Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
16:33
22.04.2019
Aus Anlass des zehnjährigen »Jubiläums« der Konferenz von Rambouillet, publizieren wir einen kurzen Auszug aus dem Buch von Kurt Köpruner »Reisen in das Land der Kriege“ erschienen im Jahr 2003. Der Auszug macht deutlich wie bereits in Rambouillet das Selbstbestimmungsrecht Kosovas ignoriert wurde. Es ging der NATO nur um „Stabilität“ und ihre eigenen Interessen. Besonders lag der westlichen Diplomatie die „Entwaffnung der UCK“ am Herzen. Diese ist heute

weitgehend durchgeführt und ein in Aussicht gestelltes Referendum des Volkes zum Status Kosovas fand nicht statt. Besonders interessant ist in dem Buch die Passage, wie Hashim Thaci durch den Östereicher Wolfgang Petritsch entdeckt wurde.

Dokumentation Auszüge aus dem Buch- Reisen in das Land der Kriege. Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien« (Heinrich Hugendubel Verlag, München 2003)

„Hashim Thaci wurde von Wolfgang Petritsch persönlich »entdeckt« und zum Verhandlungspartner aufgebaut. Wir lesen in seinem Buch: »Nachdem die amerikanischen Versuche, die für den weiteren politischen Prozeß entscheidenden Personen der UCK zu identifizieren und mit ihnen Verhandlungen aufzunehmen, gescheitert waren, wurden unter der Ägide von Petritsch seit Sommer 1998 inoffizielle Erkundigungen über die relevanten politischen Führungspersönlichkeiten der Untergrundarmee durchgeführt. Nach einer längeren Phase der Recherche wurde die Gruppe um Hashim Thaci als der geeignete zukünftige Ansprechpartner identifiziert. Sowohl die EU als auch die Kontaktgruppe3 haben die Initiative Petritschs schließlich akzeptiert und die Notwendigkeit der Einbeziehung der UCK in den Verhandlungsprozeß als unumgänglich anerkannt.«“

"Was waren die konkreten Knackpunkte auf albanischer Seite? Unverhandelbare Forderung der albanischen Delegation war die Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes, konkret die Durchführung eines Unabhängigkeitsreferendums nach Ablauf von drei Jahren. Da der Ausgang dieses Referendums angesichts der albanischen Mehrheit von vornherein feststand, lief diese Forderung auf die völlige Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien hinaus. Darin jedoch sahen die Westmächte die Gefahr einer weiteren Ausweitung des Konfliktes: Ein unabhängiger Staat Kosovo wäre allein kaum überlebensfähig und würde jedenfalls den Ruf nach einer Vereinigung mit Albanien enorm verstärken. Das wiederum hätte zwangsläufig unkontrollierbare Folgen für den Freiheitsdrang der diversen Minderheiten in Mazedonien, Bulgarien, Rumänien und Griechenland gehabt und damit den Balkan noch mehr destabilisiert."

"Was der Westen den Albanern anbot, war ein formaler Verbleib des Kosovo innerhalb der jugoslawischen Grenzen, wenngleich mit einer Autonomie, die sogar über den Status einer innerjugoslawischen Republik hinausgehen könnte. Man wollte Zeit gewinnen und den endgültigen Status des Kosovo nach drei Jahren nicht durch ein Referendum, sondern im Rahmen einer internationalen Konferenz festlegen."


"Man könnte dies durchaus als klugen Kompromiß bezeichnen. Er hatte nur den Schönheitsfehler, daß er für beide Seiten absolut unannehmbar war. Zu schwer lastete der Fluch des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, das man Slowenen und Kroaten zugestanden hatte, auf Rambouillet."


