Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
19:01
22.05.2019

 Wir stellen heute einen Text aus dem kurdischen Magazin http://www.kurdmania.org/ zur Frage des nationalen Selbstbestimmungsrechtes ein. Dokumentiert wird die Haltung Lenins zur nationalen Frage. Dieser Text ist besonders auch für die Menschen in Kosova interessant. Zusätzlich dokumentieren wir einen Artikel aus dem kurdischen Magazin zur Frage wie Lenin den

großrussischen Chauvinismus bekämpfte. Die Dokumente machen deutlich: Wie sehr das Einklagen des Selbstbestimmungsrechtes eine linke Forderung ist. Dazu dokumentieren wir einen sehr guten Artikel von Dr. Nick Brauns- Mitarbeiter der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke ( Die Linke)

 

Lenin zur Frage der Nationalitäten oder der »Autonomisierung«

Man muß unterscheiden zwischen dem Nationalismus einer unterdrückenden Nation und dem Nationalismus einer unterdrückten Nation, zwischen dem Nationalismus einer großen Nation und dem Nationalismus einer kleinen Nation. (...)
Deshalb muß der Internationalismus seitens der unterdrückenden oder sogenannten »großen« Nation (obzwar groß nur durch ihre Gewalttaten, groß nur in dem Sinne, wie ein Dershimorda groß ist) darin bestehen, nicht nur die formale Gleichheit der Nationen zu beachten, sondern auch solch eine Ungleichheit anzuerkennen, die seitens der unterdrückenden Nation, der großen Nation, jene Ungleichheit aufwiegt, die sich faktisch im Leben ergibt. Wer das nicht begriffen hat, der hat die wirklich proletarische Einstellung zur nationalen Frage nicht begriffen, der ist im Grunde auf dem Standpunkt des Kleinbürgertums stehengeblieben und muß deshalb unweigerlich ständig zum bürgerlichen Standpunkt abgleiten.
Was ist für den Proletarier wichtig? Für den Proletarier ist nicht nur wichtig, sondern geradezu lebensnotwendig, sich seitens des Nichtrussen ein Maximum von Vertrauen im proletarischen Klassenkampf zu sichern. Was ist dazu nötig? Dazu ist nicht nur die formale Gleichheit nötig. Dazu ist nötig, durch sein Verhalten oder durch seine Zugeständnisse gegenüber dem Nichtrussen so oder anders das Mißtrauen, den Argwohn zu beseitigen, jene Kränkungen aufzuwiegen, die ihm in der geschichtlichen Vergangenheit von der Regierung der »Großmacht«nation zugefügt worden sind. [...]
Ein Georgier, der sich geringschätzig zu dieser Seite der Sache verhält, der leichtfertig mit Beschuldigungen des »Sozialnationalismus« um sich wirft (während er selbst ein wahrer und echter »Sozialnationalist«, ja mehr noch, ein brutaler großrussischer Dershimorda ist), ein solcher Georgier verletzt im Grunde genommen die Interessen der proletarischen Klassensolidarität, weil nichts die Entwicklung und Festigung der proletarischen Klassensolidarität so sehr hemmt wie die nationale Ungerechtigkeit und weil die »gekränkten« nationalen Minderheiten für nichts ein so feines Gefühl haben wie für die Gleichheit und für die Verletzung dieser Gleichheit, sei es auch nur aus Fahrlässigkeit, sei es auch nur im Scherz, für die Verletzung dieser Gleichheit durch ihre Genossen Proletarier.

aus: Lenin, Werke, Bd. 36, S. 593 f. (Aufzeichnungen vom 31.12.1922)



Dazu ein wirklich interessanter Artikel von Nick Brauns

Union mit Defiziten

Lenins Warnung vor großrussischem Chauvinismus bei Gründung der UdSSR vor 85 Jahren

Am 30. Dezember 1922 faßte der 1. Allunionskongreß der Sowjets den historischen Beschluß über die Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken UdSSR. »In der Geschichte der Sowjetmacht bedeutet der heutige Tag einen Umbruch«, erklärte der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Rußlands Josef Stalin. Die Sowjetmacht könne sich jetzt »zu einer ernst zu nehmenden internationalen Macht entwickeln, welche die internationale Lage zu beeinflussen und sie im Sinne der Werktätigen zu gestalten vermag.«

Der Zarismus hatte als sprichwörtliches »Völkergefängnis« am Konzept des »einheitlichen, unteilbaren Rußlands« festgehalten, und auch die nach der Februarrevolution 1917 an die Macht gelangte Provisorische Regierung war nicht willens, die Unterdrückung der nichtrussischen Völker zu beseitigen. Erst das nach der Oktoberrevolution von Lenin und Stalin unterzeichnete Dekret »über die Rechte der Völker Rußlands« billigte diesen »freie Selbstbestimmung bis zur Loslösung und Bildung eines unabhängigen Staates« zu.

Nach dem Ende des Bürgerkrieges propagierte der X. Parteitag der Bolschewiki 1921 die Schaffung eines »festgefügten Staatsverbandes« der bislang nur vertraglich in der Wirtschafts- und Militärpolitik verbundenen Sowjetrepubliken Rußland, Ukraine, Belorußland und des Kaukasus »als einzigen Weg der Rettung vor imperialistischer Knechtung und nationaler Unterdrückung«. Die kulturelle und ökonomische Rückständigkeit unterentwickelter Gebiete sollten so mit Rußlands Hilfe überwunden werden.

Ein von Stalin im September 1922 vorgelegter Resolutionsentwurf sah den Beitritt der anderen Sowjetrepubliken als autonome Republiken in die Russische Föderative Sozialistische Sowjetrepublik (RSFSR) vor. Lenin übte heftige Kritik an diesem Autonomisierungsplan und schlug statt dessen den freiwilligen Zusammenschluß der Sowjetrepubliken zu einer Union vor.

