Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
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28.04.2017

„Das Schießen begann gegen vier Uhr nachmittags, aber wir waren umstellt und konnten nicht entkommen. Um acht Uhr drangen sie schließlich in den Ort ein und fingen sofort an, Häuser in Brand zu setzen, nach Männern zu suchen und diese umzubringen. Als sie zu unserem Haus kamen, befahlen sie uns, mit erhobenen Händen herauszukommen. Bei uns waren vier Männer, die sie vor unseren Augen

erschossen. Wir schrieen, und die Kinder weinten, als sie uns zwangen fortzugehen. Ich sah, wie in der Nähe sechs Männer getötet wurden. Die Leichen wurden in zwei Häuser gebracht, die schon brannten. Alle muslimischen Häuser wurden niedergebrannt, aber die serbischen rührte niemand an.“ Das ist der Augenzeugengericht einer Frau aus der Ortschaft Skelani an der Drina, nicht weit von Srebrenica. (Zitiert in: Matthias Fink, Srebrenica, 2015) Aber was hier und in zahllosen weiteren Zeugnissen dokumentiert wird, geschieht nicht im Juli 1995 - im engeren Kontext des Völkermords von Srebrenica, der sich dem Gedächtnis der Welt als das schlimmste Verbrechen in Europa seit der NS-Zeit eingeprägt hat. Und für das der ehemalige Anführer der bosnischen Serben Radovan Karadzic jetzt auch wegen Völkermordes verurteilt worden ist. Es geschieht vielmehr bereits im Mai 1992 und war seit Anfang April überall im Tal der Drina geschehen. Immer nach dem gleichen Muster. Es sind immer die gleichen Täter: bosnisch-serbische Extremisten, unterstützt von bewaffneten Milizen, die aus Serbien über den Grenzfluss kommen. Und wie vorher schon in Kroatien agieren sie mit Unterstützung der Jugoslawischen Volksarmee. Es war bereits die von ganz oben geplante und systematisch umgesetzte Gewaltpolitik der ethnischen „Säuberung“, wie sie dann in den Massenerschießungen vom Sommer 1995 gipfeln wird. Das kalkulierte Morden war von Beginn an Bestandteil einer Politik der Vertreibung der muslimischen und kroatischen Zivilbevölkerung aus den von den bosnischen Serben für ihren Sonderstaat beanspruchten Regionen.

 

Das ist die Zeitgeschichte. Das bestreitet auch das Gericht nicht. Nur erklärt es sich außerstande, Karadzic auch für die in Ostbosnien v o r „Srebrenica“ verübten Verbrechen wegen Völkermordes zu verurteilen. Wie es in einer Zusammenfassung für die Medien darlegt (Judgement Summary, 24. März 2016), glaubt das Gericht, Karadzic hier die persönliche „Intention“ zum Völkermord nicht nachweisen zu können. Es ist diese Entscheidung, die das von den UN als historisch gewürdigte Urteil fragwürdig macht. Keineswegs nur für die Angehörigen der Opfer und ihre Repräsentanten, die in dem Urteil ihre Erfahrungen erneut missachtet sehen. In der Tat sind sie mit ihren unfassbaren Verlusten immer noch nicht dort, was man den „Kanon“ der Erinnerung genannt hat. Neben den Juden, Jahrzehnte später dann auch den Roma des Holocaust. Und neben den inzwischen ebenfalls international anerkannten Opfern der Massaker bei Srebrenica. Man fragt sich, warum die Richter des Haager Kriegsverbrechertribunals die Kategorie des Völkermords wiederum für die Hinrichtung tausender Jungen und Männer kurz vor Kriegsende reservieren. Statt sie endlich auf den Gesamtzusammenhang einer auf Massenmord zurückgreifenden Vertreibungspolitik auszuweiten.