Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
23:15
14.11.2018
Die Interviews führte Max Brym, seine Gesprächspartner waren Avdi UKA (Minator), Selami HELSHANI (Vorstandsmitglied der Gewerkschaft), Mensur FEJZA  (Sicherheitsingenieur), Herr BEGU (im Organisationssekretariat der Gewerkschaft), Nuje ZEQIRI (Vorstandsmitglied der Gewerkschaft) Dr. A. BHAJ (Sprecher der Bergarbeiter)

 Wie ist die gegenwärtige Situation in Mitrovica? Wie ist speziell die Lage der Minenarbeiter in Trepça?

FEJZA: Aus unserer Sicht ist die Situation sehr angespannt. Insbesondere für diejenigen, die im anderen Teil der Stadt leben, die durch die KFOR-Truppen geteilt ist. Das heißt im nördlichen Teil der Stadt auf der anderen Seite der Brücke. Die Frage Mitrovica ist eine Frage, die ganz Kosova be-trifft. Über Mitrovica wird eine Krise in ganz Kosova provoziert. Aus unserer Sicht stecken dahinter Manöver aus Belgrad, um Kosova zu teilen. Kürzlich wurden 9 Menschen im sogenannten serbischen Teil der Stadt getötet, allesamt Albaner und offen werden Bewohner in diesem Teil der Stadt verfolgt, albanische Bewohner aus diesem Teil der Stadt vertrieben. Die UNMIK erklärte dazu lapidar, die Vertriebenen sollen sich nicht aufregen, denn sie werden schon irgendwann zurückkehren können. Außer Erklärungen ist bis dato für die Vertriebenen nichts geschehen, diese verweilen immer noch im sog. albanischen südlichen Teil der Stadt. Sie versuchen sich irgendwie selbst zu helfen. Wenn wir uns die wirtschaftlichen Gründe vor Augen halten, ist klar, was Milošević bezweckt. Der Norden von Kosova ist wirtschaftlich reich, ihn möchte er behalten. Mitrovica war im ehemaligen Jugoslawien der wirtschaftlich wertvollste und entwickeltste Teil. Die Ambitionen bestehen darin, den wirtschaftlich besseren Teil in die Hände zu bekommen.

Das Ganze hat nur mit wirtschaftlichen Interessen zu tun?

Avdi UKA: Die religiöse Argumentation bezüglich des serbischen An-spruches auf Kosova ist nur ein Vertuschungsmanöver – es geht nicht um Religion, sondern um schnöden Mammon. Die Religion ist nur der Deckmantel für die bereits genannten wirtschaftlichen Interessen. Die religiösen Konflikte, sind nur Vernebelungskerzen, um die internationale Öffentlichkeit zu verwirren. Es ist auch bekannt, dass im ehemaligen sozialistischen Jugoslawien die Ausbeutung der Ressourcen von Mitrovica durch Serbien massiv betrieben wurde. Dies geschah bereits damals, ohne jegliche Kontrollmöglichkeiten der hier mehrheitlich lebenden Albaner. Mit der Zu-nahme der wirtschaftlichen Krise, spätestens ab 1989, trat eine massive Repression ein. Speziell die albanischen Arbeiter wurden diskriminiert, mit der Aufhebung der Autonomie von Kosova wurden sie auf rassistische Art und Weise von ihren Arbeitsplätzen vertrieben. Angefangen hat dies bei den Bergarbeitern in Mitrovica. Im Jahre 1990 wurden praktische alle qualifizierten Arbeiter der Industrie im gesamten Kosova entlassen.

Zwischenbemerkung von Herrn HELSHANI: Vorher wurde die Frage von den Kirchen aufgeworfen, dazu möchte ich bemerken: dass die meisten orthodoxen Kirchen früher einmal katholische Kirchen waren. Diese Kirchen wurden im Laufe der Zeit von katholischen Kirchen in orthodoxe umge-wandelt. Sie wurden so umgebaut, dass es so aussieht, als wären sie sla-wisch-orthodoxe Kirchen.

Wie ist Ihre Bergarbeitergewerkschaft entstanden und welche Ziele verfolgt sie?

