Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
17:47
13.11.2018

Im Gespräch gerade mit den Stillen im Kosovo konnte man auf nachhaltige Vorbehalte gegen das von der EU 2013 vermittelte Normalisierungsabkommen zwischen Serbien und Kosovo treffen. Ob es nicht zu früh sei für diese Sorte Politik? Keine Wunde des

Krieges von 1998/1999 sei bereits verheilt. Die Toten, Verschleppten, Vermissten seien noch sehr gegenwärtig. Alles das eher leise. Als Ausdruck von persönlicher Verlusterfahrung und Trauer. Aber die EU-Diplomatie schien mit ihren Versprechungen, Anreizen und Methoden der Druckausübung dennoch erfolgreich. Vor allem in Belgrad, das spätestens unter Aleksandar Vucic die altgewohnte nationalistische Instrumentalisierung der Serben im Kosovo mit Blick auf den EU-Beitritt fallen ließ. Samt dem ohnehin kaum noch anschlussfähigen, wilden Separatismus der Serben in Nordkosovo, die sich schließlich den Vorgaben aus Belgrad beugen und mit einer Autonomie im Rahmen des Staates Kosovo zufrieden geben mussten.

 

Jetzt zeigt sich aber, dass diese so selbstgewiss agierende Diplomatie ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Der gesamte Verhandlungsprozess ist -

wie ja nicht unüblich in der EU – auf Regierungsebene abgewickelt worden, ohne Einbeziehung der Parlamente der beiden Staaten. Das mag in Serbien funktionieren, wo ein „starker Mann“ mit plebiszitärer Resonanz alle Zügel der Macht in Händen hält und auch die Massenmedien autokratisch kontrolliert. Aber nicht im Kosovo, wo sich eine längst bis auf die Knochen delegitimierte, von breiten Segmenten der Bevölkerung nur noch verachtete und gehasste Kaste an der Macht festklammert. Und zwar – was ihre Position noch unhaltbarer macht – mit langjähriger, eiserner Unterstützung des Westens. Man versteht nichts von dem, was im Kosovo politisch passiert, wenn man diese beiden spezifischen, sich miteinander verquickenden Enttäuschungen der albanischen Mehrheitsbevölkerung unbeachtet lässt: die Verbitterung über die einst verehrten Befreier von der UCK, die sich in neue Herrenmenschen verwandelt haben und den jungen Staat bedenkenlos deformieren und ausnehmen; die Enttäuschung über das geliebte Amerika und das bewunderte Europa, die sich im Interesse einer leeren, entwicklungsfeindlichen „Sicherheit“ zu Komplizen dieser verkommenen Führungsschicht gemacht haben.

 

Die linksnationale Bürgerbewegung und Partei Vetevendosje (Selbstbestimmung), seit 2014 drittstärkste Kraft im Parlament, verdankt ihren Aufstieg dieser doppelten Desillusionierung. Mit ihrer militanten Opposition - zuletzt auch mit Tränengas-Attacken im Parlament - gegen die der serbischen Minderheit eingeräumten weitgehende Autonomie allein hätte die Partei das kaum geschafft. Kosovo hat heute keine Angst vor den Serben mehr. Und auch nicht vor einem serbischen „Staat im Staate“. Wer einmal mit Albin Kurti, dem politischen Kopf der Bewegung, gesprochen hat, weiß auch, dass der Mann alles andere ist als ein Nationalist ethnischer Beschränktheit. Er selbst sieht sich als ein Kämpfer gegen die als neo-kolonialistisch wahrgenommene Verfügungsgewalt der mächtigen Staaten des Westens über sein nur formell unabhängiges Land. Ist das so falsch?

kaos