Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
11:52
30.11.2020

Vollbild anzeigenGegenwärtig gibt es in Kosovo eine Offensive von fundamentalistisch islamischen Organisationen gegen den Laizismus im Schulsystem Kosovas. Diese Offensive nützt die katastrophale soziale Lage in Kosova aus, um mittels sozialer Geschenkpolitik in den Moscheen, die Massen vom Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung abzuhalten.Zusätzlich haben die Islamisten die Funktion, die Menschen anhand religiöser Linien zu spalten. Dies ist der  -----Foto Brücke in Prizren-----

 

 eindeutige Versuch mit der Tradition der „ Liga von Prizren“ zu brechen welche laizistisch orientiert war. Dennoch ist es immer wieder interessant sich mit der religiösen Geschichte in Kosova zu befassen. Anbei dokumentieren wir einen Artikel von Thomas Fuster aus der „ Neuen Züricher Zeitung“ von 01.10.11 zum Thema Sufismus in Kosova.

 

Dokumentation Sufismus im Kosovo Die Derwische von Prizren

 

 

Das Kosovo ist ein mehrheitlich muslimisches Land. Religion spielt dennoch eine untergeordnete Rolle. Entsprechend tolerant zeigt man sich gegenüber alternativen Lesarten des Islam, etwa den seit Jahrhunderten im Land anzutreffenden Derwischorden. Von Thomas Fuster

Am 14. Dezember 2001 änderte sich das Leben von Abidin Shehu grundlegend. Vor diesem Tag war Abidin ein Jugendlicher wie viele andere auch in Prizren – einer, der mit seinem Motorrad durch die Straßen raste, in Diskotheken aufkreuzte und, so erzählt man sich in der Stadt, am liebsten DJ geworden wäre.

Doch aus der DJ-Karriere wurde nichts. Denn mit jenem Dezembertag vor zehn Jahren begann der Ernst des Lebens: Abidin übernahm im jungen Alter von 19 Jahren die Leitung eines Derwischordens, der seit neun Familiengenerationen in Prizren, einer Stadt im Süden Kosovos, angesiedelt ist.

Im Kreis der Ahnen

Der Verantwortung – und wohl auch Bürde – der familiären Herkunft wird man gewahr, wenn man das Zentrum des Ordens, die sogenannte Tekke, in der pittoresken Altstadt von Prizren besucht. Direkt beim Eingang

Aus Anatolien kommend, machten sich dort im Laufe der Zeit auch Derwischorden breit. Es habe damals große Unsicherheit geherrscht, was toleriert war und was nicht. Nach dem Tod des Großvaters, der sich oft mit den Kommunisten anlegte, durfte dessen Leichnam auf amtliche Weisung nicht in einen Sarkophag der Tekke gelegt werden. Er musste begraben werden. Im Nachhinein wurden die Überreste gleichwohl in den Kreis der Ahnen übergeführt, wie von der Tradition vorgesehen.

Auch im Kosovokrieg 1998/99 ging der Orden auf Distanz. Das war insofern glaubwürdig, als die Derwische dem Pazifismus des Sufismus nahestehen und kaum zur Waffe greifen. Aufgrund der liberalen Auslegung des Koran gab es auch keine Schnittflächen mit radikalen oder politischen Lesarten des Islamismus, wie sie etwa von Wahhabiten vertreten werden.

Als Feindbilder eines drohenden Islamismus taugten die Derwische daher kaum. Gänzlich verschont wurden sie in den Kriegsjahren dennoch nicht. In Orahovac – neben Prizren und Gjakova ein weiteres Zentrum der Derwische in Kosovo – wurde ein älterer Sheik ermordet; fünf Tekken wurden zudem zerstört und bei Brandanschlägen wertvolle Bibliotheken vernichtet.

Ehemals christliche Region

Doch die Derwische haben im heutigen Kosovo schon viele Konflikte kommen und gehen sehen. So begann die Islamisierung der ehemals christlich dominierten Region bereits im 15. Jahrhundert, fast zeitgleich mit der osmanischen Eroberung.

Es dauerte bis zirka 1800, ehe die Muslime die Mehrheit stellten. Ein nicht unwesentlicher Grund für die Konversion waren die hohe Steuern, die Christen abverlangt wurden. Für orthodoxe Serben war der Wechsel der Religion zudem eine Art Rückversicherung gegen Übergriffe der Muslime.

Islamisierungsschübe erfolgten daher oft nach militärischen Krisen der Osmanen, weil dann der steuerliche Druck und die Aggressivität gegenüber Christen besonders zunahmen. Zwar erfolgte die Islamisierung vor allem in sunnitischer Ausprägung, der bis heute dominanten Religion Kosovos. Aus Anatolien kommend, machten sich aber auch Derwischorden breit.