FEJZA: Die Bergarbeitergewerkschaft Trepça wurde am 28. Februar 1990 gegründet und seit dem arbeitet sie für unsere Interessen. Die Ge-werkschaft begann unmittelbar nach ihrer Gründung aktiv zu werden, doch wurden wir alle am 8. August 1990 aus der Mine von Trepça zwangsweise entlassen. An jenem 8. August, als wir unsere Arbeitplätze aufsuchen wollten, wurden wir von Polizisten daran gehindert. Die Polizei stand weit vor den Toren und ließen uns nicht einmal herankommen. Eine ganze Woche lang versuchten wir an unsere Arbeitsplätze zu kommen, was uns jedoch nicht gelang. Als klar wurde, wir kommen nicht an unsere Arbeitsplätze zurück, haben wir uns geschworen: »Alle für einen – einer für alle«. Seit-dem arbeitet die Gewerkschaft außerhalb der Betriebe. Wir Gewerkschafter wurden immer verfolgt und misshandelt. Immer wenn wir versucht hatten, sich unseren Arbeitsplätzen zu nähern, wurden wir auf brutalster Art und Weise von den Polizeiorganen verfolgt. Der Weg zur Arbeit wurde sofort blockiert, sobald die Polizei mitbekam, dass wir versuchen könnten an unsere Arbeitsplätze zu gelangen. Gewerkschaftskollegen wurden verhört, misshandelt, und einige auch verhaftet. Die Gewerkschaft hat sich auch um die Existenzmöglichkeiten ihrer Mitglieder gekümmert. Wir organisierten Hilfen, die von der Bevölkerung Kosovas und unserer Emigration im Aus-land gespendet wurden. Diese Hilfen wurden an diese Arbeiter verteilt, denen es am schlechtesten ging. Manche haben sich auf anderer Art geholfen. Sie arbeiteten z.B. als Lastenträger, oder haben Holz beschafft und verkauft und versuchten so, im Schweiße ihres Angesichts zu überleben.

Diejenigen, die, wie eben genannt, selbst arbeiteten, haben freiwillig auf jede Hilfe verzichtet. Der Bedarf nach Spenden und Hilfen war jedoch sehr groß. Bei uns in Mitrovicë wurden allein 2.715 Albaner entlassen. Was die Hilfen anbelangt, so möchte ich besonders die Aktion »eine Familie hilft der anderen Familie« erwähnen, die von unserer Gewerkschaft ausgegan-gen ist. An dieser Aktion beteiligten sich 1.093 Familien – hier sind Familien aus Mitrovica gemeint.

In der gesamten Region Mitrovica beteiligten sich insgesamt 2.700 Fa-milien und in ganz Kosova waren es ca. 7.000 Familien. Das heißt eine Familie hatte jeweils einer anderen Familie – die sie bisher überhaupt nicht kannte – geholfen, und hatte alles Notwendige besorgt, angefangen bei Brot, Geschirr, Kleidung usw. Mit der Zeit ließ die Kraft dieser Aktion nach, weil etliche Familien, die ausgeholfen haben, selber in Bedrängnis kamen, da sich ihre eigene wirtschaftliche Situation verschlechterte. Aber seit dieser Zeit bestehen nach wie vor die Kontakte zwischen den Familien. Uns haben auch verschiedene Gewerkschaftskollegen aus anderen Teilen Kosovas geholfen. Erwähnen möchte ich ebenfalls die Hilfe von internati-onalen Gewerkschaftsgruppierungen aus anderen Staaten, wie z. B. aus Deutschland, Schweden und weiteren Ländern. Besonders betonen möchte ich auch die Aktion der Bergarbeiter aus Tuzla in Bosnien. Sie wurden von Seiten des jugoslawischen Staates aufgefordert, aus Tuzla 120 Bergleute zu schicken, um hier zu arbeiten. Nachdem wir einen Appell an sie richteten, legte am nächsten Tag die Hälfte der Arbeiter in der Mine von Trepça die Arbeit nieder. Dies hatte für sie gravierende Folgen, denn einige wurden verhaftet und saßen einen Monat im Gefängnis. Zur selben Zeit wurden einige Vorstandmitglieder unserer Gewerkschaft wegen der Aktion und wegen der Apells an die Arbeiter aus Tuzla, von der Staatssicherheit verhört.

Wie sind Ihre aktuellen Forderungen jetzt gegenüber der UNMIK? Was fordern Sie konkret bezüglich der Mine in Trepça?

Nuje ZEQIRI: Wir hatten vor allem zwei Ziele vor Augen: Erstens, dass unseren Mitgliedern, es sind 2.715 Personen, das Überleben ermöglicht wird – und zweitens, dass wir an unsere Arbeitplätze zurückkehren dürfen.

