Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
23:05
14.11.2018
Das Interview mit Sabit Gashi führte Max Brym am 29. Februar 2000 in Prishtinë. Gashi ist Vorsitzender der LKÇK (Nationale Bewegung für die Befreiung des Kosova).

 Könnten Sie sich kurz vorstellen und etwas zu den Zielen Ihrer Partei sagen?

Ich bin Ingenieur für Elektrotechnik, geboren 1960. 1986 aus politischen Gründen verhaftet und verurteilt. 1990 wurde ich aus der politischen Haft entlassen. 1992 traf ich mich mit Avni Klinaku und den anderen Genossen, die genau wie ich der Meinung waren, dass ein harter, beziehungsweise auch ein militärischer Kampf letztendlich unvermeidbar ist.

Können Sie die Ziele der LKÇK konkret benennen?

Mittelpunkt und Ziel der Arbeit der LKÇK ist, alle albanisch besiedelten Gebiete, die historisch albanisch waren und es heute noch sind, in einem Staat zu vereinigen. Wir meinen Kosova, das mehrheitlich von Albanern besiedelte West-Mazedonien, und die Gebiete in Ost-Kosova um Presheow, sowie die albanischen Gebiete in Montenegro. Auch eine Region im Nordwesten Griechenlands ist albanisch. Die von mir benannten Regionen sind, aktuell und historisch gesehen, albanische Gebiete. Ihre Vereinigung ist unser vorrangiges politisches Ziel.

Wie sehen Sie die momentane Lage in Kosova unter dem Mandat der UNMIK, beziehungsweise der Tätigkeit der NATO-Truppen?

Wir waren nicht für Rambouillet, weil es in Rambouillet darum ging, Kosova unter der Herrschaft Serbiens zu halten. Doch auch Milośevič hat die Vereinbarung von Rambouillet nicht unterschrieben. Deshalb erfolgte der NATO-Einsatz, der länger dauerte, als ursprünglich geplant. Er wurde offiziell mit der UN-Resolution 1244 beendet. Die UN-Resolution beinhaltete den Rückzug des serbischen Militärs aus Kosova. Es entstand eine neue Realität. Seitdem die KFOR-Truppen eingezogen sind, haben wir sehr viel Kritik an diesen Truppen und an der Art der UNO-Verwaltung geübt. Kritik üben wir, weil die UNMIK und die NATO-Truppen nicht gut vorbereitet waren und sind, bezüglich der Realitäten Kosovas.

Wir kritisieren ihre Verwaltungstätigkeit. Sie haben kein wirtschaftliches Konzept, um die zerstörte Ökonomie wieder aufzubauen. Sie befriedigen nicht die wirtschaftlichen Bedürfnisse der hier ansässigen Bevölkerung. Dennoch haben wir gute Beziehungen zur UNMIK, obwohl die LDK, die PPDK und LBD von der UNMIK bevorzugt werden. Die UNMIK hat uns zum Teil diskriminiert.

Was ist Ihrer Meinung nach die Ursache für die Diskriminierung der LKÇK?

Unserer Meinung nach hat die UNMIK nicht genügend Informationen, um die LKÇK in ihrer Bedeutung zu erkennen. Die UN-Verwaltung betrachtet die LKÇK ungerechtfertigt als radikales Subjekt. Sie versuchen, uns als Außenseiter darzustellen. Sie diskriminieren uns, weil wir an unseren politischen Konzepten festhalten. Das erklärt sich daraus, dass die internationalen Kräfte nur Faktoren berücksichtigen, die ihren Konzepten entsprechen. Sie wollen also nur mit Leuten arbeiten, die gehorsam sind. Wenn sie mit uns sprechen, merken sie sehr schnell, dass wir eigene Vorstellungen haben und dass wir wissen, was wir wollen. Sie merken rasch, dass wir in bestimmten Fragen bereit sind zu kooperieren, aber in anderen jedoch nicht. Und sie erkennen, dass wir uns nicht unterwerfen, von daher werden Verleumdungen unserer Partei von der UNMIK gerne geglaubt.

Wie kann Ihrer Meinung nach Kosova unabhängig werden? Welche Politik ist notwendig, um dieses Ziel zu erreichen?

