Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
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22.01.2017

Dr.Sadri Ramabaja:" Die albanische Frage ist nicht gelöst"

Nach internationaler Lesart gilt die „Albanische Frage“, also der Konflikt um die außerhalb der Republik Albanien liegenden albanischen Siedlungsgebiete in Ex-Jugoslawien, spätestens seit der Unabhängigkeitserklärung Kosovos im Februar 2008 offiziell als gelöst. Dementsprechend wird von internationalen Akteuren als auch von wissenschaftlichen Kreisen im Ausland der Fortbestand der „Albanischen Frage“ inzwischen mehrheitlich bestritten.

Dabei wird jedoch übersehen, dass zahlreiche aus dem Kontext der „Albanischen Frage“ resultierende politische Einzelprobleme auf dem Balkan nach wie vor nicht abschließend bzw. nur unzureichend gelöst wurden.

Dies betrifft beispielsweise sowohl die fragile Situation in Mazedonien mit der trotz des „Abkommens von Ohrid“ unklaren politischen Zukunft des multiethnischen Landes als auch das albanisch dominierte „Presheva-Tal“, dessen politischer Verbleib bei Serbien bei den dort lebenden Albanern überwiegend abgelehnt wird. Aber auch der politische und völkerrechtliche Status quo der Republik Kosovo ist alles andere als zufriedenstellend. So ist der Weg Kosovos zu einem allgemein völkerrechtlich anerkannten Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft (und somit auch der Vereinten Nationen) durch die Position Belgrads, wonach es sich bei Kosovo nach wie vor um einen integralen Bestandteil Serbiens handele sowie durch den Sachverhalt, dass, neben den Großmächten Russland und China, auch fünf Mitglieder der Europäischen Union die Unabhängigkeit Kosovos bis dato nicht anerkennen, faktisch auf unbestimmte Zeit versperrt.

Ein Ausweg aus dem skizierten politischen Dilemma ist trotz der direkten Gespräche zwischen Prishtina und Belgrad, die seit Herbst 2012 unter Beteiligung und Vermittlung der EU in Brüssel geführt werden, nicht in Sicht. Nur hinter vorgehaltener Hand wird von einzelnen internationalen Vertretern eingeräumt, dass es langfristig einer Neuordnung oder zumindest Korrektur der politischen Landkarte des westlichen Balkans bedarf, um stabile und belastbare politische Verhältnisse zu schaffen. Diese müssten sich an den Siedlungsgebieten der einzelnen Ethnien orientieren. Hinzu kommt, dass auch die „Serbische Frage“ nicht wirklich gelöst wurde. Dies betrifft etwa die unklare Zukunft der „Republika Srpska“ in Bosnien-Herzegowina mit dem für nächstes Jahr in Aussicht gestellten Unabhängigkeitsreferendum.

Einen interessanten Beitrag aus wissenschaftlicher Perspektive zu den erwähnten Überlegungen und Diskussionen über eine staatliche Neuordnung liefert die Promotionsschrift von Sadri Ramabaja mit dem Titel 

Federata Shqiptare – Kohezioni i shtetit-komb në BE“ („Albanische Föderation – Zusammenhalt des  Nationalstaats in der EU“), mit der sich der Autor Mitte 2016 an der „Europäischen Universität von Tirana“ („Universiteti Europian i Tiranë“) promovierte und die nun in Buchform vorliegt. Methodisch besteht der Reiz der Arbeit darin, dass Überlegungen über die Zukunft des Konzeptes des Nationalstaates, vor dem Hintergrund der Geschichte des politischen Einigungs- und Integrationsprozesses in Europa, mit der Idee der Bildung einer „Albanischen Föderation“, bestehend aus der Republik Albanien und der Republik Kosova, verknüpft werden.

In seiner Doktorarbeit plädiert Sadri Ramabaja für den staatlichen Zusammenschluss Albaniens und des Kosovo, welche so zu einem späteren Zeitpunkt in Gestalt einer Föderation oder Bundesstaates auch der Europäischen Union als gemeinsames Mitglied beitreten könnten. Seine Überlegungen und Argumentation stützt der Autor dabei auf eine Vielzahl von politischen, kulturellen, historischen, und geographischen bzw. geopolitischen Fakten und Analysen, wobei Sadri Ramabaja ein facettenreiches Mosaik der inhaltlich komplexen Thematik des Spannungsverhältnisses zwischen Nationalstaat, den europäischen politischen Integrationsbestrebungen sowie der Idee einer albanischen Föderation zeichnet.

