Lage, die noch offenen, rechtmäßigen finanziellen Forderungen der ArbeiterInnen erfüllen zu können.

Die Beschäftigten von AD »Trikotaza« sind Mitglieder des »Verbands der TextilarbeiterInnen«, dessen Vorsitzende Zoran Bulatovic und Senada Rebronja sind. Der Verband unterstützt den Kampf der zehn Frauen und holte sie, da die hygienischen Zustände in den Umkleideräumen der Fabrik katastrophal waren, ins Büro des Verbandes im Zentrum von Novi Pazar. Dort waren auch die Widerstandsaktionen der 1523 TextilarbeiterInnen des Textilkombinates »Raska« im Frühjahr und Sommer 2009 organisiert worden. (Siehe dazu auch den Beitrag in Grundrisse Nr. 32)

Nach sieben Tagen ergebnislosen Kampfes traten die zehn Frauen in den Hungerstreik und forderten damit die Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit ein - aber nichts geschah. Die Frauen ließen sich nicht beirren und hielten den Hungerstreik weiter aufrecht. Doch auch die Mehrheit der Mitglieder des TextilarbeiterInnenverbandes ließ sich durch unterschiedliche Haltungen, die es innerhalb des Verbandes zum Hungerstreik gab, nicht von der Solidarität mit den ArbeiterInnen abbringen.

Gesundheitliche Probleme, die eine 59-jährige Arbeiterin aufgrund des Hungerstreiks bekam, die beschönigende Berichterstattung des Radiosenders B 92, die auf das Ausmaß der Verzweiflung der ArbeiterInnen nicht einging, und das Ausbleiben von jeglichen Reaktionen auf den Arbeitskampf der zehn Arbeiterinnen seitens der verantwortlichen Stellen führten dazu, dass die Situation am 10. Dezember 2009 eskalierte.

Die Frauen bereiteten drei Gaspatronen als Brandbomben im Verbandslokal vor. Sie bildeten einen Kreis um die Brandbombe, nahmen sich an den Händen und brachten die Gaspatronen zur Explosion. Es begann zu brennen, starker Rauch und Gasgeruch breitete sich aus. Das Lokal war durch ein Faltgitter geschlossen, und die Frauen weigerten sich, es zu öffnen. Durch das Gitter konnte das Feuer in letzter Minute gelöscht werden. Nachdem die Arbeiterinnen herausgeholt worden waren, versuchten sie immer wieder, in das Lokal zurückzukehren.

Zwei der Frauen mussten ins Krankenhaus gebracht werden, eine davon schwer verletzt. Nachdem sie ärztlich versorgt worden waren, gingen sie zurück ins Lokal, um den Kampf fortzusetzen - mit der Infusionsflasche in der Hand.

Zoran Bulatovic und Senada Rebronja waren noch eine Viertelstunde vor der Explosion bei den streikenden Frauen. Sie hätten nach eigenen Angaben mit allen Mitteln versucht, diese kollektive Selbstmordaktion zu verhindern, wenn sie von den Plänen zu dieser Aktion gewusst hätten. Trotzdem stellten sie sich unmissverständlich hinter die Arbeiterinnen und erklärten, dass die herrschenden Zustände und die Arroganz der Mächtigen verantwortlich für die Geschehnisse seien. Teile der Forderungen der Arbeiterinnen hätten allein schon bei einer sicheren Rechtslage erfüllt werden können. Die Herrschenden haben aber vor allem Angst vor einer möglichen Vorbildwirkung dieses Streiks.

Die Forderungen der zehn Textilarbeiterinnen sind: eine soziale Absicherung im Falle einer Arbeitslosigkeit und die Anerkennung der gesamten Arbeitsjahre für die Rente.

In letzter Zeit hat es mit Unterstützung des Verbandes der TextilarbeiterInnen Verhandlungen mit den zuständigen Behörden gegeben.



Aus-express - Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit
Nr. 1/2010