Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
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19.07.2019
Oft wird in der Debatte bezüglich der Zukunft Kosovas, ein Vergleich zur Situation der Palästinenser unter israelischer Besatzung gezogen. Dieser Vergleich ist in der Tat nahe - liegend. Genau wie der israelische Staat versucht Serbien in enger Kooperation mit der UNMIK und EULEX, rein ethnisch serbische Parallelstrukturen in Kosova durchzusetzen. Serbien verfügt dadurch über die wertvollsten Mineralien und hält die Wasserversorgung Kosovas in seiner Hand. Dagegen

gibt es selbstverständlich Widerstand. Der israelische Professor Sternhell opponiert seit Jahren öffentlich gegen die israelische Siedlungspolitik. Er tritt für eine Verständigung zwischen Juden und Palästinensern ein. Dies impliziert natürlich die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes der Palästinenser. Auch in Serbien wäre es an der Zeit, dass sich einfache Menschen und Intellektuelle gegen den bürgerlichen serbischen Nationalismus speziell in der Kosova Frage wenden.

Dokumentation

Professor Zeev Sternhell

(* 1935 in Polen) ist Léon-Blum-Professor der Poltikwissenschaften an der Hebräischen Universität Jerusalem. Sternhell emigrierte 1951 nach Israel und lebt heute in Tel Aviv.

Seine Arbeiten über Maurice Barrès und die französische extreme Rechte und den Nationalismus in Frankreich: Maurice Barrès et le nationalisme français (1972); "La droite révolutionnaire, les origines françaises du fascisme" (1978, 1984); "Ni droite, ni gauche. L'idéologie fasciste en France" (1983, 1987) machten ihn als Historiker bekannt.

Politisches Engagement, Attentat am 25. September 2008

Sternhell schreibt regelmässig politische Kolumnen in Haaretz, und hat sich als Mitglied von Peace Now und scharfer Kritiker der israelischen Siedlungspolitik zu einer Zielscheibe des Hasses der extremen politischen Rechten in Israel gemacht. Am 25. September 2008 wurde auf Professor Sternhell vor seinem Wohnhaus in Jerusalem ein Bombenanschlag verübt, den er leicht verletzt überlebte.

 

Kolonialer Zionismus

von Zeev Sternhell - www.tlaxcala.es

 

siedler.jpgSeit 30 Jahren sind die Siedlungen für mich ein destruktives Phänomen, das hinter Israels Zukunft ein großes Fragezeichen setzt. Tatsächlich ist  das Siedlungsunterfangen ein ideologisches, politisches und soziales Phänomen, dem es gelungen ist, ein Zwittergebilde zu schaffen: den kolonialen Zionismus.

 Es gab schon mehrere Variationen von Zionismus: den allgemeinen, den revisionistischen, den sozialistischen – mit oder ohne Anführungsstriche . Nun haben wir auch den kolonialen Zionismus, der sich auf ethnische und religiöse Ungleichheit gründet, ein Zionismus, der sich selbst als exklusiver Abgesandter der jüdischen Geschichte sieht. Das göttliche Versprechen und nicht die natürlichen Menschenrechte von Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstverwaltung sind in seinen Augen der einzige Ursprung für die Rechtmäßigkeit der Rückkehr der Juden ins Land Israel. Nach diesem Verständnis gehört das Land nicht nur

den lebenden Juden, sondern auch allen früheren und zukünftigen Generationen; deshalb haben Mitglieder

der gegenwärtigen Generation nicht das Recht, das Land mit Mitgliedern einer anderen Nation zu teilen.

Wenn wir von  „ den Siedlungen“ sprechen, meinen wir natürlich nicht die große Mehrheit von Israelis, die aus

Gründen von Annehmlichkeiten oder notgedrungen ( billigere Wohnung ) in der Westbank leben. Außerdem

sprechen wir  nicht  über den einzelnen Siedler: wir reden über das Siedlungsunternehmen in der Weise, wie man

über „Sozialismus“, „Konservatismus“ oder „Nationalismus“ redet, mit andern Worten über das, was für die Ideologie

und die Bewegung wesentlich ist und sie charakterisiert.

Selbst der ideologische Kern, der im Wesentlichen die „Siedlungsbewegung“ ausmacht, ist nicht von einem Schlag. Zwischen der Hilltop-Jugend und vielen ihrer Eltern besteht eine große Kluft, nicht nur im Benehmen, sondern auch im  Grad der Beziehungen zu universalen Werten.