Obschon zahlenmäßig klar untergeordnet, sprachen die Orden mit ihrer Mystik breite Bevölkerungskreise an. Die angebotenen Riten, die im Unterschied zu sunnitischen Praktiken auch Tanz und Musik umfassten, versprachen eine persönlichere und unmittelbarere Beziehung zu Gott. Angesprochen fühlten sich davon nicht zuletzt weniger gebildete Christen; dies auch deshalb, weil die Sufis ihre Überzeugungen recht unkompliziert an lokale christliche Traditionen anpassten, was den Übertritt zu dieser heterodoxen Form des Islam entsprechend erleichtert hat.

Wie viele Kosovaren heute Mitglieder eines Derwischordens sind, ist unklar. Dies hat zum Ersten damit zu tun, dass diese Gruppe in religiösen Erhebungen nicht separat aufgeführt, sondern der großen Mehrheit der Muslime, bestehend aus Albanern, muslimischen Slawen, Roma und Türken, zugeordnet wird. Zum Zweiten führen die einzelnen Tekken nur Buch über die Grösße der eigenen Orden. Offizielle Daten zur Zahl aller Kosovaren, die sich einer der insgesamt über 50 Tekken im Land zugehörig fühlen, existieren daher keine. Schätzungen gehen aber davon aus, dass bis zu fünf Prozent der 1,77 Millionen Einwohner dieser Gruppe zuzuordnen sind.

Religion als Nebensache

Das Verhältnis gegenüber anderen Muslimen ist unverkrampft, namentlich in Prizren, das seit je als Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen gilt. Da die Derwische hier seit Jahrhunderten ihren Traditionen nachleben, hat man sich aneinander gewöhnt.

Unbelastetes Verhältnis zu anderen Religionsgemeinschaften: "Auch der Krieg zwischen der albanischen Mehrheit und den Serben war nie in erster Linie ein Konflikt zwischen Muslimen und orthodoxen Christen", schreibt Thomas Fuster. Die liberale Islam-Interpretation der Derwische provoziert bei einigen Sunniten gleichwohl Stirnrunzeln, etwa wenn in einigen Orden die Gebetsrituale ohne geschlechtliche Trennung erfolgen oder wenn auch im Genuss von Alkohol nichts Negatives gesehen wird. Einige Kritiker verurteilen zudem die von den Derwischen betonte Einheit der Existenz als eine Gleichsetzung von Gott mit dem Universum und somit als eine Form des Pantheismus.

Doch laute Auseinandersetzungen haben diese Differenzen keine zur Folge. Den Derwischen, deren Rituale in der Türkei nach Ausrufung der Republik durch Atatürk verboten wurden, kommt in Kosovo entgegen, dass Religion in der Öffentlichkeit eine untergeordnete Rolle spielt. Auch der Krieg zwischen der albanischen Mehrheit und den Serben war nie in erster Linie ein Konflikt zwischen Muslimen und orthodoxen Christen.

So definieren namentlich die Kosovo-Albaner ihre Identität nicht durch die Religion, sondern durch die Sprache. "Die Religion der Albaner ist das Albanertum", lautet das berühmte Diktum von Pashko Vasa, einem albanischen Schriftsteller aus dem 19. Jahrhundert; die Aussage gilt noch heute.

Es ist diesem vergleichsweise unreligiösen Umfeld zu verdanken, dass die Derwische laut einer Analyse der International Crisis Group in Kosovo eine weit gewichtigere Rolle spielen als in jeder anderen islamisch geprägten Gesellschaft der Region. Zwar sind Derwische auch in benachbarten Ländern anzutreffen, namentlich in Albanien, im westlichen Mazedonien oder im südserbischen Presevo-Tal.

Doch die Aversion der Kosovo-Albaner, sich eine islamische Identität überstülpen oder die Religion in die Politik einfließen zu lassen, dürfte die Toleranz gegenüber anderen Religionen und alternativen Interpretationen des Islam in besonderem Maß gefördert haben.

Sheik Abidin verströmt denn auch die Aura des Selbstverständlichen, des Bodenständigen. Er versteht die Führung des Ordens nicht zuletzt als rechtschaffenen Beruf, frei von jedem Standesdünkel. Anders als in der Türkei, wo die Derwische angesichts der rigiden Kontrolle alles Religiösen durch den Staat zur blossen Touristenattraktion verkommen, bleiben die kosovarischen Derwische im Alltag der Mitglieder verankert. Man klopft beim Sheik an, holt sich Rat, betet zusammen und geht zurück an die Arbeit. Das schafft Bande über Generationen und Landesgrenzen hinweg.

Beim Besuch der Tekke treffen wir auf einen Kosovaren, der seit Jahren in der Schweiz lebt. Der Besuch beim Derwischorden, so versichert er uns, steht bei seinen Ferien in der Heimatstadt stets an oberster Stelle.

Thomas Fuster

© Neue Zürcher Zeitung 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de