Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
17:28
24.05.2019

A.S.: Gegenwärtig ist in der deutschen Linken Kosova kein Thema. Dennoch sollte es ein Thema bleiben, denn die Lage in dem Gebiet ist hochexplosiv. Deutsche Truppen stehen in Kosova und die Protektoratsverwaltung steht unter der Leitung des deutschen Diplomaten Michael Steiner. Sollte sich die Situation in Kosova zuspitzen, ist die deutsche Linke neuerlich gefordert. Dabei muß sie mit besserem argumentativen Rüstzeug ausgestattet sein, als zur Zeit des NATO-Krieges gegen Jugoslawien.

Der Journalist Max Brym stellte mir schriftlich einige Fragen, die ich beantwortet habe. Die Veröffentlichung meiner Antworten wurde mir freigestellt. Noch eine Bemerkung zu meiner Person, ich bin Albaner und habe am Kampf der UCK teilgenommen. Persönlich verstehe ich mich als Marxist, obwohl man mit solchen Selbsteinschätzungen vorsichtig umgehen sollte. Wenn sich einige Rechtschreibfehler bei mir einschleichen, so bitte ich darum, das zu entschuldigen. Selbstverständlich können die Antworten auf die Fragen hier nur thesenartigen Charakter haben.

M.B.: Weshalb wurde die jugoslawische Regierung und Milosevic von Ihnen bekämpft ?

A.S.: Im alten Jugoslawien schon unter Tito hatte Kosova den niedrigsten Lebensstandard in der damaligen Föderation.. Das hatte mit dem Modell der Selbstverwaltung zu tun, die eine Planung der Ökonomie faktisch ausschloß. Die Gruppeneigentümer waren Konkurrenten und diese Konkurrenz übertrug sich auf die damaligen Republiken, die im scharfen Gegensatz zueinander standen. Nach dem Tod Titos hatte Jugoslawien eine hohe Außenhandelsschuld.

Der ehemalige Banker Milosevic wurde noch im Jahr 1988 von der westlichen Wirtschaftspresse gelobt, da sein Reformeifer größer sei als der von Michail Gorbatschow. Rücksichtslos wurde die Bezahlung der Schulden in Höhe von 20 Milliarden Dollar nach unten abgewälzt. Im Jahr 1988 hatte Gesamtjugoslawien eine Inflationsrate von 1000% erreicht. Die Arbeitslosigkeit stieg rapide, die Massenarmut nahm zu.

In dieser Situation zogen alle regionalen Cliquen die nationalistische Karte um an der Macht zu bleiben. Besonders tat dies Milosevic mit den sog. Joghurtrevolutionen. Die Tschetniks wurden rehabilitiert und oppositionelle Kräfte an der Staatsspitze wie Fadil Hoxha 1987 gestürzt.

Im selben Jahr mußte der berühmteste jugoslawische Architekt Bogdan Bogdanovic seinen Platz im serbischen Parteipräsidium räumen. Bogdanovic wurde u.a. vorgeworfen, das KZ-Denkmal in Jesanovac nicht genügend serbozentriert zu haben. Ihm wurde der Vorwurf gemacht zu stark an die nicht- serbischen Opfer im KZ zu erinnern. Desweiteren wurde er gefragt, warum er nicht die heilige Blume des Kosovo für seine Architektur verwendete.

Im Jahr 88 wurde der Vorsitzende der Kommunisten des Kosova, Azem Vllasi von Milosevic gefeuert. Daraufhin traten die Bergarbeiter von Mitrovica in einen Streik und versuchten mit einem Marsch nach Prishtina diesem Schlag gegen die Autonomie entgegenzutreten. Sie zeigten jugoslawische Fahnen, albanische Fahnen und Tito-Bilder. Ihnen stellte sich serbische Polizei entgegen und nationalistische Serben mit Tschetnik-Symbolen.

Im Februar 89 traten die Bergarbeiter in einen Streik gegen die Aufhebung der Autonomie., das Ganze führte zu einem Generalstreik in ganz Kosova. Mit ungeheuer brutalen Maßnahmen wurde gegen diese Menschen vorgegangen. Die Autonomie wurde aufgehoben.

Im Jahr 1995 gab es keine albanische Arbeiterschaft mehr in Kosova. Fast zu hundert Prozent wurden sie unter verschiedensten Vorwänden entlassen. Der Unterricht an den Schulen wurde in serbisch durchgeführt. Wenn damals ein Albaner nur eine Reise von 40 Kilometern unternahm, wurde er normalerweise 4-mal angehalten und zumeist geschlagen. Die Albaner waren rechtlos und einer brutalen rassistischen Willkür unterworfen.


M.B.: Wie kam es zur Gründung der UCK und welche Beziehungen gab es zur NATO?

A.S.: Die UCK entstand Anfang der neunziger Jahre als Antwort auf den serbischen Staatsterror. Gegründet wurde die UCK von Menschen aus der linksnationalen LPK. Ab 1997 konnte der militärische Kampf intensiviert werden. Bekanntlich brach damals der albanische Staat zusammen, nach dem "Pyramidenskandal". Es war möglich leicht an Waffen heranzukommen. Nebenbei sei erwähnt, am Balkan ist es oft leichter an Waffen als an bestimmte Konsumgüter heranzukommen.