Insgesamt  werden sie jedoch alle von denselben Prinzipien genährt und haben dieselben Ziele. Da diese

kleine Minderheit  davon überzeugt ist, die absolute Wahrheit zu besitzen, glaubt sie, sie dürfe diese der

ganzen Gesellschaft aufzwingen.

Deshalb zeigen ihre Führer und Sprecher gegenüber den schwachen Politikern und den Grundsätzen der

Demokratie selbst nur Verachtung. Sie wissen, wie man die demokratischen Institutionen ausnützen kann,

ignorieren aber die Menschenrechte und erkennen nur die Rechte der Juden an. Seit der Entscheidung des

Obersten Gerichthofes zu Elon Moreh 1979, bei der das Gericht festlegte,  es sei illegal, Privatland an sich zu

reißen, greifen sie diese Institution der  israelischen Demokratie an, den Wächter der individuellen Rechte.

Trotz der Macht, die der ideologische Siedler dank der Feigheit der Regierung erlangt hat, umgibt er sich mit dem

Mantel eines Märtyrers, der von der linken Elite und den Medien angeblich kontrolliert wird. Obwohl er die

besetzten Gebiete kontrolliert, möchte er als ständiges Opfer der linken Verschwörung dargestellt werden. Obwohl

der ideologische Siedler seit fast vier Jahrzehnten eine Realität geschaffen hat, über die der israelische Wähler

nie aufgerufen worden war zu entscheiden und  auf  subversive Weise die Militärbesatzung in eine „zivile“

Kontrolle verwandelt hat, die allen westlichen Normen widerspricht, hört er nicht zu schreien auf, er sei beraubt

worden.


"Siedler" in Hebron

In Hebron ist eine Situation geschaffen worden, die eine nationale Schande ist, eine echte Sünde und ein

Verbrechen: „hier ist Apartheid“, wie der Jurist Boaz Okun letzte Woche in Yedioth Achronot schrieb. Aber nicht nur

in Hebron: die Situation in den (besetzten) Gebieten allgemein und die illegalen Außenposten im Besonderen,

zusammen mit dem Raub privaten Landes, ist ein Beweis für den Bankrott des Staates, wenn er  der Kühnheit

und Entschlossenheit gegenübersteht, nicht vor ethischen oder rechtlichen Hindernissen aufzugeben. Auf diese

Weise verletzt die Siedlungsbewegung täglich das Gesetz und schafft eine Gewaltkultur: Ofra und Beit El mögen

ruhige und angenehme Orte sein, die von Idealisten bewohnt sind, aber zusammen mit ihren Außenposten Amona,

Beit Hagedud und Ofra Nordost, Beit El Ost und Hügel 909 haben sie ein Gebiet  an sich gerissen, das nach

Aufnahmen aus der Luft und Informationen des Peace Now- Prüfungskomitees über 90% davon

privates palästinensisches Land sind. (Zahlen vom Oktober 2006).

Schließlich will ich einen Punkt ein für alle Mal klar machen – ohne Verbindung zu dem Attentatversuch auf mich,

dessen Täter zu irgend einer Fraktion der extremen Rechten und nicht unbedingt zur Siedlungsbewegung gehören.

In drei Artikeln schrieb ich im Mai und Juni 2001 und erklärte meine Position hinsichtlich der Siedler ( Einer der

Artikel schloss einen Paragraphen ein, der nicht sauber formuliert war) : Das Leben von Juden auf beiden Seiten

der Grünen Linie ist gleich kostbar.

Und an anderer Stelle: „Die Siedlungsbewegung ist eine historische Katastrophe. Aber jetzt leben Menschen dort,

deren Leben geschützt werden muss.“ Tatsächlich müssen wir unterscheiden zwischen den Individuen, für die

wir verantwortlich sind, so lange sie dort sind – die Betonung liegt auf der Vorläufigkeit – und 

dem Siedlungsunternehmen als einem historischen Phänomen.

Ich hatte schon in der Vergangenheit in dieser Zeitung geschrieben, und ich wiederhole es noch einmal: wenn

die israelische Gesellschaft nicht in der Lage ist, den nötigen Mut aufzubringen, mit den Siedlungen ein Ende zu

machen, dann werden die Siedlungen dem Staat der Juden ein Ende machen und ihn in einen binationalen

Staat verwandeln.


"Siedler" 

 

Quelle: Colonial Zionism

Originalartikel veröffentlicht am 17.10.2008

Über den Autor

Ellen Rohlfs ist eine Mitarbeiterin von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin als auch die Quelle genannt werden.