Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
16:29
22.04.2019
Osman Osmani ein Veteran der albanisch kosovarischen Linken, kritisiert die Berichterstattung der Zeitschrift „ Der Funke“ zu Kosova. Die Zeitung „Der Funke“ wird von einer kleinen sich marxistisch nennender Gruppe in Wiesbaden herausgegeben. Herr Osmani kämpfte seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der kosovarischen Linken. Seine Kritik am „ Funken“ ist sehr interessant. Viel kann man von Herrn Osmani zur Geschichte der Befreiungsbewegung in Kosova lernen.

 In der Tat, speziell die bundesdeutsche Linke hat einigen Nachholbedarf inSachen Kosova. Die Redaktion von Kosova- Aktuell teilt nicht alle Positionen von Herrn Osmani. Dennoch ist die Kritik am „ Funken“ durch Osmani ein wichtiges Bauelement, um die Geschichte Kosovas und die Entwicklung der kosovarischen Linken zu verstehen.

Dokumentation

Lieber Herr Mürdter

Auch die beide andere Artikel sind eindeutig einseitig und parteiisch zu Gunsten der kolonialistischen und hegemonistische Politik Serbiens. Seit 1975 fing ich an mich politisch zu betätigen. Ich war einer der Mitgründer der neuen Kosova albanischen
Befreiungs- und/oder Gleichberechtigungsbewegung (AKMLPJ). In den Demonstrationen im März und April 1981 forderten die Kosova-AlbanerInnen eine gleichberechtigte Albanische Republik innerhalb der SFRJ, worauf mit Repression reagiert wurde.
Die AKMLPJ = „Albanisch Kommunistisch Marxistisch Leninistischen Partei in Jugoslawien“, setzte sich für die
Gleichberechtigung der AlbanerInnen innerhalb der SFRJ (Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien) ein. Sie förderte die Gleichstellung der AlbanerInnen mit anderen Völkern der Föderation auf politischer, territorialer, ökonomischer und sozialer Ebene und dies durch die Schaffung einer Gleichberechtigte durch eine albanische Republik (nach Serben
und Kroaten drittgrößte Volksgruppe innerhalb der föderative Gebilde), mit bereits bestehenden sechs Teilrepubliken; serbische, kroatische , slowenische, montenegrinische, mazedonische und bosnische innerhalb der Föderation. Die politische Unabhängigkeit war in der System der sogenannten sozialistischen Staaten eine von den Hauptvoraussetzungen
für die wirkliche und faktische Gleichberechtigung. Das albanische Volk in dieser Föderation hatte keine eigene politische Strukturen, die auch Mechanismen der Verwirklichung von anderen staatlichen Eigenschaften waren. Die illegalen albanischen Organisationen (die drei größten illegalen politischen Organisationen LNCKVSHJ , OMLK und PKMLSHJ ) wurden in der Bewegung für eine Sozialistische Albanische Republik in Jugoslawien vereinigt. Zwischen den
Vorschlägen für die neue Benennung des Bündnisses wurde mein Kompromissvorschlag die Bewegung für die Albanische Republik in Jugoslawien angenommen.... Der Bewegung immer von innere Streitereien begleitet, äußerlich immer vom jugoslawische Geheimdienst und dessen Alliierten bedroht...Anfang der˜90er Jahren gelang es der Bewegung zu einer massiven
Volksbewegung zu wachsen. Die Bewegung war weiterhin von drei politische Strömungen geprägt: dem Pazifismus, dem Extremismus und einer dialektisch - materialistischen Dimension. Trotzdem blieb die Bewegung weiterhin aktiv und mit dem bewaffneten Widerstand der Befreiungsarmee Kosovas erreichte sie die Spitze der Entwicklung und ihrer teilweiser
Verwirklichung ... Das ist die neue Geschichte. Serbien wollte Kosava als rein serbisch, oder als Kolonie, aber auf keinen Fall als gleichberechtigten Partner haben. Dies tut sie auch Heute. Weil Serbien dies nicht gelang, versuchte Serbien diese Gebiet von AlbanerInnen mit alle legale und illegale Mittel und Handlungen zu säubern... und dann müssten die andere Eingreifen. Es ist klar, dass Kosova von den wichtigsten EU Staaten und USA abhängig ist, aber lieber diese
Abhängigkeit und "Koloniestatus" als die Apartheidstatus und Unterlegung vieler Vernichtungsversuche eigenen Nachbarvölker, sprich Serbien (im Jahr 1987, 1912/13, 1945/46, 1998/99). Haben Sie mal von Dimitrie Tucovis, dem serbische Sozialdemokrat gehört, der über die Balkankrieg berichtet hat, oder die Berichterstatung Trotzkis, Leo Freundlichs
über den Ereignissen im Jahr 1912/13.

