Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
14:58
27.06.2019
Gegenwärtig hält sich der Wiener Journalist Hannes Hofbauer, in Prishtina auf. Herr Hofbauer publizierte am 23 und 24 Januar zwei längere Artikel in der Zeitung Junge Welt zur Lage in Kosova. Wie in der „Jungen Welt“ üblich argumentiert der Autor zugunsten des serbischen Chauvinismus. Dennoch kann eine Reise bekanntlich bilden und Herr Hofbauer kommt bezüglich der „ Bewegung für Selbstbestimmung“ und der Rolle Albin Kurtis zu erstaunlich realistischen Erkenntnissen. Offensichtlich hat ihn ein Gespräch mit Albin Kurti beeindruckt.

Journalistisch relativ sauber beschreibt er die Rolle der LPV sowie die Person Albin Kurti. Dies ist für die „ Junge Welt“ ein Fortschritt. Bekanntlich bemühte sich der „ Balkanstarautor“ der Zeitung Jürgen Elsässer, vor einiger Zeit die LPV in die rechtsextreme Ecke zu stellen. Dem steht jetzt die Berichterstattung seines Wiener Kollegen Hofbauer entgegen. Gleichzeitig verbindet die Beiden ihre Sympathie für die serbischen Rechten, allerdings scheint Herr Hofbauer noch auf einige seriöse Gesichtspunkte in seiner Berichterstattung zu achten. Ganz im Gegensatz zu dem absoluten journalistischem Balkanmärchenonkel Jürgen Elsässer.


Dokumentation Auszüge aus dem Artikel von Hannes Hofbauer „Die albanischen Kräfte im Kosovo“ ( JW 24.01.07)

Radikale Jugendbewegung

Am 28. November 2006, dem neuen kosovarischen Nationalfeiertag, demonstrierten über 10000 Menschen im Zentrum von Pristina gegen die Kolonialpolitik der UNMIK. »Jo Negociata – Vetevendosje« (Keine Verhandlungen – Selbstbestimmung), lautete die Losung der von der gleichnamigen Bürgerinitiative organisierten Veranstaltung. Das zentrale UNMIK-Gebäude wurde mit Farbbeuteln beworfen und vereinzelt UNMIK-Personal attackiert. Betonbarrikaden der UNO-Verwaltung kamen unter Hämmer und Sägen, wurden zerschlagen und in den umzäunten Komplex geworfen. Offiziellen Angaben zufolge gab es keine Verletzten.

Zwischen die nationalalbanischen Sprechchöre der Demonstranten mischten sich soziale Begehren: »Für ein selbstbestimmtes Leben und für soziale Standards«, hieß es aus der großteils aus Jugendlichen bestehenden Menge. Ihr Sprecher Albin Kurti erinnerte an die Jugendaufstände in den Banlieues von Paris.

Überall in der kosovarischen Hauptstadt haben Aktivisten der Gruppe Vetevendosje ihre Hauptforderung an die Wände der Hausmauern gesprayt: »Keine Verhandlungen – Selbstbestimmung«. Sie trauen den Verhandlern von UNMIK genausowenig über den Weg wie der albanischen Elite. Den internationalen Organisationen im Kosovo werfen sie koloniales Gebaren und den eigenen Parteien Verrat vor. »Die UNMIK ist eine pyramidal aufgebaute, autoritäre Struktur. Sie kamen hierher und haben die lokalen, parallel zur serbischen Besatzung aufgebauten Strukturen zerstört. Sie eignen sich alles an: politische Herrschaft und ökonomische Macht«, bilanziert Kurti, die unumstrittene Führungsfigur der Gruppe, die Lage. »Wir wollen ein klares Zeitlimit für die ›Internationalen‹ in Kosovo.« Für die Nichtregierungsorganisationen im Land hat der begnadete Rhetoriker Kurti überhaupt kein Verständnis: »Heute haben wir hier 4000 NGOs und eine schwache Zivilgesellschaft.« Den »Internationalen« offizieller und inoffizieller Provenienz wirft Kurti vor, die individuelle Freiheit vor die kollektive zu stellen. »Die kollektive Freiheit«, meint er, »ist eine Voraussetzung für individuelle Freiheiten. Ohne Selbstbestimmung verkommt Freiheit zur Farce.“

