Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
22:36
14.11.2018
Der Studentenvertreter Driton Lajçi ist Vorsitzender der unabhängigen Studentenunion Kosovas und gewählter Sprecher der Studierenden an der Universität Prishtinë. Er ist außerdem Mitglied der PPDK (Partei der Progressiven Demokraten; seit Juni 2000 PDK = Demokratische Partei des Kosova), deren Vorsitzender Hashim Thaçi ist.

Herr Lajçi, im Westen kann man oft lesen, die Albaner würden sich gegenüber der serbischen Minderheit so verhalten, wie sich früher die Serben gegenüber den Albanern verhalten haben. Was sagen Sie dazu?

Wer die Geschichte unseres Befreiungskampfes kennt sowie die Geschichte der serbischen Unterdrückungspolitik, kann unmöglich einen solchen Vergleich ziehen. Während unseres Befreiungskampfes haben wir einmal neun jugoslawische Soldaten gefangen genommen, sie anständig behandelt und dann freigelassen. Das war Anfang 1999. Wir haben nie gegen Frauen, Kinder und alte Menschen gekämpft. Hingegen hatten die paramilitärischen Einheiten des jugoslawischen Staates den Auftrag, einfach Angehörige des albanischen Volkes zu vertreiben, bzw. sie zu ermorden. Sie führten nur zum Teil einen militärischen Kampf. Sie vergingen sich an Frauen, Kindern und alten Menschen. Diese Moral liegt uns fern. Wir kämpften für ein anderes Ziel auch mit anderen Methoden. Die Übergriffe nach dem Krieg von Albanern gegen Angehörige anderer Nationalitäten lehnen wir zutiefst ab und versuchen, dagegen anzugehen.

Wie leben die Studenten der Universität Prishtinë jetzt? Wie ist ihre soziale Situation?

Wir bekommen keinerlei Geld. Bis jetzt gab es nicht eine einzige materielle Hilfsleistung für die Universität Prishtinë. Trotzdem haben wir erreicht, dass 120 Stipendien geschaffen wurden. Die Gelder haben die Studenten von Familienangehörigen aus dem Ausland erhalten. Trotzdem hat sich unsere Lage in politisch-moralischer Hinsicht verbessert, denn wir sind nicht mehr der rassistischen Diskriminierung durch das Belgrader Regime ausgesetzt. Dennoch finden wir die Zeit, unsere Stimme zu erheben und unserer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen. Was wir fordern, ist z.B. eine materielle Grundsicherung für die Studenten. Wir fordern die Freilassung aller albanischen Patrioten in serbischen Gefängnissen. Wir haben für diese Forderung auch schon zweimal vor dem UNMIK-Gebäude in Prishtinë demonstriert. In Wirklichkeit fühlen wir uns noch nicht frei, weil noch nicht alle Gebäude der Universität frei sind. Wir wollen an der Universität Platz schaffen für alle, die aus Kosova sind, egal welche Nationalität sie haben. Dennoch sind wir irgendwie zufrieden im Vergleich zu der Zeit, wo wir unseren Unterricht in privaten Räumen abhalten mussten. Unsere Forderungen sind also nicht nationalistisch. Aber natürlich wollen wir auch unsere Kommilitonen aus den serbischen Gefängnissen befreit wissen. Denn es sind besonders viele ehemalige Studenten darunter. Wir haben materielle Forderungen für uns selbst und wir fordern die Befreiung von Mitrovica.

In Deutschland benennen sich sehr viele albanische Clubs nach Jusuf oder Bardosh Gervalla und Kadri Zeka. Die genannten Personen befinden sich in einer linken Tradition und galten als Patrioten. Können Sie sich mit Ihnen identifizieren?

Ihre Orientierung war in der Tat links. Sie orientierten sich an Albanien und sie erhielten Unterstützung aus Albanien. Bekanntlich herrschte zur damaligen Zeit die Arbeiterpartei Albanien, zu der sie brüderliche Beziehungen unterhielten. Sie waren die ersten Gründer eines albanischen patriotischen Organismus und von daher bahnbrechend. Sie hatten Ende der 70er Jahre verstanden, dass eine Vereinigung aller Patrioten notwendig ist. Sie haben die Bewegung für eine albanische Republik in Jugoslawien gegründet, was gerade die Studenten der Universität Prishtinë inspirierte, im Frühjahr 1981 auf die Straße zu gehen und dafür zu kämpfen, dass sich ihre materielle Situation verbessert und dass Kosova eine Republik innerhalb Jugoslawiens wird. Der jugoslawische Staat gab damals eine terroristische Antwort. Er schickte 30.000 Besatzungssoldaten nach Prishtinë. Es gab einige 100 Tote und im Januar 1982 wurden die Brüder Gervalla und Kadri Zeka in Deutschland ermordet. Natürlich betrachten wir sie als Vorbilder. Die von ihnen inspirierte Volksbewegung des Kosova konnte immer am Leben gehalten werden und somit die Idee für ein unabhängiges Kosova zu kämpfen.

Gibt es an der Universität Prishtinë serbische Studenten oder Studenten anderer Nationalitäten?

Ja, aber dies ist natürlich problematisch. Teilweise werden sie von aufgebrachten Albanern attackiert. Wir haben alle serbischen Studenten eingeladen, an ihre Studienplätze zurückzukehren. Für einige Zurückgekehrte organisierten wir einen studentischen Sicherheitsdienst, damit nichts passiert. Das wurde uns allerdings von der internationalen Polizei verboten. Sie erklärten, wir dürften uns keine quasi-staatlichen Funktionen anmaßen. Das Resultat ist, dass jetzt zweimal in der Woche zwei deutsche Polizisten um einen Häuserblock herumschleichen und so für Sicherheit sorgen wollen. Wir hingegen werden für illegal erklärt.

In Deutschland tauchte die Behauptung auf, dass die Albaner antisemitische Aktionen durchführen würden. Ist das wahr?

Das ist glatt gelogen. Ich weiß nicht, wie man auf so etwas kommt. Zum Beleg: In der Nähe der Universität befindet sich ein alter jüdischer Friedhof, der von den Studenten gepflegt wird. Wenn Sie ihn besichtigen wollen, müssen Sie allerdings eine Kopfbedeckung tragen. Ich weiß nicht, ob Sie das wissen. Eine offizielle jüdische Gemeinde gibt es schon seit langer Zeit nicht mehr ...

Haben Sie schon einmal bei Herrn Bukoshi nachgefragt, der in Deutschland immer wieder in den Medien vorkommt und von dem bekannt ist, dass er einen millionenschweren Fonds hat, ob er nicht Geld für die Studenten übrig hätte?

Der Herr Bukoshi war einmal an der Universität und bot uns Geld an. Allerdings machte er die Zahlung von Bedingungen abhängig. Eine seiner Forderungen war, dass wir aufhören sollten, mit der UNMIK-Verwaltung unzufrieden zu sein. Das andere war, er akzeptierte die Leitung unseres Studentenverbandes nicht und fordere eine andere, nur dann würde er Geld geben. Wir erklärten dem Herrn, dass er sofort verschwinden solle. Denn wir lassen uns von ihm und seinen Vermögen, auf dem er wohl sitz, nicht kaufen. In Deutschland macht man einen Fehler, wenn man oft Herrn Bukoshi wohlwollend in der Presse zitiert, denn dieser Herr ist eher negativer Natur.