"Von Ibrahim Rugova hätte man für diesen Kompromiß vielleicht noch eine – allerdings wertlose – Unterschrift bekommen können, von der UCK jedoch nicht. Die ließ zahllose Male die ganze Welt wissen, daß sie solange kämpfen werde, bis der Kosovo völlig unabhängig sei. Schon lange vor der Konferenz (...), aber auch während der Verhandlungen. Via Internet verkündete man unverschlüsselt: »Das Endziel unseres fortgesetzten Kampfes ist und wird sein: Freiheit, Unabhängigkeit und Demokratie.«"


"Nein, mit dieser Truppe war ein Verbleib des Kosovo innerhalb der Grenzen Jugoslawiens nicht machbar. Zumal der Vertrag die völlige Entwaffnung der UCK vorsah, was zu keinem Zeitpunkt mehr war als ein frommer Wunsch. Auch nach dreißig Jahren Bürgerkrieg sind in Nordirland noch immer viele Waffen im Untergrund, und in Spanien bombt die ETA wie eh und je. Daran orientierte sich die UCK."

Der Konferenzverlauf

Wie verlief die Konferenz? Folgt man den Ausführungen Petritschs, so taktierten die Serben herum, versuchten zu verzögern, wo es nur ging, machten allenfalls ein paar Zugeständnisse im sogenannten »politischen Teil« des Vertragstextes, während die Kosovaren mehr oder weniger konstruktiv an der Lösung mitarbeiteten."


"Die Kosovaren wiederum hätten den militärischen Teil sofort unterschrieben, wenn ihnen im politischen Teil die Möglichkeit eines Referendums nach Ablauf von drei Jahren zugestanden worden wäre. Für den Westen jedoch galt, daß beide Teile unterschrieben werden müßten. Kurzum, unvereinbare Standpunkte, die Konferenz stand vor dem Scheitern."

"Jetzt fuhr der Westen mit politischen Schwergewichten auf: »Kurz vor Ablauf des Ultimatums schwebten die Außenminister der Kontaktgruppe-Staaten ein. Im ›Beichtstuhlverfahren‹, so Joschka Fischer, nahmen sie die Kontrahenten einzeln ins Gebet. ›Setzen Sie sich nicht selbst ins Unrecht‹, beschwor Fischer den Albaner-Führer Thaci, ›ergreifen Sie den Mantel der Geschichte‹« (zit. n. Der Spiegel v. 1.3.1999). Doch der griff nicht zu. Und auch Frau Secretary of State gab vergeblich ihr Bestes: »Madeleine Al­bright kniete förmlich vor den UCK-Kommandeuren, es war ein unwürdiger Anblick«, zitierte Der Spiegel (10.1.2000) höhnisch einen, der dabei war. Selbst Albrights stärkste Trumpfkarte – »If you don’t say ›Yes‹ now, there won’t be any ­NATO ever to help you!« – stach nicht."

Die entscheidende Nacht

"Sollte alles vergeblich gewesen sein und die von Petritsch vor Konferenzbeginn gegebene »Bombengarantie« nicht eingelöst werden können? Sollte es so weit kommen, daß der »Westen gar nichts mehr tun« könne, wie Madeleine Albright für den Fall einer allseitigen Unterschriftsverweigerung angekündigt hatte? Sollte man die Lösung des Kosovo-Problems allein den Serben überlassen müssen, Rambouillet also mit einer totalen Blamage des Westens enden?"

"Es sah ganz danach aus – doch dann kam die Wende. Sie kam über Nacht. Petritsch dokumentiert den überraschenden Umschwung, den er selbst herbeiführte, mit bemerkenswertem Understatement: »Am Morgen des 23. Februar, um 9.30 Uhr, wurde den Delegationen die endgültige Textfassung des ›Interim Agreement for Peace and Selfgovernment in Kosovo‹ ausgehändigt. In einem Begleitschreiben wurden die Delegationen aufgefordert, ihre Stellungnahmen bis 13 Uhr abzugeben. Nach einem nächtlichen Vier-Augen-Gespräch zwischen Petritsch und Thaci wurde dieser von der Notwendigkeit überzeugt, das Abkommen im Prinzip anzunehmen und die definitive Zustimmung erst nach einer Befragung ›des kosovarischen Volkes‹ zu geben.«"

