Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
05:25
20.05.2019

Sehr geehrte Redaktion von Kosova- Aktuell. Meine drei Söhne sind über Serbien nach Ungarn und dann nach Deutschland geflüchtet. Wie in vielen einschlägigen Quellen berichtet wurde haben sie keinerlei Chance auf politisches Asyl. Meine Söhne haben sich auch nicht als Asylbewerber in Deutschland gemeldet. Der Grund ihrer Flucht besteht darin, dass sie in Kosova keinerlei Perspektive für künftiges

Leben mehr sahen. Alle drei zwischen 17 und 29 Jahren waren ohne Arbeit und ohne Einkommen. Sie versprachen mir vor ihrer Abreise mir aus Deutschland Geld zuzuschicken. Ich wollte ihre Abreise unbedingt verhindern, aber es gelang mir nicht. Beim schreiben dieser Zeilen habe ich Tränen in den Augen. Wie konnte es nur so weit mit unserem Land kommen. Eine kleine Schicht stellt ihren Reichtum zur Schau und die große Masse lebt in Armut oder in extremer Armut. Für mich persönlich bleiben pro Tag weniger als zwei Euro. Wie Sie sicher wissen ist die Preislage hier in vielen mit der Preislage in Deutschland vergleichbar. Wir können oft nicht zum Arzt gehen, denn er kostet Geld. Ein Krankenhausaufenthalt ist ebenfalls ein finanzielles Risiko. Der Satz „wenn du arm bist musst du früher sterben“ gilt besonders in Kosova. Unser Land ist das ärmste Land in Europa. Endgültig zur Flucht haben sich meine Söhne, ohne mein Zutun nach der im Dezember eingesetzten neuen Regierung Mustafa-Thaci entschlossen. Sie hatten offensichtlich jegliche Hoffnung verloren. Sie glaubte nicht mehr daran, dass man die Zustände hier verändern kann. Was jetzt mit ihnen passiert kann ich nur vermuten. Offensichtlich versuchen Sie sich illegal als Schwarzarbeiter in einem Land der EU durchzuschlagen. Dieser Brief an Sie ist von meiner Seite aus anonym in einem Internetcafé verfasst. Denn ich möchte nicht, dass sie irgendwelche Schwierigkeiten mit deutschen Ermittlungsbehörden bekommen. Ich hoffe meinen Söhnen leben halbwegs normal. Allerdings bin ich der Meinung: Wir müssen hier in Kosova und in Gesamteuropa, die Lage radikal verändern. Der Kapitalismus ist eine nicht mehr zu akzeptierende Menschheitsplage. Bitte setzen Sie sich für menschenwürdige Bedingungen für die albanischen Emigranten in Deutschland ein. Gerade Deutschland befördert hier die neoliberalen Privatisierungsprozess und ist eng verbunden mit der hier dominierenden politischen Mafia. Deutschland trägt Mitverantwortung für die Misere in Kosova. Momentan bin ich zwar sehr traurig aber noch nicht völlig mutlos. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass Verhältnisse geändert werden können. Wir müssen hier in Prishtina auf der Straße und sie müssen in Deutschland den herrschenden Rassismus bekämpfen.

Mit vielen Grüßen- trotz allem von einer kämpferischen Frau aus Kosova.

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