Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
17:30
18.07.2019

Schlechte Wohnbedingungen, fehlende Gesundheitsversorgung, unzureichende (Aus-) Bildung, hohe Arbeitslosigkeit und alltägliche rassistische Übergriffe – Rahmenbedingungen der Lebensrealitäten von Roma in Serbien.  2005 trat Serbien der „Decade of Roma Inclusion“ (2005-2015) bei, die eine Inklusion der Roma-Bevölkerung - Dokumentation- mithilfe verschiedener Programme, Projekte und Strategien zum Ziel hat.

– von | Katharina Fritsch

Diverse Kritiken z.B. vonseiten der UN, der ERRC (European Roma Rights Centre) oder romanesischer Frauenorganisationen wie Eureka oder Women's Space weisen jedoch darauf hin, dass es hier mehr um Worte als um gesellschaftsverändernde Handlungen geht. Folge dessen ist die Roma-Bevölkerung in Serbien immer noch weitgehend von der serbischen Gesellschaft ausgeschlossen. Diese Exklusion drückt sich vor allem in mangelndem Zugang zu Beschäftigung, sozialer Sicherheit, Unterkunft, Gesundheitswesen und Bildung aus. Weiters stellen Roma besonders gefährdete Gruppen unter Flüchtlingen und IDPs (Internally Displaced People) in Serbien dar.
Laut einer Volkszählung von 2002 leben in Serbien 108.193 Roma, was 1, 44% der Bevölkerung ausmacht. Anderen Quellen (NGOs etc.) zur Folge wird der Roma-Anteil jedoch auf das Fünffache geschätzt.

keine Dokumente – keine Rechte

Unter der Roma-Bevölkerung in Serbien besteht ein großer Mangel an Identifikationsdokumenten, vor allem unter den IDPs, Flüchtlingen, zurück migrierten Roma und jenen, die in illegalen Siedlungen wohnen. Weiters stellen die Roma eine der Gruppen dar, die am meisten von fehlender Wohnregistrierung betroffen sind.
Fehlende Dokumente verbauen den Zugang zu Gesundheitsversorgung, sozialer Versorgung, Bildung, Erwerbstätigkeit und bürgerInnenrechtlichen Ansprüchen. Damit wären wir in einer Art „Teufelskreis“ angekommen, denn der fehlende Zugang zu sozio-ökonomischen und bürgerInnenrechtlichen Ansprüchen verstärkt die schlechten Lebensbedingungen der Roma und Folge dessen deren Ausgrenzung.

Romasiedlungen – eine Art der „Ghetto-Bildung“

Roma leben in Serbien hauptsächlich in eigenen Siedlungen. Die traditionelle Romasiedlung – egal ob im ländlichen oder städtischen Bereich – wird als „Mahala“ bezeichnet. Zwar unterscheiden sich Mahalen untereinander in Bezug auf den Lebensstandard, im Allgemeinen sind sie jedoch von grundlegendem Mangel an Infrastruktur (fehlende Wasser- und Stromversorgung, schlechte Straßen etc.) und kommunalen Einrichtungen (Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser etc.) gekennzeichnet. Einige Siedlungen sind auch illegal errichtet, was zu unsicheren Wohnverhältnissen führt. Die schlechten Lebensbedingungen führen zu Gesundheitsrisiken für die in diesen Siedlungen wohnenden Roma.

Schlechter Bildungszugang – schlechte Arbeitschancen

Die gesellschaftliche Exklusion der Roma fängt schon sehr früh an und zwar im begrenzten Zugang zu Kindergärten und Schulbildung. Die Gründe für den schlechten Bildungszugang für Roma-Kinder sind vielfältig. Da wären zum einen die schlechte ökonomische Lage der Eltern, fehlende Dokumente und die weiten Schulwege. Zum anderen scheint es eine Art systematische Ausgrenzung von Roma-Kindern aufgrund fehlender Integrationsmaßnahmen in den Schulen zu geben: Roma-Kinder werden aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse etc. oft in Sonderschulen geschickt. Als Folge dieser Diskriminierungen sind viele Fälle von Erwerbstätigkeit von Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren zu verzeichnen.
Laut eines Berichts des United Nations Committee on Economic, Social and Cultural Rights von 2005 ist die Armut unter den Roma vier bis fünfmal höher als unter der Mehrheitsbevölkerung. Dies hat mit der hohen Arbeitslosigkeit und der starken Konzentration im informellen Bereich, der keinerlei soziale Absicherung bietet, zu tun.

rassistische Übergriffe – alltägliche Erfahrungen

Man/frau muss nur einen kurzen Blick auf die Artikel in Bezug auf Serbien auf der Seite des ERRC aus Budapest werfen, um sich von der Vielfalt rassistischer Übergriffe auf Roma zu überzeugen. Ob in der Schule, auf Ämtern, in Krankenhäusern, in Lokalen oder an Arbeitsplätzen, Roma sind alltäglich von rassistischen Bemerkungen und Handlungen betroffen. Diese stark verankerten rassistischen Strukturen erschweren wiederum den Zugang zu Erwerbsarbeit, Bildung, Wohnmöglichkeiten etc.

Roma-Frauen – eine der am meist benachteiligten Gruppen

Das ERRC verfasste zusammen mit den serbischen NGOs Bibija, Eureka und Women's Space einen Bericht über die kritische Situation von Roma-Frauen in Serbien. Darin zeigen die AutorInnen auf, dass Roma-Frauen aufgrund der Verschränkung von sexistischen und rassistischen Strukturen stark benachteiligt sind. In diesem Sinne führen rassistische und patriarchale Strukturen der serbischen Mehrheitsgesellschaft zusammen mit patriarchalen Strukturen unter den Roma zu einer stärkeren Benachteiligung von Roma-Frauen als von Roma-Männern in den schon erwähnten Bereichen Bildung, Gesundheit, Erwerbsarbeit und Wohnen. In diesem Sinne plädieren die AutorInnen des Berichts für eine Berücksichtigung von Gender innerhalb der Policy-Initiativen zur Integration von Roma in Serbien.

die heikle Frage der „Integration“

Dieser kurze Überblick über die Situation der Roma in Serbien machte deutlich, dass bei deren Exklusion verschiedene Machtverhältnisse – wie vor allem rassistische und sexistische Verhältnisse – zusammen wirken. So komplex die Situation der Exklusion der Roma nun ist, so komplexe Sichtweisen bedarf es in Folge dessen auch in Bezug auf die Auflösung solcher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse. Ein umfassender Blick in Bezug auf Integration bedarf demnach einer Kritik an bestehenden Macht- und Ungleichheitsverhältnissen und darf nicht einfach in einer Gleichsetzung von „Integration“ mit „Assimilation“ resultieren.  

Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und Politikwissenschaften und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.
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Entnommen aus http://www.pfz.at/article942.htm