Kosova eine sozialistische Kolonie

Am Kriegsende 1945 findet die Entmachtung (Kosovas) der albanischer Gebiete und des albanische Volkes von jeder Identität und jeder völkerrechtlicher Subjektivität statt. Kurz nach dem Kriegsende, noch im Jahr 1945, wird das Kriegsrecht seitens Jugoslawien ausgerufen und dabei werden die albanischen Gebiete (Kosova) noch einmal innerhalb der Teilrepubliken Serbien, Montenegro und Mazedonien, aufgeteilt. Seitens der Siegermächte wurde diese neue Eroberung ohne Vorbehalte angenommen.
So wie in Ländern Westeuropas gab es im November 1968 auch in einigen Ländern Osteuropas Jugend- und Studentendemonstrationen. In vielen Städten Kosovas auch. Nur hatten diese Demonstrationen weitgehend andere Dimensionen, wie z.B. auch den nationalen Gleichberechtigungsdimension. Als Folgeresultat der Demonstrationen wird
1970 in Prishtina/Kosova eine Universität auch mit Albanisch als Unterrichtssprache eröffnet. Einige Jahre danach, genauer im Jahr 1974 wurde die neue Verfassung Jugoslawiens verabschiedet. Die Stellungen, der nach 1966 entstandenen Autonomen Provinzen Kosova und Vojvodina, innerhalb der jugoslawischen Föderation, wurden neu definiert und
wenigstens auf dem Papier stark aufgewertet. Kosova bekommt eine neue Regierung und ein eigenes Parlament, verfügt über eine Verfassung, ein Verfassungsgericht, ein oberstes Gericht und Abgeordnete in allen Föderativen Institutionen und formell - juristisch als gleichberechtigtes Gebilde. Kosova hatte gleichzeitig zwei Eigenschaften. Es war der
konstruktive Teil der jugoslawische Föderation aber gesetzlich blieb Kosova weiterhin Teil der serbischen Teilrepublik
. Im Vergleich mit die Grausamkeiten der nachbarlichen Vernichtungspolitik, waren für AlbanerInnen, der weltweit
bekannte Faschismus vor und während des zweiten Weltkrieg, sowie andere Besatzungen, die nur wirtschaftlich-
kolonialistisch, ideologisch, geostrategisch und politisch motiviert waren, ein Art Rettung, weil sie nicht eine biologische Bedrohung darstellten.

Die politische Unabhängigkeit war in der System der sogenannten sozialistischen Staaten eine von den Hauptvoraussetzungen für die wirkliche und faktische Gleichberechtigung. Das albanische Volk in dieser Föderation hatte keine eigene politische Strukturen, die auch Mechanismen der Verwirklichung von andere staatlichen Eigenschaften waren.
Einzig die AlbanerInnen innerhalb der administrativen Grenzen Kosovas hatten eine kommunistische Partei (Bund) die
aber als eine von zwei (mit Vojwodina) Zweigen der kommunistische Partei (Bund) Serbiens verbunden waren, so dass in den Abstimmungen innerhalb der Föderation, Serbien immer 3 Stimmen bekam. Die Teilrepubliken Mazedonien (ein antiker
geographischer und kultureller Begriff, der nichts mit den in Mittelalter auf den Balkan ausgewanderte Slawen zu tun hat) und Montenegro (mit 400.000 Einwohner als slawische Teilrepublik anerkannt), hielten weiterhin Teile der albanischen
Gebiete und des Volkes unter ihrer Herrschaft und waren in dieser Konstellation die Verbündete Serbiens. Die Hegemonie Serbiens wurde damit gegenüber alle andere Teilrepubliken, d.h. anderen Völkern in der ganzen Föderation gesichert.
Kroatien und Slowenien waren kulturell, wirtschaftlich und auch religiös dem Westen näher und traditionell separatistisch eingerichtet. Sie versuchten Serbien gegenüber anderen aufzuhetzen, damit sie selbst der serbische Hegemonie entkommen können. Einzig Bosnien und Herzegowina, d.h. die Bosniaken, die ab 1945 aufgrund der Glaubens als
Moslime in eine neue Nationalität umgewandelt wurden, waren in den Machtkampf zwischen den hegemonistischen und separatistischen Strömungen innerhalb der Föderation, neutraler und in Vergleich mit alle andere Völker ex-Jugoslawiens
toleranter. Die meisten gemischte Ehen innerhalb der Föderation fanden in B&H statt. Sie identifizierten sich als erste und in große Zahlen mit die neue Nation-Jugoslawien . Die Geschichtsverdrehungen, selbst wenn man die serbischen
Argumente akzeptiert, sind kaum zu diskutieren.
Serbien/Jugoslawien und dann SFRJ/BRJ haben das Land 80 Jahre lang fast durchweg bestenfalls so behandelt wie eine
Kolonie, oft noch viel schlimmer. Insbesondere wurde die reichen Bodenschätze ausgebeutet, ohne dass das Land davon viel hat. Die autochthone Bevölkerung wird in übelster Weise diskriminiert und so oft misshandelt. Das Apartheidregime
war weniger zugunsten der kleinen serbischen Minderheit und mehr zum Nutzen der diktierten serbischen
Kolonialverwalter. Auch das ist ein Argument mehr, dass das Land Kosova inmitten Europas dekolonialisiert und seine
Befreiung unterstützt werden musste. Seine Unabhängigkeit ist daher anzuerkennen.
Man kann heutige Rechte nicht mit Ereignissen vor 300 oder 600 Jahren begründen. Wenn alle so historisch begründen wollen, dann könnte Deutschland Rom, Luxemburg oder Prag als alte Residenzstädte des heiligen römischen Reichs
deutscher Nation verlangen, usw....
Dass die Serben und Slawomazedonier verschiedene Begriffe umdrehen oder missbrauchen, um sie für ihre
innenpolitischen Interessen zu verwenden, resp. um die eigene Bevölkerung für die weitere Eroberung, d.h. für militante Ziele zu indoktrinieren, ist nicht neu. Aber, dass die westlichen Medien und bestimmte Kreise und Segmente der Entscheidungszentren in Europa und weltweit diese Begriffe wortwörtlich übernehmen und damit Politik betreiben, ist
neu.

