Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
04:20
20.05.2019

 Dieses Interview führte Max Brym am 1. März 2000 in Prishtinë.

Wann wurde die freie und unabhängige Gewerkschaftsbewegung Kosovas gegründet? Was sind ihre Ziele?

Wir unternahmen am 30. April 1990, auf einer zentralen Konferenz, die Initiative, eine unabhängige und freie Gewerkschaft in Kosova zu gründen. Am 1. Juli 1990 wurde die unabhängige Gewerkschaft offiziell gegründet. Es war die Diskriminierung der albanischen Arbeiter in Kosova, die uns motivierte eine unabhängige Gewerkschafts-Bewegung zu gründen. Sie war notwendig, um den albanischen Arbeitern einen organisatorischen Rahmen gegen die serbische Staatsmacht zu geben.

Unsere Gewerkschaft war eine der ersten demokratischen Gewerkschaften auf dem Balkan. Wir wollten die Öffentlichkeit darüber zu informieren, was den Arbeitern widerfährt und wir wollten Kontakte zu Gewerkschaften in anderen Ländern aufnehmen. Ergebnis der Diskriminierung durch das serbische Regime war, dass 154.000 albanische Arbeiter in den 90er Jahren zwangsentlassen wurden. Die frei gewordenen Stellen besetzte das serbische Regime durch Menschen, die aus anderen Regionen des damaligen Jugoslawiens hierher gelockt wurden.

Wie leben die Arbeiter nach dem Krieg der NATO gegen Jugoslawien in Kosova unter dem Mandat der UNMIK?

Bis heute warten die meisten der ehemals beschäftigten albanischen Arbeiter darauf, endlich an ihre Arbeitsplätze zurückkehren zu können.

Woran scheitert denn das?

Es gibt verschiedene Gründe. Zum einen wurden viele technische Anlagen im Krieg zerstört, einige sind vollständig vernichtet; andrerseits sind wiederum etliche Anlagen technisch völlig veraltert. Zudem hat die Industrie keinen Absatzmarkt mehr. Das Entscheidende an der alten Industrie Kosovas war der Industriekomplex Trepça. Dieser Komplex funktioniert bis heute nicht. Wir hoffen aber auf die Wiederaufnahme der Produktion, doch bis dato gibt es keine Resultate.

Sind Sie an privaten Investitionen in Kosova interessiert? Sind Sie für eine Privatisierung der Ökonomie? Wenn ja, wie weit sollte diese Privatisierung gehen?

Als Gewerkschaft sind wir dafür, dass hier eine demokratische Gesellschaft entsteht, verbunden mit dem freien Markt. Natürlich sind wir dafür, dass dort, wo es möglich ist, schnell privatisiert wird. Jedoch sollte es eine Privatisierung sein, die im gesetzlichen Rahmen stattfindet und nicht den Interessen der Arbeiter entgegensteht.

Wir sind daran interessiert, dass die Privatisierung regulär durchgeführt wird, nicht aber, dass sich bestimmte Gruppierungen oder gar eine Mafia etablieren. Aufgrund des politischen Vakuums haben wir immer noch keine Gesetzgebung, die diese Frage lösen könnte. Wir Gewerkschafter werden uns natürlich engagieren, um diesen Prozess in Gang zu setzen. Wir werden uns an der Gesetzgebungsdebatte beteiligen. Diese Gesetzgebung muss die Interessen der Kosovaren berücksichtigen, besonders die der Arbeiter.

Dies ist wichtig, damit die Privatisierung nicht unkontrolliert vonstatten geht. Eine Gefahr dabei ist, dass sich diverse Gruppen hier in Kosova, einfach und ohne gesetzlicher Grundlagen, den Besitz verschiedener Unternehmen aneignen könnten.

Benötigen Sie internationale Unterstützung von Gewerkschaften aus Europa? Wenn ja, für welche konkreten Projekte?

Seit Gründung unserer Gewerkschaft arbeiten wir mit verschiedenen internationalen Gewerkschaften zusammen. Diese Zusammenarbeit muss fortgesetzt werden. Prinzipiell wollen wir mit westlichen Gewerkschaften und den Gewerkschaften in den USA zusammenarbeiten. Konkret benötigen wir Ausbildungshilfe für unsere Funktionäre von den genannten Verbänden. Sie könnten uns vertraut machen mit den Arbeitsbedingungen der westlichen Systemen. Natürlich ist auch eine Anschubfinanzierung für uns nötig, denn wir müssen lernen, unter den Bedingungen der freien Marktwirtschaft gewerkschaftlich zu arbeiten. Wir brauchen die Hilfe der westlichen Gewerkschaften bei der Umstellung unserer Arbeit, denn wir existieren erst zehn Jahre, in denen wir uns in der Halbillegalität befanden. Wir müssen lernen, mit westlichen Standards zu arbeiten. Früher hatten wir unser Büro in einer Baracke, die des öfteren untersucht und ich glaube insgesamt 33 mal vollständig zerstört wurde. Wir waren ständig mit Polizeibrutalität konfrontiert, demzufolge kann man nicht davon sprechen, dass wir Erfahrung haben mit normaler gewerkschaftlicher Arbeit. Unsere Arbeit war im wesentlichen auf die nationale Befreiung hin orientiert. Damals haben wir wenig speziell gewerkschaftliche Arbeit machen können, außer dem bereits erwähnten Bereich der Öffentlichkeitsarbeit. Nun werden wir es mit konkreten gewerkschaftlichen Fragen zu tun bekommen. Hier brauchen wir die Erfahrung von anderen Gewerkschaften wie man z.B. mit Privatisierungs-Initiativen umzugehen hat, wie Tarifverträge geschlossen werden usw.