Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
20:06
20.08.2019

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke sollte in Düsseldorf den „Heinrich-Heine Preis“ erhalten. Die Posse hat sich mittlerweile erledigt. Herr Handke verzichtete von sich aus auf die Preisverleihung. Der selbsternannte „Anwalt Serbiens“ Peter Handke war ein erklärter Anhänger der Politik des serbischen Chauvinisten Milosevic. Gegen die Preisverleihung an Handke wannten sich auch einige serbische Schriftsteller. Ihre Artikel verdienen es auch dem deutschsprachigem Massenpublikum zugänglich gemacht zu werden. Sie unterscheiden sich wohltuend von der Haltung serbischer Faschisten und von der Haltung bundesdeutscher „linksliberaler Literaturästheten“

"Milosevic ist nicht Serbien, weder metaphorisch noch buchstäblich, sondern der Schandfleck am Gewissen meines Landes"
Von Biljana Srbljanovic


Was geht einer Autorin durch den Kopf, die jahrelang unter dem Milosevic-Regime gelebt und gelitten hat, wenn sie liest, wie Peter Handke auf die Vorwürfe seiner Kritiker reagiert ("Am Ende ist fast nichts mehr zu verstehen", SZ, 2.6.2006).

Ich weiß nicht, wie oft ich es wiederholen soll, Milosevic ist nicht als Präsident Serbiens gestorben, sondern als gestürzter Diktator, der, nachdem er den Wählerwillen des eigenen Volkes nicht anerkennen wollte, mit Gewalt von der Macht entfernt, nicht lange danach verhaftet und dem internationalen Gericht für Kriegsverbrechen ausgeliefert wurde. Milosevic ist so gestorben – als Häftling, als Mensch, dem wegen der schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Prozess gemacht worden ist, und der in Serbien begraben ist, weil man irgendwo begraben werden muss, weil er nicht lange genug gelebt hat, um seine (ganz sichere) Verurteilung abzuwarten, und weil es so am einfachsten war.

Ein Freund von Milosevi´c zu sein, bedeutet nicht ein Freund Serbiens zu sein, weil Milosevi´c nicht Serbien war. Er war ein Tyrann und das Böse meiner Nation.

Sein Begräbnis haben seine Kriegskameraden organisiert, Politiker und Journalisten, die in die Neunzigerjahre als einfache Apparatschiks des sterbenden kommunistischen Systems ohne irgendein persönliches Eigentum eingetreten sind, um aus den Kriegen als Dollarmillionäre hervorzutreten, und die ihr illegal verdientes Geld nicht einmal zu verbergen suchen.

Ihre Kinder studieren in Schweizer Schulen, auf Universitäten weltweit, wo ein Schuljahr mehr kostet, als zehn Jahresgehälter eines Spitzenarztes in Serbien, ihre Frauen kaufen in den teuersten und vulgärsten Shoppingzentren rund um den Globus ein und rühmen sich noch damit, das Begräbnis von Milosevic haben die Neureichen und die Helden der bunten Illustrierten organisiert – das ist die hübsche Gesellschaft, in die sich Handke verirrt hatte.

Am Begräbnis teilgenommen haben die Reste eines brutalen Regimes, Kriegsgewinnler und Kriegshetzer, russische stalinistische Generäle, Protagonistern einer für zahllose Verbrechen verantwortlichen Halbwelt, die der 3. Spalte Balkan mit Müh und Not im letzten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts überlebt hat, und die keine Vertreter irgendeines politischen oder ideologischen Gedankens sind – sondern einfach Diebe, Halsabschneider, Leichenplünderer, Schmuggler von Zigaretten, Benzin und Erdgas, Mafiosi, die den Krieg nur um des eigenen, materiellen Vorteils willen organisierten.

Am Begräbnis hat die Familie Milosevic nicht teilgenommen, die lebt luxuriös in Moskau, und Interpol fahndet nach ihr nicht wegen Kriegsverbrechen, sondern wegen Raubs, wegen Kriegsprofits, der nach seriösen Schätzungen mehrere Milliarden Euro beträgt. Handke hat schon recht: Milosevics Witwe, Mira 4. Spalte Markovi´c, ist keine Lady Macbeth, sie ist eine ambitiöse Provinzlerin, ein Flüchtling vor der internationalen Gerechtigkeit, die das gestohlene Diebesgut, von allen Gesetzen geschützt, in Putins Russland verprasst und dabei dem eigenen Volk ins Gesicht lacht.

Ich weiß nicht, wie oft ich es wiederholen soll: Wenn es um Serbien und Jugoslawien geht, so sind nicht die Diebe und die Mörder die legitimen Vertreter unseres Volkes, im Gegenteil, sie haben den Namen der Nation gekidnappt, die Idee des Staates missbraucht, sie haben sich hinter der Fahne versteckt und, derart verborgen, jahrelang feige gestohlen und gemordet – ausschließlich aus dem Motiv, sich persönlich zu bereichern.