Alle politischen Subjekte hier haben die Unabhängigkeit als Forderung zum Ziel. So haben sie sich auch dem internationalen Faktor vorgestellt. Jedoch besteht zwischen den albanischen Parteien keine Homogenität. Die meisten Parteien haben wenig Verbindungen zum Volk. Sie sind deshalb nicht imstande, einen entscheidenden Druck auf die UNMIK auszuüben. Leider verfolgen einige politische Führer, obwohl sie von der Unabhängigkeit reden, nur egoistische Separatinteressen. Dadurch behindern sie sich gegenseitig. Wir hören öfters, dass daran gearbeitet wird, hier demokratische Institutionen aufzubauen, die uns diesem Ziel näher bringen sollten. Ich höre es zwar bloß, aber mir fehlt der Glaube daran.

Haben Sie konkrete Kritikpunkte an der Verwaltung der UNMIK, beziehungsweise an den NATO-Truppen?

Wir haben konkrete Kritikpunkte. Es ist jetzt acht Monate her, seit die UNMIK hier ist, und die Wirtschaft Kosovas verfällt immer mehr. Eine wirtschaftliche Perspektive wird immer undefinierbarer. Es gibt kein Konzept, wie sich die Gesellschaft entwickeln soll. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. In der Energietechnik, wo es Möglichkeiten gibt, die Basis zu erweitern, oder im Bereich der Zementproduktion, oder im Bereich der Telekommunikations-Dienstleistungen wird nichts entwickelt. Es gibt eine unehrenhafte Konkurrenz zwischen den KFOR-Mächten, wer hier was und wie in die Hände bekommt. Dabei geht vieles zugrunde und Entwicklungspotentiale bleiben ungenützt. Dieser Konkurrenzkampf, der um den Reichtum Kosovas geführt wird, schadet unserer Bevölkerung. Es geht zum Beispiel um 5 Millionen Mark, die nötig wären, um unsere Nickel-Produktion aufzunehmen. Im Norden Kosovas, um Mitrovica herum, zeigt sich der Konkurrenzkampf zwischen den internationalen Kapitalgruppierungen besonders deutlich. Niemand kümmert sich um die sozialen Interessen hier. In Sicherheitsfragen, in Verwaltungsfragen, in Fragen des Alltags herrscht Unordnung. Es gibt immer noch keine Ordnung für bestimmte Arbeitsabläufe. Auch ist die Bezahlung von vielen, jetzt wieder in Beschäftigung stehenden Kosovaren ungeregelt. Das alles zeigt, wie unverantwortlich sich derjenige Faktor hier aufführt, der vorgibt, der entscheidende Faktor in der Weltpolitik zu sein.

Wie kann Ihrer Meinung nach die bereits diskutierte Teilung des Kosovas verhindert werden, – oder speziell gesagt: wie kann das Problem Mitrovica gelöste werden?

Man hat von Anfang an gewusst, dass dieses Problem entstehen wird. Vor fünf Jahren schon forderte Dobrica Ćosić die Teilung des Kosovas. Milośevič hingegen versuchte eine zeitlang den ganzen Kosova für Serbien zu halten. Als ihm das nicht gelang, wurde in vielen Landesteilen die Wirtschaft absichtlich beschädigt und jetzt versucht Milośevič den wirtschaftlich reichen Norden für sich zu sichern. Dies kann man belegen. Zwar heißt es, dass alle serbisch-jugoslawischen Streitkräfte aus Kosova abzogen, nur zogen sie durch Mitrovica und ließen dort Spezialisten und Paramilitärs zurück, so dass de facto heute Kosova geteilt ist.

Die Milośevič-Truppen könnten sich nicht im Norden Kosovas aufhalten, wenn es nicht eine scharfe Konkurrenz zwischen den internationalen Kräften gäbe. Die französische Armee teilte faktisch die Stadt Mitrovica und deckt somit den Teilungsplan von Belgrad. Zwei Tage nach Einmarsch der NATO-Truppen in den Kosova begann eine Kampagne gegen die UÇK im Süden und auch im Westen Kosovas. Dies sind Tatsachen, die zeigen, dass in Kosova nicht nur Interessen von Milośevič im Spiel sind, sondern auch Interessen anderer Faktoren. Heute baut man zum Beispiel in Mitrovica eine Brücke für Fußgänger über den Fluss Iber. Diese Brücke in der geteilten Stadt ist sehr bezeichnend. Es gibt in Mitrovica bereits zwei Brücken. Warum baut man eine dritte? Diese Brücke verbindet den südlichen Teil mit dem nördlichen Teil der Stadt. Einen nördlichen Teil der Stadt nennt man bosnisches Viertel, obwohl auch dort mehrheitlich Albaner leben. Man erkennt also die Absicht, Kosova aufzusplittern und zu gettoisieren. Sie versuchen, die Albaner in Gesamtkosova zu beruhigen, indem die internationalen Mächte vorgeben, zu befrieden. In Wirklichkeit gettoisiert man. Sie haben ein Protektorat errichtet. Diese Entwicklung ist sicherlich eine vorübergehende Sache, aber sie zeigt, dass hier nicht nur Interessen Kosovas im Spiel sind. Speziell erwähnen möchte ich die Interessensgruppe Moskau-Rom-Paris, die partiell mit den Interessen Belgrads übereinstimmt. Diese Achse war zu erwarten. Gegenwärtig wird viel von den Interessen der Serben geredet. Auch dahinter verbirgt sich ein politisches Kalkül. Dies deshalb, weil die oben beschriebene Achse Gemeinsamkeiten mit Milośevič hat, vor allen Dingen wirtschaftliche.