Es fehlte bis jetzt an Verständnis, vor allem seitens einigen linken politischen Gruppierungen, wieso die Kosovaren bereit sind, rund 40 fremde Armeen aber keine serbische oder Nachbarn - Armee zu dulden. Die Geschichte hat die
AlbanerInnen gelehrt, dass Kolonialismus im Vergleich mit Nachbarnbesatzung kein Aspekt der zwangsweisen Assimilation darstellt und vor allem hat Kolonialismus nicht die Vertreibung, die Säuberung und schlussendlich die Vernichtung eines
Volkes als Ziel, während die Besatzungsambitionen der Nachbarn genau dies anstrebt.

Die NATO- Intervention in Fall Kosovas scheint eine Ausnahme und auch ein Widerspruch in sich zu sein. Vielleicht war es das erste Mal in der Geschichte der menschlichen Gesellschaften wo die Linke und die Rechte ihre ideologischen
Positionen wechselten. Es war üblich und wir waren fest überzeugt, dass der Befreiungskampf (nationale Bewegungen, antikolonialistische Bewegungen) und der Klassenkampf (Gleichheit, Gerechtigkeit, menschliche Gesellschaft ohne
ethnische und soziale Unterdrückung, gerichtet gegen die Ausbeutung der Schwachen) die Slogans und die Fahne der Linken
politischen Bewegung waren. Die Supermächte mit ihren staatlichen Mechanismen standen meistens auf der Seite der
Unterdrücker und unterstützten sie mit Rat und Tat. Es ist verwirrend und fast so, wie wenn die Machtverhältnisse
anders wären. Klar ist, dass es im Kosova-Krieg auch um Machtverhältnisse und geopolitische, resp. geostrategische
Interessen der Mächtigen ging, aber das hätte meiner Meinung nach, nicht soweit gehen dürfen, dass einige linke politische Fraktionen in Westen für Kolonialismus und Apartheid klatschen.

Ich will Sie nicht in Geschichtskunde unterrichten, habe aber diese Tatsachen erwähnen müssen, damit Sie auch eine
andere Sichtweise bei Ihren marxistischen Positionierungen in Betracht ziehen können .

Und am Schluss, falls Sie wirklich ein für mich marxistische Behandlung auch betreffend der kosova-albanische und
serbischen Konflikt wahrnehmen wollen, sollen Sie die Beitrage in www.kosova-aktuell.de miteinbeziehen.

Freundliche Grüße
Osman Osmani

Dokumentation Antwort der Redaktion „Der Funke“


Betreff: Kritik am Funke-Artikel

Lieber Herr Osmani,

worauf beziehen Sie konkret ihre Kritik? Anbei zwei Grundlagenartikel
zum Konflikt Serbien/Kosovo auf unserer Homepage.

http://www.derfunke.de/content/view/575/95/
http://www.derfunke.de/content/view/137/75/

Mit freundlichen Grüßen
Christoph Mürdter

--
Der Funke e.V.
Postfach 2112
65011 Wiesbaden
Tel./Fax: 0611-406807
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