Wenn wir von Verbrechen, Vergewaltigungen, Massakern, (im Plural, so wie Handke darauf besteht), reden wollen, so werden wir die Leichen nicht aufgrund ihrer nationalen Identität bewerten, das wäre eine Schande, das wäre nicht human, ein toter Mensch ist ein toter Mensch, es gibt nichts Schlimmeres als die Ausrede, "Die habe zuerst uns, danach haben wir sie".

Wenn wir über Kravica, Bratunac, Potocari und Srebrenica reden wollen, über all die furchtbaren Massaker im Laufe von vier Kriegsjahren, dann lasst uns die Häupter senken und uns vor den Toten verneigen, nicht die Leichen beschauen und sie je nach Nationalität und DNK zählen.

Wenn wir über die bosnischen Flüchtlinge in Serbien, dem Serbien unter Milosevi´c, reden wollen und Handke behauptet, dass es diese mit offenen Armen empfangen habe, 2. Spalte so ist das einfach nicht wahr. Moslems sind gekidnappt und ermordet worden mitten in Serbien unter dem Kommando Milosevi´cs, seiner Armee und seiner Polizei. Erinnert euch an Strbac, als aus einem Eisenbahnzug auf einer regulären Linie irgendwo mitten auf der Strecke an die dreißig Menschen moslemischer Herkunft herausgeholt wurden, deren Spur sich seither verliert. Und wenn wir über das Wer-zuerst-wen reden wollen, so gab es zuerst Strbac, danach Kravica, zuerst verschwanden Serben moslemischer Herkunft am eigentlichen Anfang des Krieges.

Ich schäme mich, so chronologisch Morde und Verbrechen aufzuzählen, ich schäme mich dieses Kalenders, ich habe den Eindruck, als relativierte ich gewaltsamen Tod, als wollte ich Ordnung in diese furchtbare Unordnung bringen, als sei ich damit einverstanden!

Wenn wir aber schon von den Flüchtlingen reden: Milosevics Serbien ließ sie leben wie die Hunde, in kollektiven Zentren, in denen es keinen Strom gab, denn der serbische Strom wurde für die Heizung der Schwimmbecken im Familienhaus des Söhnchens von Milosevic benützt, für Lightshows in seiner Diskothek, der größten auf dem Balkan, für die Erhaltung seines Bambiland, eines eigens für die Milosevics errichteten Vergnügungsparks nach dem Vorbild von Disneyland.

ch banalisiere, aber nicht zu sehr, denn ich reihe die Dinge nur buchstäblich auf, damit wir uns endlich verstehen, damit auch diejenigen, die sich in der neueren Geschichte des Balkan verwirren ließen, begreifen, wer der Mann war, an dessen Begräbnis man auf gar keinen Fall hätte teilnehmen dürfen.

Es ist in Serbien ja keine einfache Sache, auf irgendjemandes Begräbnis zu gehen. Zu einer Bestattung kommt man nicht als Tourist oder als Neugieriger, auf eine Beerdigung kommt man aus Verehrung für den Verstorbenen, man kann nicht zu einer Trauerfeier kommen, "um zu sehen" oder sich "umzuhorchen", man darf nicht aus intellektuellem Snobismus kommen. Das wusste Handke nicht, denn Handke versteht Serbien eigentlich überhaupt nicht, er kann die Sprache nicht, er kennt die Sitten nicht, er hat keine Ahnung von der Wirklichkeit, er weiß nicht, was es bedeutet, mit dem Stempel der in deinem Namen begangenen 4. Spalte Verbrechen zu leben. Er weiß nicht, was es heißt, gegen die Scham anzukämpfen . . .

Peter Handkes Erscheinen beim Begräbnis in Serbien heißen nur Kriegshetzer, die überlebt haben, laut willkommen, jene, die glauben, er habe mutig dafür gekämpft, zu beweisen, dass die Serben keine Verbrechen begangen haben. Mit ihm berühmen sich nur diejenigen, die seine Literatur nicht kennen, die keine Ahnung haben, wer er ist, und die das auch überhaupt nicht interessiert. Von Handkes Teilnahme am Begräbnis von Milosevic haben sie aus ausländischen Medien erfahren, denn die einheimischen, die diesen Zirkus verfolgten, haben nicht einmal bemerkt, dass er da war. Handkes Literatur kennen und lieben in Serbien nur diejenigen, die mit den Verbrechen abrechnen und ihren Kindern die geschichtliche Wahrheit beibringen möchten, die sich mit der eigenen Scham und mit dem Joch ihres Gewissens konfrontieren müssen.

Genug von den Freunden Milosevics als Freunden Serbiens. Zum hundertsten Mal sage ich und will es wiederholen, bis ich wahnsinnig werde: Milosevic ist nicht Serbien, weder metaphorisch noch buchstäblich. Er ist der Schandfleck auf dem Gewissen meines Landes, der für ewig bleiben wird.

