Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
19:19
24.11.2020
Gerade in Deutschland ist es Mode, die organisierte Kriminalität in Kosovo zu vermuten. Die organisierte Kriminalität ist jedoch nichts anderes als der pervertierte Wurmfortsatz des legalen Kapitalismus. Jede Diebes und Mordbande versucht ihre Beute „legal“ zu reinvestieren. Die Chefs der kriminellen Banden haben über den Umweg der Krimnalität

vor sich in eine weitgehend legale Bourgeoisie zu verwandeln. Dieser Prozess kann im gesamten ehemaligen Ostblock beobachtet werden. Engegen der Meinung von liberalen Kritikern und wohlmeinenden Kämpfern gegen die Kriminalität, ist dieser Prozess nicht nur in Kosova sondern in besonderer Intensität in Serbien zu beobachten. Als Dokument drucken wir einen Artikel aus der Tageszeitung „ Tagesanzeiger“ aus der Schweiz.



Dokumentation Pink Panther, VII: Auftritt der Räuberinnen

In Tokio setzen die Panther mit weiblicher Hilfe einen Boutique-Angestellten ausser Gefecht und begehen den grössten Juwelenraub der japanischen Kriminalgeschichte. Tatort Tokio: Mit Hilfe von Snezana Panajotovic (links) und Dorothy Fasola überfielen zwei Panther die Boutique Le Supre Diamant.



Das Polizeihauptquartier in Nis befindet sich am Ende einer von Bäumen gesäumten Strasse, auf der junge Männer in einer Art informellen Uniform auf und ab gingen: Porsche-Sonnenbrillen, weisse T-Shirts und schwarze Trainerhosen. Einer hatte eine Makarow-Pistole im Hosenbund, deren Griff herauslugte. Zu stören schien das niemanden.Bei meinem Besuch im Sommer letzten Jahres war Zoran Stojanovic Chef der Polizei. Er sass an seinem Schreibtisch, auf dem sich Fotos stapelten, die er für mich bereitgestellt hatte. Er hatte ein grosses, knorriges Gesicht und trug einen grauen Anzug im Sozialisten-Stil. Zu Beginn weigerte er sich, über die Panther Auskunft zu geben. Stattdessen dozierte er über das Unrecht der Nato-Bombardements und wie die serbische Bevölkerung von Kosovo-Albanern und anderen Volksgruppen angefeindet würde.

«Sie warfen Splitter-Bomben ins Stadtzentrum», sagte er. «Sieht man sich die Aufnahmen heute an, ist es kaum zu fassen.» Er überreichte mir ein Album mit Fotos von Toten. «Sehen Sie sich das nur an, wenn Sie einen starken Magen haben», warnte er. Ich blätterte im Album und sah blutige Kadaver mit Splitter im Fleisch. Ein Foto zeigte ein älteres Paar, dessen Körper am 7. Mai 1999 von einer Bombe verstümmelt worden war. Der Ton, in dem Stojanovic die Tragödien schilderte, erinnerte mich an die Berichte über den Bosnien-Krieg: Die Serben sehen sich als Opfer, was an ihrer ethnozentrischen Weltsicht liegt, die wiederum in echtem Leiden begründet ist.

Es gab Kaffee und Orangensaft. «Bei allem Leid und allen Kriegen, die wir in unserer Geschichte durchmachten, hat Serbien nie jemanden angegriffen», sagte der Polizeichef. «Wir haben uns gegen das ottomanische Reich verteidigt, gegen das österreichisch-ungarische Reich, gegen Hitler und gegen die separatistischen Gangs im Kosovo.»

Nachdem ich seinen Worten gelauscht und mir die Fotos angesehen hatte, war er bereit, über die Kriminalität in seiner Stadt Auskunft zu geben. Allerdings, sagte er, würde das Gespräch kurz ausfallen, denn in Nis gebe es keine Verbrecher. Als ich mich nach den jungen Männern mit den brandneuen Audis erkundigte, erklärte er mir, dass sie Jungunternehmer seien: «Elektronik, Beratung und so weiter.» Ich fragte ihn, ob es für Jungunternehmer in Nis normal sei, Makarow-Pistolen im Hosenbund zu tragen. Er schüttelte gutmütig den Kopf. «Die Typen mit Sonnenbrillen und Trainerhosen sind nicht im Elektronik-Business», sagte er: «Unsere Region eignet sich auch hervorragend für Aktivitäten in der Landwirtschaft.» Ob darunter auch der Transport von Heroin zu verstehen sei? Er legte die Stirn in Falten. «Während der Sanktionen hätten Sie keine fünf Tage überlebt», sagte er. «Sagen wir es so: Die Leute hier verstehen es, sich schwierigen Situationen anzupassen.»

