Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
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15.09.2019

Rezension- Dokumentation Der II. Weltkrieg dauerte in Albanien länger als in fast allen anderen Ländern, wenn man die Okkupation durch Italien am 7. April 1939 und den Abzug der letzten deutschen Einheiten am 28. oder 29. November 1944 (das Datum wird jeweils nach Ansicht der albanischen Regierung neu festgesetzt) als Eckpunkte nimmt. Die Auseinandersetzungen um den

Charakter der beiden Besatzungsregimes und um die Haltung der Albaner zu ihnen dauert im In- und Ausland an und reicht von der frühzeitigen Trennung des Widerstandes (nämlich der kommunistisch geführten Partisanen) von offener und verdeckter Kollaboration (letztere vertreten durch Balli Kombëtar und Legaliteti) bis zum blutigen Bürgerkrieg, den die Kommunisten zu verantworten hätten, die ihre Konkurrenten wie Feinde bekämpft hätten (s. dazu AH 4-1993). Bei der Bewertung der jeweiligen Bündnispolitik spielt die Frage eine Rolle, ob die Kommunisten durch ihr Bündnis mit den Tito-Partisanen das den Albanern von den Besatzungsmächten geschenkte Großalbanien verraten und damit die Kosovaren dem Zugriff der Serben erneut ausgeliefert hätten.


Der von serbischer Seite (Latruwe/Kostic) in diesem Zusammenhang erhobene pauschale Kollaborationsvorwurf an die Albaner ist in den AH 2-2006 behandelt worden.Der österreichische Historiker Hubert Neuwirth ist in einer umfangreichen Studie, die bisher nur auf Albanisch vorliegt, zu einer weitgehenden Umwertung der traditionellen Darstellungen gelangt. Eine eingehende Besprechung folgt, sobald die deutsche Ausgabe erschienen ist.

Jetzt hat Erwin Lewin, ein Spezialist für albanische Geschichte aus den neuen Bundesländern, der bereits in den 50er Jahren in Albanien studiert hatte, aber dann in die Eiszeit zwischen Tirana und dem Ostblock geraten war, im Staatsarchiv in Tirana gegraben und einen schmalen, aber wichtigen Band mit 29 Dokumenten, einer historischen Einführung, Register und Literaturverzeichnis publiziert.

Lewin zeichnet in seiner umfangreichen Einführung die Genese und Entwicklung des Widerstands mit seinen sozialen und politischen Widersprüchen nach. Manche Nationalisten verbündeten sich bereits früh (1942) mit der Nationalen Befreiungsfront, während andere diese für eine kommunistische Tarnorganisation ohne Zukunft hielten. Lewin trägt die verschiedenen Positionen zur Entstehung und zu den Motiven des Balli Kombëtar zusammen und analysiert das sehr heterogene Meinungsspektrum in der kommunistischen Führung. Das Dilemma in Kosovo, wo die Besatzer als Befreier von der serbischen Zwangsherrschaft gesehen wurden, war alle albanischen Akteure unüberwindbar: das Geschenk der Achsenmächte anzunehmen, hieß, sich gegen die Antihitler-Koalition zu stellen; sich mit Tito zu verbünden, hieß, die Interessen der Kosovaren links liegen zu lassen und sie noch tiefer in die Kollaboration zu treiben.


Die Quellen beleuchten, dass die von der KP Jugoslawiens entsandten Instrukteure Miladin Popovic und Dusan Mugosa die Situation innerhalb der albanischen Kommunisten eher erschwerten als erleichterten (obwohl zumindest Popovic in der kommunistischen Geschichtsschreibung immer hochgejubelt wurde).

Die legendäre Mukje-Konferenz Anfang August 1943 führte nur scheinbar zu einer Einigung zwischen Front und Balli; die kommunistischen Unterhändler Ymer Dishnica und Mustafa Gjinishi wurden von Enver Hoxha aus tiefem Misstrauen gegenüber den Absichten der Nationalisten, denen er vorwarf, bisher im Kampf nichts geleistet zu haben, aber auch wegen des Einspruches Popovics desavouiert, obwohl er ihnen den klaren Auftrag zur Einigung mit auf den Weg gegeben hatte. Der Balli, aber auch die Monarchisten unter Abaz Kupi, die die Front verließen und sich als Legaliteti verselbständigten, schwankten in der Folge zwischen punktueller Kollaboration und Kampf gegen die Kommunisten und gemeinsamem Vorgehen mit der Front gegen die Deutschen. So ordnete der BK-Chef Midhat Frashëri am 7.10.1943 an, nicht gegen die deutschen Besatzer zu kämpfen, sondern Angriffe der Kommunisten zu beantworten.

Lewin geht von einem von ihm bereits früher herausgegebenen Dokument aus, einem Bericht des Mitbegründers der Partei, Koço Tashko, an die Kommunistische Internationale vom Herbst 1942. Auch einige „Standardquellen“ wie die Resolutionen der Konferenzen von Peza und Mukje, das Manifest (Dekalog) des Balli Kombëtar etc. hat Lewin anhand der authentischen Dokumente im Archiv überprüft, um Fälschungen in den Editionen der kommunistischen Zeit bzw. der Emigranten auszuschließen.

Wertvoll sind die zahlreichen Fußnoten mit biographischen Angaben auch zu relativ unbekannten Akteuren, zumal ein umfassendes Personenlexikon zur albanischen Geschichte nach wie vor fehlt.Verlage für Albanica sind nicht leicht zu finden; man sollte dieses Buch nicht als „graue Literatur“ beiseite schieben, weil es „nur“ in einer Schriftenreihe der sächsischen Zweigstelle der Rosa-Luxemburg-Stiftung (die der Partei Die Linke nahe steht) erschienen ist. Wer erwartet, dass hier nur der x-te Aufguss der kommunistischen Historiographie geboten wird, sieht sich angenehm enttäuscht. Für seine abgewogene Interpretation hat Lewin auch die Balli-Geschichtsschreibung (z.B. die Ali-Këlcyra-Biographie von Tanush Frashëri, leider nicht mehr die für das Buch zu spät erschienenen Aufzeichnungen des BK-Kommandeurs Faik Quku) ausgewertet, ebenso wie die wissenschaftliche und publizistische Behandlung des Streits um den Befreiungskampf nach 1990.


Dr. Michael Schmidt-Neke, Kiel

(aus: ALBANISCHE HEFTE 3-2007)



Neue Quellen zu Akteuren und Zielen
Leipzig 2007
Paperback 195 S.

(Diskurs. Streitschriften zur Geschichte und Politik des Sozialismus - Heft 24)
ISBN 9783898192569