Seitdem wir zwangsweise von den serbischen Besatzern entlassen wurden, war es unser Ziel, mit allen gewerkschaftlichen Mitteln zu kämpfen, um wieder an unsere Arbeitsplätze zurückzukehren. Wir hatten allerdings keinen Erfolg, weil der Druck zu stark war. Ein brachialer Druck lastete auf uns während der serbischen Okkupation. Rund 1.200 Gewerkschaftsmit-glieder wurden 1989 verhaftet – und diese verbüßten Haftstrafen zwischen einem bis vierzehn Monate. Darüber gibt es genaue Unterlagen. Nach jeder Protestaktion unserer Gewerkschaft folgten Misshandlungen und Folter; das heißt aber auch, dass wir bis heute keinen Erfolg hatten, wieder an un-sere Arbeitsplätze zurückzukehren.

Mit dem Anrücken der Nato-Truppen hofften wir, dass wir nun endlich unsere Arbeit wieder aufnehmen könnten, damit wir nicht anderen – vor allem den Hilfsorganisationen – weiter zur Last fallen. Ich will damit ausdrücken, dass wir unseren Lebensunterhalt selbst verdienen wollen. Von jeglichem Luxus sind wir hier sowieso weit entfernt. Vor der Ankunft der Nato-Gruppen ging es um das schlichte Überleben, aber überleben können wir jetzt. Unser Hauptanliegen ist immer noch die Rückkehr an unsere Arbeitsplätze.

Die griechische Kapital-Gesellschaft MYTILINEOS behauptet Eigentümer von Trepça zu sein und erklärt, dass sie Trepça gekauft habe. Wie stehen Sie dazu?

Alle geschäftlichen Transaktionen, die in der serbischen Besatzungszeit stattfanden, wo sämtliche Albaner zwangsweise entlassen wurden, werden von uns nicht anerkannt. Wie es aussieht, wurde direkt mit Milošević verhandelt. Der griechische Konzern und der französische Konzern SCMM haben offensichtlich einen Teil des Metallverkaufes von Trepça übernommen. Sie haben von Milošević Konzessionen übernommen, doch steht die-se Transaktion außerhalb jeglicher Rechtsnorm. Ohne dem Einverständnis der albanischen Arbeiter, die sich als Eigentümer betrachten, konnte hier überhaupt nichts verkauft werden. Hier ist ein großer Betrug an uns vorge-nommen worden. Milošević hat die Einnahmen für seine eigenen Interessen genutzt, ohne dass irgend etwas in den Bergwerkskomplex investiert wurde. Dieses Beteiligungs-Wirrwarr, das jetzt erst aufkam, erschwert un-sere Möglichkeiten und gefährdet die Rückkehr an unsere Arbeitsplätze. Wir sind an die UNMIK hergetreten, haben klargestellt, was unsere Positi-on ist. Dabei kam heraus, dass seit Dezember 1999 rund 230 Arbeiter an der Revitalisierung der Mine arbeiten. Wir schaffen die Voraussetzungen, dass die Mine wieder funktionsfähig wird. Dieses dürfen wir auch, nach einem Vertragswerk, das wir mit der UNMIK-Behörde ausgehandelt ha-ben. Gegenwärtig sind wir damit beschäftigt, die Mine mit der entsprechenden Sicherheit auszustatten. Italien hat sich verpflichtet, uns die nötige Sicherheitstechnik zur Installierung zu überlassen. Wir erhalten keinerlei Kredite, um wirklich mit der Produktion beginnen zu können oder selbständig technische Mittel zu erwerben. Die UNMIK hat uns versprochen, dass sie, wenn wir produktionsfähig sind, ein Kredit gewähren würde. Wir haben aber enorme Sicherheitsprobleme, da die Mine von Trepça völlig verwahrlost ist. Wir hoffen jedoch, dass die anderen 600 bis 700 Arbeiter – sobald die Sicherheitsfragen geklärt sind – wieder arbeiten können.

Es meldet sich ein anderer Minen-Arbeiter zu Wort: Ich möchte etwas sagen, zur angeblichen Kapitalbeteiligung der griechischen Gesellschaft in Trepça: Als die Gewerkschaft von Stantërg in Erfahrung gebracht hatte, dass angeblich die griechische Kapitalgesellschaft sich mit 50 Millionen US-$ beteiligt haben soll, haben wir in Zusammenarbeit mit englischen Gewerkschaftern schriftlich reagiert, die griechischen Gewerkschaften, die deutschen Gewerkschaften, etc., um auf die illegalen Machenschaften der griechischen Kapitalgesellschaft hinzuweisen. Wir haben in diesem Schreiben, welches auch der Firmenleitung zuging, klar zum Ausdruck gebracht, dass niemand anderer darüber zu verhandeln habe, als wir, die albanischen Arbeiter, weil auch wir die Eigentümer sind.


Sind Sie für oder gegen eine Privatisierung von Trepça?