Stojanovic erachtete es schliesslich als möglich, dass einige Bürger von Nis als Diebe in den Westen emigriert seien. Einige von ihnen kehrten nach Nis zurück, wo sie mit luxuriösen Autos und teurer Kleidung die Aufmerksamkeit auf sich zögen. «Gut möglich, dass sie im Westen mit Leuten aus dem Juwelen-Business zu tun haben», sagte er. Obwohl sie in anderen Ländern das Gesetz gebrochen hätten, würden sie sich in Nis bloss vergnügen und Geld ausgeben. So seien sie für andere junge Leute zu Vorbildern geworden. «Wir haben eine Redensart», so Stojanovic: «Angenehm und süss, aber kurz.»

Er blätterte in den Unterlagen über Personen, die von Interpol als Panther identifiziert worden waren. «Einer, der im Westen als grosse Nummer gilt, beging hier bloss Bagatelldelikte», sagte er. «Autodiebstahl. Wobei er nicht einmal das Auto stahl, nur dessen Inhalt.» Ich fragte ihn, ob er von Milan Ljepoja sprach, worauf er nickte. «In Europa gilt er als Big Boss», sagte er. «Erzielt er eine fette Beute, kommt er nach Nis, um mit dem Geld anzugeben. Wir können nichts unternehmen, weil er nichts Illegales tut.» Interpol, so Stojanovic, schicke ihm jeden Tag zehn Anfragen betreffend irgendwelche Bürger von Nis.

Plötzlich wechselte er das Thema. «Wissen Sie, weshalb Leskovac die einzige Stadt in Serbien ohne Juden ist?» Offenbar hatte er die Geschichte schon viele Male zuvor erzählt; seine Stimme war theatralisch und sein Adamsapfel zuckte. «Vor vielen Jahren kam ein Jude mit seiner Familie nach Leskovac, wo er sich niederlassen wollte», begann er. «Weil er arm war und nichts zu essen hatte, fragte er einen Bauern, ob er ein Ei bekommen könne. Der Serbe gab ihm so viele Eier, wie der Jude wollte. Doch bevor er ihm die Eier überliess, wog er sie und vermerkte ihr Gewicht. Als der Jude dies sah und ihm bewusst wurde, dass er exakt die ausgeliehene Menge zurück erstatten musste, sagte er ‹Das ist kein Ort für mich› und zog weiter.»

Stojanovic studierte aufmerksam mein Gesicht, um zu sehen, ob ich die Bedeutung der Geschichte begriffen hatte. Dann zog er seine buschigen Augenbrauen hoch und erklärte: «Wenn schon damals ein ungebildeter Serbe zu solchen tiefgründigen Überlegungen fähig war, ist es gut möglich, dass auch heute der eine oder andere einfache Bürger sein Hirn einsetzt, um das bBeste aus seiner Lage zu machen.»

Berühmt-berüchtigt sind jene zwei Serben aus Nis, die vor sechs Jahren in einer Tokioter Boutique das Collier Comtesse de Vendôme stahlen, ein Schmuckstück, das mit 116 Diamanten versehen ist. Die Tat ereignete sich am 5. März 2004 und gilt als der grösste Raub in der Geschichte Japans.

Weder Djordje Rasovic noch Aleksandar Radulovic sprachen Japanisch oder hatten das Land jemals bereist. Die Boutique namens Le Supre-Diamant Couture de Maki befand sich im Ginza-Bezirk und gehörte einer Firma, von der man sagte, sie stecke in finanziellen Schwierigkeiten. Während die Männer die Boutique ausraubten, stand eine junge Frau aus Nis, Snezana Panajotovic, in einem gegenüberliegenden Café Wache. Bei ihr war Dorothy Fasola, eine Schottin, die in Italien wegen Goldraubs verurteilt worden war. Rasovic und Radulovic entkamen auf Motorrädern. Am selben Tag flogen sie mit einem Air-France-Flug nach Paris. Die Frauen verliessen das Land kurze Zeit später.