Übersetzung: Andrej Ivanji (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.6.2006)


 
 
Warum der Dichter Peter Handke den Heine-Preis nicht verdient
Von Bora Cosic


In unseren Gegenden, unseren mitteleuropäischen, sind fahrende Magier, Jahrmarktshypnotiseure, Bauchredner sehr populär. Sie sind seltsam gekleidet, tragen meist ausländische Namen, kommunizieren in einer besonderen Sprache, einer scheinbar kosmopolitischen, später stellt sich heraus, dass es doch Leute von uns sind, sie tun nur so, als wären sie Ausländer. In meiner Kindheit war ich bezaubert von solchen Personen, aber nach ihnen sind nicht nur Kinder verrückt, sondern auch naive Erwachsene. Eine Dame in meiner Nachbarschaft liebte es, auf eine aus Brettern gebastelte Bühne hinter einem Markt zu klettern, nur um sich dort vom größten serbischen Illusionisten Roko Cirkovic einschläfern, sich alle Kleider ausziehen zu lassen und ihm in dieser karnevalesken Trance ihre verborgensten Geheimnisse zu gestehen.

Den letzten Krieg verbrachte der größere Teil meines Volkes in einer Trance. Und jeder in der Kunst der Magie Bewanderte war imstande, ihnen eine andere Wirklichkeit als die existierende vorzugaukeln. Dabei hatte der Dichter Handke gewaltigen Erfolg, dem es gelang, viele Serben davon zu überzeugen, dass ihre Landsleute keine Verbrecher seien, sondern Opfer einer wohlüberlegten Weltverschwörung. Dieser Dichter steht heute allerdings wegen falscher Darstellung vor dem Gericht der europäischen Öffentlichkeit. Weil sich herausgestellt hat, dass den Heine-Preis für Völkerverständigung ein Lügner bekommen würde. Hier gerieten auch diejenigen in Bedrängnis, die diese Entscheidung gefällt hatten. Weil endlich jemand seinen Fuß auf das Gewand gestellt hat, in dem sich dieser Dichter unter uns ein ganzes Jahrzehnt lang bewegt hat, als befände er sich auf dem Karneval in Venedig.

Schon die alten Griechen problematisierten die Frage der Wahrheit, indem sie an der wahren Farbe der Natur zweifelten, die das menschliche Auge auf jeweils eigene Weise wahrnimmt. Alles um uns herum ist fragwürdig, die reale Welt steckt voller Täuschungen, nicht nur die Eidechsen wechseln ihre Maske, wenn sie in Gefahr geraten. Trotzdem wird die Wahrheit da und dort greifbar, leider dann erst, wenn es Tote gibt. Der Dichter Milo¨ Crnjanski erwähnt den Brauch des italienischen Publikums zur Zeit der Renaissance, nach der Vorstellung eines Wandertheaters die Schauspieler herbeizurufen, die während des Stückes umgebracht wurden oder starben. I morti! I morti!, rufen diese Handwerker und Bauern, und die Toten kommen auf die Bühne und verneigen sich brav. Aber wer kann die Toten von Srebrenica auferstehen lassen, damit sie heute, nach dieser blutigen Komödie, aufs Neue erscheinen?

Der große Bauernfänger Milosevic hatte sich selbst im Netz des Todes verfangen, als er sich weigerte, Medikamente einzunehmen, in der Meinung, so eine Behandlung in Russland erzwingen zu können. Genauso wurde der Dichter Handke bei der Wilderei ertappt, obwohl er selbst schon ein ganzes Jahrzehnt lang Fangeisen in den Wäldern und Bergen unserer Geschichte aufstellt.

Jemandes Werk aus ideologisch-politischen Gründen zu zensieren, es vom Spielplan zu nehmen, jemandem einen Preis wegzunehmen, ist für mich ein unzulässiger Akt. Selbst wenn es Peter Handke ist, ein Mann mit völlig falschen Anschauungen von der aktuellen Politik, außerdem ein großer Dichter seiner Sprache, besonders in früheren Jahren. Der Preis, den sie ihm jetzt zu verleihen versuchen, verkompliziert das Problem aber. Es ist, als amnestiere man damit das ganze Grauen der Gewaltherrschaft in Serbien in den letzten Jahrzehnten. Dieser große Manipulator mit seiner Sicht auf den Krieg ist selbst manipuliert, weil er zu einem Gewicht auf der Waage von Interessen wird, die sehr wenig mit der Sache der Literatur zu tun haben.

Wenn jemand Gerechtigkeit für Handke fordert, muss er zuerst Gerechtigkeit für Serbien fordern, um es vor falschen Anwälten zu schützen. Denn wie er dieses Land vertritt, ist beleidigend. Serbien ist kein bedürftiges Gebiet voll armer, dumpfer und rückständiger Leute, sondern eine Gegend, die der Welt in den letzten hundert Jahren ihre Dichter, ihre avantgardistische Kunst und ihre geistvollen Persönlichkeiten geschenkt hat. Es gibt dort viele offene Gegner des Regimes, es ist genau das Land, auf das sich auch die junge Autorin Biljana Srbljanovic beruft. Dieses andere Serbien müsste vor dem heutigen Ehrengericht, vor dem Peter Handke steht, in den Zeugenstand treten.

Der Autor, 1932 in Zagreb geboren, lebt als Schriftsteller in Rovinj und Berlin. Zuletzt erschien bei Suhrkamp „Das Land Null“. – Aus dem Serbischen von Katharina Wolf-Grießhaber