Kurti residiert mit Vetevendosje, die vor 2005 Kosovo Action Network hieß, in einem Haus im Zentrum von Pristina. Schriftreif sprudelt es aus ihm in perfektem Englisch heraus. Kurti studierte Informatik und Telekommunikation an der dortigen Universität, konnte aber sein Studium erst nach dem Krieg beenden. Im August 1998 schloß er sich UCK-Sprecher Adem Demaci an. Der Bruch mit der UCK erfolgte bereits Ende Januar 1999, als der widerspenstige Adem Demaci auf Druck der USA durch Hashim Thaci ersetzt worden war. Demaci war nicht bereit gewesen, bei den Gesprächen im französischen Rambouillet Kompromisse über Souveränitätsrechte im Kosovo einzugehen. Am 27. April 1999, während die NATO Jugoslawien bombardierte und serbische Einheiten den Kosovo durchkämmten, wurde Kurti von der Polizei verhaftet, mit dem Rückzug der Serben im Juni 1999 in ein Gefängnis in Nis transportiert. Nach zweieinhalb Jahren hinter Gittern kam er, der wegen Staatsgefährdung zu 15 Jahren verurteilt worden war, am 7. Dezember 2001 frei. Mittlerweile trugen ihm seine radikalen Ideen auch kosovarische Gefängnisstrafen ein. Den eigenen Eliten gilt er als »Leninist« und »Aufrührer«. Vizepremier Lufti Haziri nannte die von Kurti initiierten Proteste »inakzeptabel« und »kontraproduktiv«.

Schon anläßlich ihres ersten massiven Auftretens mit Sprühaktionen im August 2005 wurden 175 Mitglieder der Gruppe Vetevendosje von ­UNMIK-Polizisten vorübergehend verhaftet. Über 18 Zentren hat Kurtis Netzwerk in ganz Kosovo aufgebaut, er selbst gibt die Mitgliederzahl mit 1000 Aktivisten und 10000 Spendern an.

Aufsehen erregt hat Vetevendosje im Herbst 2006 auch mit einem fingierten Flugblatt, das an das UNMIK-Personal und in den Straßen von Pristina verteilt worden ist. Unter dem Titel »Zehn Merksätze für die Evakuierung«, der sich an das internationale Personal wendet, war da zu lesen: »Heute wurden wir gezwungen, Kosovo zu verlassen. (...) Die Einwohner von Kosovo haben entschieden, unser Gesetz und unsere Kolonisierung nicht mehr zu tolerieren. Wir müssen unsere Flucht selbst organisieren. Die Evakuierung sollte nicht wie unsere Mission ablaufen, sie muß erfolgreich sein.« Das mit UNMIK-Briefkopf ausgestattete Flugblatt fordert die »Internationalen« mit zynischem Unterton auf, in Anspielung an die desaströsen wirtschaftlichen Verhältnisse und politischen Strukturen des Landes folgende Regeln beim Abzug zu beachten: »Verwendet keine Aufzüge oder sonstige Geräte, die mit Strom funktionieren. Vergeßt nicht das Wandbild von Kofi Annan. Besteht nicht darauf, im eigenen Jeep zu fliehen, nehmt den nächsten, der vorbeifährt. Traut der Lokalbevölkerung nicht. Schaut nur auf Euch selbst, genau so wie Ihr es während Eurer Mission hier gemacht habt. Kümmert Euch nicht um lokales Recht, Ihr seid ihm nicht unterstellt. Behandelt das Land, in das Ihr geht, nicht so, wie Ihr Kosovo behandelt habe, weil das ein Staat ist, in dem Ihr nicht über dem Gesetz steht. Und zu guter Letzt: Vergeßt Kosovo nicht, denn Ihr werdet niemals mehr eine Aufgabe wie diese bekommen, wo Ihr tun konntet, was immer Ihr wolltet.«