HELSHANI: Zunächst möchte ich folgendes bemerken: Noch ehe wir zwangsentlassen wurden, gab es eine Periode, in der die Gehälter an die Arbeiter nicht ausgezahlt wurden. Es ging um 3 bzw. 4 Monatsgehälter. Dieses ist etwa 12 % des Wertes der Maschinen. Das war eine Zeit, in der Milošević viele Firmen privatisierte, ohne die Arbeiter zu fragen. Ich erwähne dies deshalb, um klarzustellen, dass eine Privatisierung von den Arbeitern nicht erwünscht war, weil wir selbst nach diesen Kriterien, Eigentümer sind.

Dies ist eine – zumindest feststehende – Aktienbeteiligung. Vor der Privatisierungs-Offensive des Herrn Milošević, waren die Betriebe bekanntlich gesellschaftliches Eigentum. (Anm.: Die Firma gehört den Arbeitern, die in dem Unternehmen gearbeitet haben).

Nachdem wir neue Kontakte zur Übergangregierung Kosovas hatten, z.B. mit Herrn Ibrahim Rugova, war es völlig klar, dass der Betrieb den Arbeitern gehört.

In Deutschland wurde des öfteren behauptet, dass Ihre Gewerkschaft nur für Albaner da sei und Sie die Serben kollektiv bekämpfen würde. Stimmt das?

Herr BEGU: Das ist überhaupt nicht wahr. Alle serbischen Arbeiter, die hier gearbeitet haben, können an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. – Es sei denn, dass es sich um Kriegverbrecher handelt, solche Menschen, an denen Blut klebt. Sie haben vielleicht bemerkt, dass im sogenannten serbischen Teil der Metallverarbeitungsschmelze gearbeitet wird – hier arbeiten nur Serben. Schlimm ist, dass dort Kriminelle ein- und ausgehen, zum Teil unter dem Schutz der französischen KFOR-Truppen. Ich möchte persönlich noch anmerken, dass die internationalen Kapital-Gesellschaften, die hier investiert hatten, bloß Milošević das Geld in den Rachen warfen, mit dem er seine Verbrechen finanzieren konnte; in Trepça selber wurde aber nichts investiert... Und haben Sie auch den technischen Standard gesehen? Milošević hat das Geld für den Krieg und für die Massaker eingesetzt. Dies ist meine persönliche Meinung, und wenn sich dieses bestätigen sollte, so gehört nicht nur Milošević vors Gericht in Den Haag, sondern auch einige dieser Investoren. Doch in diese Richtung wird leider nicht ermittelt.

In Deutschland wird bei einigen Gewerkschaftsgliederungen diskutiert, wie man der Bergarbeitergewerkschaft in Trepça helfen könne. Welche Solidarität benötigen Sie?

Wir arbeiten hier unter schweren Bedingung an der Rekonstruierung der Sicherheit für Trepça. Die Arbeiter haben keine Schuhe, keine Kleidung, keine Bergwerkshelme, etc. Es fehlt vieles, die Arbeiter arbeiten ohne ausreichende Nahrung, ohne Transportmöglichkeiten, alles geht auf Kosten der Arbeiter selbst, ohne Bezahlung und ohne Sicherheitsmittel, ohne Lebensrettungsvorrichtungen. Nach unserem Abkommen mit der UNMIK wären die Italiener sogar verpflichtet uns zu unterstützen, doch es geschieht nichts. Die Italiener sollten uns z.B. Pumpen liefern, um das Wasser aus den Schächten herauszubekommen – doch bis heute ist nichts passiert.

Im Kontakt mit internationalen Gewerkschaften könnten wir unsere Anliegen genauer spezifizieren. 11 Jahre nach dem großen Hungerstreik im Jahre 1989 traten die Minenarbeiter erneut in einen 48-stündigen Hungerstreik. In diesem erneuten Hungerstreik wurden drei grundlegende Forde-rungen gestellt: 1. die Freilassung aller albanischer Gefangener, die sich noch in serbischen Gefängnissen befinden; 2. der Abzug aller paramilitärischen Einheiten aus Mitrovica, und 3. die Rückkehr an unsere Arbeitsplätze des gesamten Kombinats Trepça.

Durch zwei Offensiven die hier stattfanden, wurden 40 Minenarbeiter während des Krieges getötet, elf werden vermisst und neun werden in serbischen Gefängnissen grundlos festgehalten. Alles weitere, was Sie interessieren könnte, kann ich Ihnen zukommen lassen. Ich selbst bin Mitglied des Hungerstreikkomitee, mein Name ist Avdi Uka. Unsere Forderungen haben 7.300 Leute schriftlich unterstützt.