Die Promotionsschrift beginnt mit einem historisch angelegten Überblick über die Geschichte des   „Staates“ als Instituion, wobei der Autor die Entwicklung des Staates vom Mittelalter bis zur Neuzeit und damit als ein System öffentlicher Institutionen zur Regelung der Angelegenheiten eines Gemeinwesens beschreibt. Weitere Kapitel sind der Definition sowie der geschichtlichen Entwicklung des Begriffs der „Nation“ sowie der Entstehung und Entwicklung des Nationalstaates gewidmet, wobei der Autor herausarbeitet, wie sich der vorbürgerliche Nationsbegriff des Mittelalters, der eine Gruppe von Menschen gleicher Sprache, Kultur, Tradition, Gebräuche und Abstammung meint, von der staatsbezogenen Nationsentwicklung der Moderne, in welcher die Begriffe Staat und Nation zunehmend verschmelzen, unterscheidet. Ergänzt werden diese Ausführungen schließlich durch ein Kapitel zum Verhältnis zwischen Nationalstaat und der Europäischen Union als supranationales Gebilde.

Der zweite Teil der Doktorarbeit beschäftigt sich mit der Geschichte der albanischen Nation und ihrer Staatlichkeit. Ausgangspunkt der auch hier historisch angelegten Darstellung und Analyse sind die historisch gewachsenen albanischen Siedlungsgebiete auf dem Balkan sowie die längerfristig überwiegend erfolglosen Versuche, staatliche Gefüge zu etablieren, wobei der diesbezügliche Kampf des albanischen Nationalhelden und Fürsten Gjergj Kastrioti (Skanderbeg) gegen die Osmanen mittels des 1444 geschlossenen Verteidigungsbündnisses („Liga von Lezha“) bis heute für das nationale Selbstverständnis der Albaner von zentraler Bedeutung ist.

Die für die moderne politische Landkarte des Balkans zentralen historischen Eckpunkte werden sodann im folgenden Kapitel untersucht. Dazu zählen u.a. die „Londoner Botschafterkonferenz“ von 1913, welche die zuvor in Vlora erklärte Unabhängigkeit Albaniens international absegnete und die Grenzziehung des jungen Staates festlegte, die Abkommen von Jalta und Potsdam des Jahres 1945, die die politische Nachkriegsordnung in Europa (auch damit auch für den Balkan) festschrieben bis hin zu den Abkommen von Dayton (1995), Rambouillet, Kumanova sowie Ohrid, die zur Beendigung der jeweiligen bewaffneten Konflikte im früheren Jugoslawien bzw. im Kosovo und in Makedonien führten.

Kapitel Vier des zweiten Teiles der Doktorarbeit beschreibt die Entwicklungen im Kosovo sowie in Mazedonien, wobei der Fokus in beiden Fällen auf das politische und zeitweise auch gewaltsame Streben der albanischen Volksgruppe und ihrer Eliten nach nationaler Unabhängigkeit (Kosovo) bzw. einer erheblichen Ausweiterung und gesetzlichen Verankerung von nationalen (Minderheiten-) Rechten liegt. Als Ausweg aus der aus Sicht albanischer Vertreter nach wie vor unbefriedigenden Situation in Mazedonien werden vom Autor zwei mögliche Szenarien vorgestellt, die u. a. die Umwandlung Mazedoniens in einen Bundesstaat vorsehen.

Das fünfte Kapitel ist schließlich dem vom Autor favorisierten Projekt einer albanischen Föderation gewidmet. Die Idee für die Schaffung einer albanischen Föderation wird dabei sowohl historisch, geopolitisch als auch mit wirtschaftlichen Überlegungen begründet. Dabei wird zunächst seitens des Autors festgehalten, dass die Vision einer staatlichen Einheit aller albanisch besiedelten Gebiete auf dem Balkan sich wie ein roter Faden durch die nationale albanische Geschichte zieht und u. a. sowohl 1444 („Versammlung von Lezha“) als auch 1878 bei der 

Bildung der „Liga von Prizren“ sowie später bei der Ausrufung der Unabhängigkeit Albaniens 1912 („Versammlung von Vlora“) eine zentrale Rolle einnimmt. Darüber hinaus sprechen nach Ansicht von Sadri Ramabaja ökonomische Determinanten aus den Bereichen der Energiewirtschaft, des Bergbaus und der Bodenschätze, der Landwirtschaft bis hin zum Tourismus für den vorgeschlagenen albanischen Bundesstaat.

Als weiter Argumentationsstrang für das Föderationsprojekt wird vom Autor unter geopolitischer Perspektive auf die sogenannte „Rimland-Theorie“ des niederländisch-amerikanischen Geostrategen Nicholas John Spykman (1893–1943) zurückgegriffen, wobei in der Promotionsschrift Albanien als „Herzland“ und Kosovo als das dazugehörige „Rimland“ in Form eines Randhalbmondes definiert wird, was nach Ansicht des Rezenten insofern einen interessanten Ansatz darstellt, da nach dem Ende des „Kalten Krieges“ und des Zusammenbruchs der bis dahin geltenden bipolaren Weltordnung geopolitische und politisch-geographische Überlegungen sowie Analysen eine regelrechte Renaissance verzeichnen.

Das sechste Kapitel des zweiten Teils beleuchtet die Rahmenbedingungen und Aussichten für einen möglichen EU-Beitritt einer „Albanischen Föderation“ im Hinblick auf verschiedene EU-Integrationsszenarien, wie etwa der „Methode Monnet“ oder der Theorie der „Open Gravitational Space“.