"Eine wahrlich sensationelle Wende, nach so vielen vergeblichen Verhandlungstagen, nachdem noch am Vorabend jede Zustimmung zum Interimsabkommen abgelehnt worden war. Was ist da gesprochen worden in diesem Vier-Augen-Gespräch zwischen dem Österreicher Petritsch und dem Anführer der Rebellenarmee? Das werden die beiden wohl für sich behalten. Aber wir dürfen raten, wie es gelaufen sein könnte. So vielleicht:"

"Petritsch zu Thaci: »Wenn Sie nicht unterschreiben, kann Ihnen die NATO nicht helfen, dann putzt euch Milosevic in zwei Wochen weg. Dann könnt ihr den Kosovo für immer vergessen.« Thaci: »Ich weiß, aber wenn wir unterschreiben, löst ihr die UCK auf und der Kosovo bleibt auf ewig bei Jugoslawien. Das akzeptieren meine Leute niemals. Es gab schon zu viele Tote.« Petritsch: »Das ist Ihr Problem! Sagen Sie Ihren Leuten, daß sie ohne NATO heute schon so gut wie tot sind, daß sie mit der NATO jedoch das ganze Land gewinnen werden.« Thaci: »Die NATO hat schon so oft mit Bomben gedroht, alles leere Worte. Wer garantiert uns, daß die NATO wirklich bombardiert, wenn wir unterschreiben?« Petritsch: »Wenn ihr unterschreibt, wird gebombt! Ich habe das öffentlich garantiert. Und der Westen kann unmöglich zurückstecken, das hat doch Frau Albright in aller Öffentlichkeit gesagt. Kein Land der Welt, niemand würde mehr Respekt vor der NATO haben, wenn sie jetzt nicht ernst machte.« Thaci: »Sicher, aber was ist, wenn die Serben im letzten Moment doch noch unterschreiben? Man kennt ja diese feige Bagage!« Petritsch: »Ich kenne die Serben besser als Sie. Überlegen Sie mal: Wenn die den Vertrag unterschreiben, hätte die NATO das Recht, morgen in ganz Jugoslawien einzumarschieren. Darüber wird nicht mehr verhandelt, die Latte liegt zu hoch. Bevor Milosevic das unterschreibt, gibt er sich selbst die Kugel, das muß Ihnen doch einleuchten. Sehen Sie sich den ›Annex B‹ an, den können die Serben nicht unterschreiben, sie verhandeln ja auch nicht einmal darüber!« Thaci: »Ja, Sie haben Recht, ich bin auch davon überzeugt, aber meine Leute in den Schützengräben akzeptieren keine Unterschrift, da kann ich mir gleich die Kugel geben.« Petritsch: »Sie haben keine Wahl. Das Problem müssen Sie lösen. Gelingt es Ihnen, dann steht Ihnen eine große Zukunft bevor. Ich habe Sie zu dem gemacht, was Sie heute sind, und ich werde es nicht vergessen, wenn Sie morgen früh erklären, daß Sie prinzipiell zustimmen. Wir bieten Ihnen als Äußerstes eine Vertagung der Konferenz an, damit Sie Ihre Leute überzeugen können.« Thaci: »Ich habe keine Wahl, und ich werde es so machen, Sie haben mein Wort.« "

"Reine Spekulation. Aber auch wenn es nicht so war, dann lief es doch darauf hinaus: Das Rennen war nach diesem nächtlichen Vier-Augen-Gespräch gelaufen. Was Madeleine Albright und Joschka Fischer nicht geschafft haben – Wolfgang Petritsch hat es vollbracht, den Westen gerettet. "

"Bei diesem Stand der Dinge wurde die Konferenz vertagt. Es folgten hektische diplomatische Aktivitäten, die man sich allerdings hätte sparen können. Am Abend des 18. März unterschrieben Thaci und Rugova das Vertragswerk, die Serben blieben bei ihrem Nein. Wolfgang Petritsch konnte sein Bomben-Versprechen einlösen, Frau Al­bright, und mit ihr die NATO und der gesamte Westen, das Gesicht wahren."