Die internationalen Kräfte haben sich schlecht positioniert. Sie vertreten die sogenannte Multiethnizität. Die internationale Gemeinschaft versteht darunter, dass es keinen albanischen Staat in Kosova geben darf bei gleichen Rechten für alle, dort lebenden nationalen Minderheiten. Das in der westlichen Presse oft auftauchende Argument, Multiethnizität ist doch etwas Humanes, soll die Absicht verschleiern, den Albanern das Selbstbestimmungsrecht zu verwehren, wobei ich hier betonen möchte, dass in einem von uns angestrebten albanischen Staat keine andere Nationalität diskriminiert wird. Das Gerede von Mulitethnizität verbirgt den Faktor, dass die serbische Bevölkerung sich schuldig fühlt. Sehr viele Serben haben sich in der Tat an Massakern beteiligt. Viele serbische "Zivilisten" waren daran beteiligt, dass hier in Kosova 130.000 Häuser brannten. An solchen Aktionen waren in der Hauptsache serbische Bewohner des Kosova beteiligt. Dennoch möchte ich betonen, nicht alle Serben haben sich an solchen Grausamkeiten beteiligt, doch der Großteil war beteiligt. Auf die Mehrheit der Serben, die hier lebten, konnte Milośevič immer zählen. Und weil dieser größere Teil der Serben weiß, dass sie Schuld auf sich geladen haben, fühlen sie sich nicht sicher. Der internationale Faktor ignoriert diese Realität. Auch diejenigen Staaten, die eventuell eine Unabhängigkeit Kosovas akzeptieren würden, stehen unter dem Kommando der Staaten, die eine Unabhängigkeit verhindern wollen, mit dem Vorwand Mulitethnizität.

In Deutschland ist in vielen Presseorganen zu lesen, daß die Albaner jetzt genau so handeln, wie die Serben vorher. Was würden Sie zu dieser Argumentation, die beispielsweise der SPIEGEL gebracht hat, sagen?

So sehr diese Presseorgane, die Sie gerade zitieren, sich als unabhängig ausgeben, so sehr muss man doch diese Unabhängigkeit in Frage stellen. Sie vertreten nur Interessen. Wie ich bereits sagte, hat sich die Internationale Gemeinschaft zur Multiethnizität in jedem Fall verpflichtet. Deshalb setzen sie gleich, was nicht gleichsetzbar ist. Die Medien arbeiten nur für die Ziele ihrer Staaten. Die Gleichsetzung der Untaten des serbischen Militärs (Paramilitärs) mit den Taten der Albaner, die in Wirklichkeit keine Macht darstellen, die keine Regierung haben – die Regierung hat in Wirklichkeit Herr Kouchner – ist paradox. Eine ausführende oder vollziehende Macht haben die Albaner nicht. Seit die Internationale Gemeinschaft hier ist, haben Albaner keine reale Macht. Denn die Macht und die Autorität der UÇK wurde stets reduziert. Die UÇK wurde sogar moralisch attackiert von den internationalen Kräften. Sie haben sofort unsere Soldaten, unsere Kämpfer geschlagen, verhaftet, ihnen die Uniformen ausgezogen. Dadurch hat die NATO ihre Autorität bei den Massen verloren. Nun die Albaner, die über keinerlei Regierung, keinerlei Exekutivgewalt verfügen, mit dem vergangenen serbischen Staatsterror irgendwie gleichzusetzen, ist nicht nur unlogisch, sondern perfide. Aber man ist so unlogisch, wenn man ein bestimmtes politisches Ziel verfolgt.