Der dritte Teil der Doktorarbeit beschäftigt sich – hier weitgehend losgelöst von der Thematik der Schaffung einer albanischen Föderation – mit der Problematik der Zukunft des Nationalstaates im Kontext des europäischen Integrationsprozesses. In diesem Zusammenhang werden zu Beginn drei Thesen zur Fragestellung von „Fusion“ und „Subsidiarität“ entworfen, ehe sodann im zweiten Kapitel unter der Überschrift „Föderales Europa“ im weiteren Verlauf einzelne Aspekte von „Legitimität“, „Demokratiedefizit“ sowie dem „Subsidiaritätsprinzip“ im Hinblick auf die Funktionsweise der EU seit dem „Vertrag von Lissabon“ beleuchtet und untersucht werden.

In nächsten Kapitel befasst sich der Autor schließlich mit der Zukunft der Europäischen Union, wobei Sadri Ramabaja zunächst unter dem Stichwort „geopolitische Metamorphosen“ die veränderten weltpolitischen Ausgangsbedingungen, wie etwa den Aufstieg Chinas zu einer faktischen Weltmacht, skizziert. In diesem Kontext, und vor dem Hintergrund der neoliberal geprägten Globalisierung, plädiert der Autor für eine „Rückkehr der Politik“, was auch mit der historischen Verantwortung der internationalen Akteure begründet wird.

Im letzten Kapitel  stellt der Autor abschließend im Blick auf die Zukunft der Europäischen Union verschiedene Szenarien vor, denen, je nach den gesetzten Determinanten, mehr oder weniger optimistische bzw. pessimistische Annahmen zugrunde liegen. So stand zum Zeitpunkt des Verfassens der Doktorarbeit Ende 2012 speziell die Währungsunion am Scheideweg, wobei damals wie heute nicht absehbar ist, ob eine Sanierung gelingt oder langfristig ein Scheiten des ambitionierten Projektes die wahrscheinlichere Variante darstellt. Dabei ist eine Fortsetzung des derzeitigen Kurses des „Durchwurstelns“ ebenso denkbar, wie das Auseinanderbrechen der Währungsunion, die Ausbildung eines „Integrationskernes“ innerhalb der EURO-Zone oder alternativ hierzu auch die Ergänzung der Währungsunion durch eine fiskalische und auch politische Union, wonach es derzeit allerdings nicht aussieht.

Unbestritten ist zudem, dass sich die Europäische Union in der schwersten Krise seit ihrer Gründung befindet, was nicht nur ökonomischer Fehlkonstruktionen innerhalb der internationalen Finanzwelt geschuldet, sondern vielmehr Ausdruck einer umfassenden politischen Identitätskrise ist. Der moderne Nationalstaat erfreut sich dagegen als politisches Ordnungskonzept auch des 21. Jahrhunderts weiterhin ungeteilten Zuspruchs, wovon zuvor auch die Neuordnung der politischen Landkarte nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Europa mit dem Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens nebst der Etablierung zahlreicher (nationaler) souveräner Republiken als Nachfolgestaaten Zeugnis ablegt.

Ergänzt wird die Doktorarbeit u.a. durch eine Zeittafel mit geschichtlichen Daten Albaniens und Kosovos sowie einer Dokumentensammlung, die u.a. die Unabhängigkeitserklärung der Republik Kosovo vom 17.02.2008 enthält.

Die Promotionsschrift von Sadri Ramabaja überzeugt inhaltlich durch die methodische Verbindung zweier zentraler Fragestellungen: die der politischen und staatlichen Zukunft der beiden faktisch albanisch geprägten 

Staatsgebilde auf dem Balkan,  der Republik Albanien und der Republik Kosovo, und zwar vor dem Hintergrund des europäischen Einigungs- und Integrationsprozesses (einschließlich einer EU-Beitrittsoption der projektzierten albanischen Föderation) sowie andererseits nach der Zukunft des Nationalstaates im Kontext verschiedener Szenarien hinsichtlich der weiteren Entwicklung der Europäischen Union und des ihr politisch zugrundeliegenden Einigungsgedankens.

Stephan Lipsius 

Entnommen aus http://www.albanien-dafg.de/2016/12/3337/ 

Anmerkung der Redaktion von Kosova-Aktuell Wir gratulieren Herrn Dr. Sadri Ramabaja:zu seinm Werk  Federata Shqiptare. Kohezioni i shtetit-komb në BE. Verlag ALBANICA, Ljubljana 2016 362 Seiten. ISBN 978-961-91342-4-5 Kosova- Aktuell ist aber im Gegensatz zur DAFG ein linkes Organ. Wir halten den positiven Bezug auf die kapitalistisch neoliberale EU für grundsätzlich falsch. Dennoch ist das Buch von Dr. Sadri Ramabaja als wissenschaftliches Werk sehr zu empfehlen.

 

Für die Redaktion Agron Sadiku

 Foto Dr. Sadri Ramabaja 


Pamje të arrestimit të asamblistit të Prishtinës, Sadri Ramabaja (Video)

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