Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
06:19
20.05.2019
Helle Empörung herrscht in den Schaltzentralen der UNMIK über die Farbbeutel, die gegen ihre Einrichtungen am 28. Mai in Prishtina flogen. Sichtlich irritiert ist man über die Tatsache, dass offensichtlich viele Menschen in Kosova, die UNMIK nur noch ARMIK ( Feind) nennen. Das erstarken der LPV ( Bewegung für Selbstbestimmung) wird fassungslos registriert. Die koloniale UNMIK Struktur im Bund mit privilegierten einheimischen Clans versucht über wüsteste Hetze gegen die LPV aus ihrem Dilemma herauszukommen. Die Farbbeutel und Steine die in Prishtina, Parlament und den Sitz der UNMIK trafen, werden zu „terroristischen Exzessen“ erklärt.

Die Realität lehrt jedoch, dass es gegen imperiale Arroganz, Rassismus und gegen soziale Grausamkeiten in vielen Staaten Europas Widerstand, in noch viel intensiverer Form gab und gibt. Erinnert sei hier an die Proteste in Budapest, oder an die Jugendrevolte in Frankreich. Die einfachen Menschen in Kosova wünschen ein selbstbestimmtes Leben, mit sozialen Standards, sie haben den Wunsch über das Schicksal ihres Landes selbst zu entscheiden. Dem gegenüber steht die UNMIK, der serbische Staat und die korrupte politische Kaste in Kosova. Die Menschen in Kosova werden ihre Unterdrückung nicht weiter tatenlos hinnehmen. Das konservative Gestammel in den kosovarischen Medien und der hilflose Ruf nach „Ruhe und Ordnung“ wird an dieser Realität nichts ändern. Solange die soziale und nationale Frage in Kosova nicht angepackt wird, wird es Widerstand geben. Der Widerstand muss sich verschärfen, denn es gibt keinen Indikator der den Menschen in Kosova von AUßEN oder OBEN ein besseres Leben in Aussicht stellt. Ziemlich gut begriff dies der bürgerlich-liberale deutsche Journalist Ernst Köhler. Auszugsweise drucken wir eine Rede von ihm, die vollständig in der Dezembernummer des Magazins „Kommune“ nachzulesen ist ab. Der Text trägt zum Verständnis der Lage in Kosova bei.

 

Dokumentation

 

Ernst Köhler„Zweitklassige Krisenzone“
Über die Zukunft des Balkan


Es gibt im Kosovo eine außerparlamentarische Bewegung von heute mindestens 5000 aktiven, hochmotivierten Mitgliedern - jüngeren Menschen meist, die das Protektorat als antidemokratische und sogar „kolonialistische“ Veranstaltung frontal angreifen und in phantasievoller Gewaltlosigkeit gegen die laufenden Verhandlungen protestieren. „Jo Negociata – Vetevendosje!“ („Keine Verhandlungen – Selbstbestimmung!“ lautet die Parole, die man überall im Land an den Mauern findet.Das zweite Beispiel für ein Europa im Zwielicht, für ein Europa von ungewissem Verantwortungsbewußtsein, ist anders gelagert. Wir verdanken es der jüngsten Kosovo-Studie der European Stability Initiative (ESI), einem angesehenen Think Tank: „Cutting the lifeline“ (18.September 2006, Berlin und Istambul). Die Rettungsleine, die man hier kappt, ist die massenhafte Arbeitsemigration junger Männer aus dem ländlichen Kosovo nach Westen: nach Deutschland, in die Schweiz, nach Österreich. Sie hat über Jahrzehnte die Armut in diesen Dörfern gemildert. Seit dem Ende des Kosovo-Konfliktes 1999 sieht sie sich systematisch unterbunden – bis auf die Familienzusammenführung. Allein Deutschland hat seit 1999 100 000 Kosovo-Albaner abgeschoben. Die Transferleistungen von Generationen von albanischen Arbeitnehmern nach Hause haben den Lebensstandard sichern und erhöhen helfen. Aber sie haben keine neue und nachhaltige ökonomische Dynamik auf dem Land in Gang gesetzt. Und sie haben auch die patriarchalische Großfamilie nicht angerührt, in der die verheirateten Söhne im Haus bleiben und die wenigsten Frauen selber berufstätig sind – ein Sonderfall im ehemaligen Jugoslawien und auf dem Balkan, wo diese Lebensform sonst nirgends die Epoche des Sozialismus überdauert hat. Weder in der EU noch auch in Prishtina selbst scheint diese sich längst in aller Deutlichkeit abzeichnende Krisensitation bislang ein politisches Thema zu sein. Das Kosovo hat die höchste Geburtsrate Europas. Wo aber sollen die jedes Jahr in großer Zahl heranreifenden jungen Menschen arbeiten, wenn es im Kosovo selber keinen aufnahmefähigen Arbeitsmarkt gibt, in der ländlichen Provinz schon garnicht, und wenn Westeuropa sie nicht mehr hereinläßt? Und was geschieht, wenn sich unter diesem Druck, in diesem Stau von hoffnungslosen Menschen die traditionelle Form der Familie schnell und chaotisch zersetzt? Wir unterhalten die KFOR. Die EU steckt viel Geld in den Aufbau einer professionellen und integren Polzei im Kosovo. Aber welche Perspektiven bietet Europa der Jugend dort? Ich zitiere aus der Einleitung der Studie: „Die Außenministerien Europas ringen um eine dauerhafte politische Lösung für das Kosovo. Die europäischen Innenministerien sind vor allem damit befaßt, wie jede weitere Migration aus dem Balkan zu verhindern sei. Diese beiden Zielvorstellungen sind in fundamentaler Weise inkonsistent miteinander.“


Sie richtete sich gegen eine Unmik, die aus albanischer Sicht ihre elementarsten politischen Hausaufgaben nicht gemacht hatte und die das Land wirtschaftlich völlig herunterkommen ließ: keine Kontrolle über Nord-Mitrovica; kein klarer Zeitrahmen für die Beendigung des halbstaatlichen Schwebezustandes; Abschreckung der so dringend benötigten Investoren; Ausschluß des Landes aus allen lebenswichtigen internationalen Klubs; offiziell ausgestellte Papiere, die an der Grenze nicht anerkannt wurden; Respektierung des zweifelhaften serbischen Staatseigentums an Bodenschätzen, Minen, Kraftwerken, Industrieanlagen mit allen Folgen des Zerfalls; entnervende Unterversorgung mit Elektrizität bei enormen Braunkohlevorkommen; eine Massenarbeitslosigkeit von einem Niveau, die heute keine europäische Gesellschaft mehr lammfromm erträgt – jedenfalls keine Gesellschaft, die Mittel- und Westeuropa so intim kennt, wie die kosovo-albanische.“