Die Tokioter Polizei liess den Überfall mit Hilfe von mehr als hundert Ermittlern rekonstruieren. Das so entstandene Dossier ist gespickt mit Details, die einem Kriminalroman entstammen könnten. Zwar verweigerten mir die japanischen Behörden den Einblick in die Unterlagen, erstellten jedoch Kopien für die Teilnehmer des Ermittler-Meetings in Monaco. Verschiedene dieser Polizisten sagten mir, dass das Dossier ein kriminalistisches Meisterwerk sei. Einige von ihnen gewährten mir Einblick in die englischsprachige Version. Tatsächlich ist das Dossier beeindruckend, wenn es auch genauso viele Fragen aufwirft, wie es beantwortet. Etwa, wer die Panther genau sind und wer sie schützt.

Die Gang-Mitglieder kamen Ende Februar 2004 in Japan an. Dorothy Fasola traf als erste in Tokio ein, reservierte Hotelzimmer für die anderen und kaufte vier Mobiltelefone: Goldene für Radulovic und Rasovic, ein hellrotes für Panajotovic, ein blaues für sich selbst. Die Gesprächsprotokolle von Fasolas Handy-Nummer 090 63 48 71 30 zeigen, dass sie drei Stunden vor dem Überfall mit Rasovic Kontakt hatte (Fasola selbst verneinte eine Beteiligung am Raub).

Djordje Rasovic lieh sich die Identität eines tschechischen Ingenieurs, um über Osaka ins Land zu kommen. Snezana Panajotovic reiste über Tokio ein, sich ebenfalls als Tschechin ausgebend. Auch Aleksandar Radulovic flog direkt nach Tokio, mit einem kroatischen Pass. Er stieg im Odakyu Hotel Century Southern Tower ab. Später fand ein japanisches Forensik-Team seine Fingerabdrücke auf einem Musterfläschchen Wella-Shampoo. Zum ersten Mal besuchte Radulovic die Maki-Boutique am 24. Februar. Radulovic bat den Angestellten, ihn in den dritten Stock zu begleiten. Dort war die Comtesse de Vendôme in einem gläsernen Schaukasten ausgestellt, dessen einziger Schutz ein elektronischer Alarm war. Radulovic zeigte sich begeistert und fotografierte das Schmuckstück. Wenige Tage später besuchte er das Geschäft erneut, dieses Mal mit Panajotovic. Die beiden gaben sich als Liebespaar aus und erstanden eine Halskette und einen Silberlöffel. Am 5. März, um 11.45 Uhr, betraten Radulovic und Rasovic die Boutique. Radulovic trug einen beige-farbenen Mantel, eine hellbraune Perücke sowie Sonnenbrille und braune Lederhandschuhe, in der Hand hatte er eine Cartier-Tasche. Rasovic hatte dunkle Kleider angezogen und trug eine schulterlange Perücke. Auf dem Weg zur zweiten Etage nahm Radulovic eine Kamera hervor und fotografierte einen Angestellten namens Ryu Takagi. Dabei wiederholte er die Worte «Perfekt» und «Grossartig!»

Als er an den Schaukasten trat, nahm Radulovic ein Stück Papier hervor. Gemäss Überwachungskamera geschah dies um 11:46:21 Uhr. Takagi beugte seinen Kopf nach unten, um zu sehen, was sein Kunde aufschrieb. In diesem Moment versetzte Radulovic ihm einen Schlag und sprühte Pfefferspray in seine Augen. «Er drückte mich zu den Toiletten, während er unablässig auf meinen Kopf einschlug», sagte Takagi später aus. «Die Türe ging zu und ich hörte Glas bersten. Nachdem ich mich zusammengerissen hatte, wusch ich meine Augen und rief per Handy die Polizei.» Zu diesem Zeitpunkt war die Comtesse de Vendôme verschwunden und das Geschäft, respektive dessen Versicherung, war um 33 Millionen Dollar ärmer.

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© David Samuels. Die Reportage erschien zuerst im «New Yorker». Übersetzung: Philippe Zweifel. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)

Erstellt: 20.07.2010, 11:48 Uhr

Quelle http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/dossier/pink-panther/Pink-Panther-VII-Entfuehrung-einer-hochkaraetigen-Graefin-aus-Tokio/story/30760564?cache=9efAwefu