Am 27. Dezember 1922 nahm der X. Allrussische Sowjetkongreß einen Antrag Stalins zur Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken an. Nach Hinzuziehung der Delegierten der anderen Sowjetrepubliken wurde der Kongreß zum Allunions-Sowjetkongreß mit 2 214 Delegierten erweitert, der die Gründung der UdSSR beschloß. Erster Vorsitzender wurde der Revolutionär Michail Kalinin. Laut ihrer am 6. Juli 1923 in Kraft getretenen Verfassung war die Union für Außenpolitik, Außenhandel, Wirtschaftsplanung, Verteidigung, Rechts- und Justizfragen, Bildungs- und Gesundheitspolitik verantwortlich. Der vom Zentralen Exekutivkomitee der Sowjets einberufene Allunions-Sowjetkongreß repräsentierte die oberste Staatsgewalt. Innerhalb der Sowjetrepubliken wurden Siedlungsgebiete einzelner Volksgruppen entsprechend ihrer Entwicklungsstufe zu autonomen Republiken oder Gebieten zusammengefaßt.

Während der I. Allunionskongreß ohne ihn zusammentrat, übte Lenin, der aufgrund seiner Erkrankung an den entscheidenden Tagungen des ZK zur Vorbereitung der Unionsgründung im Oktober und Dezember nicht teilnehmen konnte, schriftliche Selbstkritik. »Es scheint, ich habe mich vor den Arbeitern Rußlands sehr schuldig gemacht, weil ich mich nicht mit genügender Energie und Schärfe in die ominöse Frage der Autonomisierung eingemischt habe, die offiziell, glaube ich, als Frage der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken bezeichnet wird« (LW 36, S. 590).

Praktisch dominierte die RSFSR nicht nur wegen ihrer 70 Prozent der Bevölkerung und 90 Prozent des Territoriums die Union. Der »russische Apparat« sei »vom Zarismus übernommen und nur ganz leicht mit Sowjetöl gesalbt«, kritisierte Lenin. »Unter diesen Umständen ist es ganz natürlich, daß sich die ›Freiheit des Austritts aus der Union‹, mit der wir uns rechtfertigen, als ein wertloser Fetzen Papier herausstellen wird, der völlig ungeeignet ist, die nichtrussischen Einwohner Rußlands vor der Invasion jenes echten Russen zu schützen, des großrussischen Chauvinisten, ja im Grunde Schurken und Gewalttäters, wie es der typische russische Bürokrat ist« (LW 36, S. 591). Zwar müsse die Union gefestigt werden, doch könne es notwendig sein, einen Schritt zurückzugehen und sie vorerst nur auf militärische und diplomatische Angelegenheiten zu beschränken, ansonsten aber die Selbständigkeit der nationalen Regierungen wieder herzustellen.

Auslöser von Lenins Sorgen war das Verhalten Stalins, der – obwohl selbst georgischer Herkunft – in kaltschnäuziger und bürokratischer Weise gegen den Wunsch der georgischen Kommunisten aufgetreten war, als eigenständige Georgische Sowjetrepublik statt im Rahmen der zusammen mit Armenien und Aserbaidschan gebildeten Transkaukasischen Föderation der UdSSR beizutreten. Sein Vertrauter G. K. Ordshonikidse hatte sich als Vertreter des Zentralkomitees sogar zu Handgreiflichkeiten gegenüber einem georgischen Kommunisten hinreißen lassen. Dieses Vorgehen wurde von Felix Dzierzynski als Leiter einer Untersuchungskommission gedeckt. Lenin bezeichnete Stalin nach der Figur des prügelnden Dorfpolizisten in Nikolaj Gogols Komödie »Der Revisor« als »brutalen großrussischen Dershimorda« (LW 36, S. 594) und forderte die Bestrafung Ordshonikidses. Am 4. Januar 1923 schlug Lenin in einer Nachschrift seines als »Testament« geltenden »Briefes an den Parteitag« die Absetzung Stalins vom Posten des Generalsekretärs vor, da dieser »zu grob« sei (LW 36, S. 580).

Diese letzten Aufzeichnungen Lenins wurden auf Beschluß des Zentralkomitees nicht veröffentlicht. Auch Leo Trotzki, den Lenin vertraulich gebeten hatte, die Verteidigung der georgischen Angelegenheit zu übernehmen, schwieg, nachdem sich Stalin bereit erklärte, auf dem XII. Parteitag der Bolschewiki im April 1923 verbal den großrussischen Chauvinismus zu verurteilen.

In der Praxis wich die sowjetische Politik gegenüber den kleinen Völkern unter Stalin und seinen Nachfolgern immer stärker vom Prinzip der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung ab. Die Mißachtung der am Tage der UdSSR-Gründung ausgesprochenen Warnung Lenins, nicht »in imperialistische Beziehungen zu den unterdrückten Völkerschaften hineinzuschlittern und dadurch unsere ganze prinzipielle Aufrichtigkeit, unsere ganze prinzipielle Verteidigung des Kampfes gegen den Imperialismus völlig zu untergraben« (LW 36, S. 596), war eine der Ursachen für den Niedergang und schließlich Zusammenbruch der Großmacht UdSSR zu Beginn der 90er Jahre und dem heute dominanten Nationalismus und Antikommunismus in vielen ehemaligen Sowjetrepubliken.

Entnommen aus http://www.kurdmania.org/Forum-top-Lenin-zur-Frage-der-Nationalitaeten-oder-der-Autonomisierung--2202.html