Der Westen hat uns im Kampf niemals unterstützt. Erst als der Kampf eine gefährliche Dimension annahm, suchte der Imperialismus eine verhandlungsbereite Gruppe innerhalb der UCK. Das bedeutete, er erpreßte die Unterschrift unter sein Diktat in Paris. Nachzulesen bei Wolfgang Petritsch in dem Buch Kosova-Kosovo. Während des NATO-Krieges gegen Jugoslawien gab es für unsere Kämpfer keinerlei Unterstützung durch die NATO.

Im Gegenteil, bis heute sind 2 Millionen Euro in Deutschland eingefroren. Gegen den Betreiber des Fonds ( Das Vaterland ruft) besteht seit 1999 in Deutschland Haftbefehl. Nur unserer Jugend wurde 99 die Reise nach Albanien gestattet. Damit wollte man potentielle Asylbewerber loswerden. Ausgerüstet und bewaffnet wurde diese Jugend von der NATO nicht. Das ganze war logisch, denn die NATO wollte keine erfolgreiche UCK und keine Unabhängigkeit von Kosova.


M.B.: Warum kämpften und kämpfen Sie für die Unabhängigkeit von Kosova?

A.S.: Das Recht auf staatliche Lostrennung ist ein demokratisches Recht. Jeder der uns dieses Recht verweigert ist ein Chauvinist. Wir möchten frei darüber entscheiden dürfen wie wir uns staatlich organisieren möchten. Dies verwehrte uns Bismarck auf der Berliner Konferenz 1878, später der serbische Nationalismus und jetzt die NATO.

Ich glaube daß nur eine Unabhängigkeit von Kosova den nationalen Hader beseitigen kann. Erst das Recht auf Loslösung bietet die Chance normale Beziehungen mit unseren Nachbarn zu unterhalten. Letztendlich zu einer freiwilligen Balkanförderation zu gelangen, was wirtschaftlich nötig ist. Das kann aber nur auf freier Grundlage geschehen, niemals unter Zwang.


M.B.: Ist die Vertreibung von Serben, Roma und anderen Ihr politisches Ziel in Kosova?

A.S.: Auf keinen Fall. Wir haben zusammengelebt und müssen zusammen leben. Allerdings müssen Sie berücksichtigen, dass Teile unseres Volkes, bis heute traumatisiert sind. Es gab und gibt unverantwortliche Racheaktionen von Albanern an Zivilisten. Dennoch müssen Sie bedenken, rund 30-tausend Serben aus Kosova waren in paramilitärischen Formationen. Es gab unbeschreibliche Grausamkeiten an unserer Zivilbevölkerung. Der Rachegedanke ist immer noch verbreitet.

Alle ernstzunehmenden Kräfte in unserer Gesellschaft arbeiten gegen diesen Gedanken und die darauffolgenden Taten. Besonders hervorzuheben ist hier die Aktivität von Adem Demaci ( ehem. politischer Sprecher der UCK, der die Unterschrift in Paris ablehnte) und von Albin Kurti (eh. Vorsitzender des Studentenverbandes). Sie organisieren Runde Tische um den zwischennationalen Dialog zu entwickeln. Viel über diese Aktivitäten können Sie auf den englischsprachigen Seiten des Menschenrechtsvereines nachlesen ( Sitz: Prishtina).


M.B.: Wie stellen Sie sich die Zukunft Kosovas vor ? Wie handeln Sie aktuell?

A.S.: Kosova muß UNABHÄNGIG und frei sein. Alle Bürger Kosovas ,egal welche Nationalität sie haben, müssen über die gleichen Rechte verfügen.. Jeder muß ein ordentliches Auskommen haben. Gegenwärtig sind offiziell über 50% arbeitslos und damit ohne jegliches Einkommen. Die Beschäftigten erhalten im Schnitt 135 Euro im Monat. Bei einer Preislage, die zu 80% mit der BRD vergleichbar ist.

Auf dieser Basis ist die normale politische Diskussion zuerst mit der Frage beschäftigt: Wie wird die Ökonomie gestaltet. Es gibt keine nennenswerten ausländischen Privatinvestitionen in Kosova. Das hat zwei Gründe: 1. Solange der Status von Kosova nicht geklärt ist, sind nichteinmal interessierte Investoren bereit Kapital anzulegen. 2. Ausländisches Kapital ist an Kosova nur bedingt interessiert.

Die von Herrn Voß geleitete Treuhandagentur will über 90% der Betriebe in Kosova schließen. In dieser Situation verlangen Arbeiter in Kosova, dass ihnen die Betriebe in Selbstverwaltung übergeben werden und Sie selbst über die Eigentumsfrage entscheiden. Dies ist aus der Not geboren fortschrittlicher, als vieles was in der BRD in den Gewerkschaften diskutiert wird. Dennoch werden wir nichts erreichen ohne internationale Solidarität. Unser aktueller Gegner ist die UNMIK, der serbische Nationalismus sowie nationalistische Blindheit bei vielen Albanern.


Eine Bemerkung zum Interview mit Agron Sadiku: Herr Sadiku lebt in Kosova und ist in einem kleinen marxistischen Zirkel aktiv. Gegenwärtig kann Herr Sadiku nicht mit vollem Namen und Adresse auftreten. Denn die UNMIK führt gegenwärtig Verhaftungen in Kosova durch, diese richten sich gegen selbständig denkende Menschen.