Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
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17.10.2019
Der Saal tobt, der Redner schwitzt, gestikuliert, der moderne Störphilosoph Zizek beherrscht sein Publikum an einer Universität. Auch in Kosovo ist Zizek der akademischen Jugend ein Begriff  Viele Kritiker von Slavoj Zizek, bezichtigen ihn der Oberflächlichkeit, der Geschwätzigkeit, sie kritisieren seine „billigen Vergleiche“. Einig sind sich Befürworter und

Gegner, der Denk und Schreibweise von Zizek, in der Feststellung, dass er ein Phänomen ist. In der Tat,Slavoj Žižek geboren am 21 März 1949 in Lubljana in Slowenien wurde in den letzten Jahren als Philosoph, Filmkritiker, Kulturkritiker und Psychoanalytiker sehr populär. Bekannt geworden ist er insbesondere durch seine einflussreiche Übertragung und Weiterentwicklung der Psychoanalyse von Jacques Lacan in das Feld der allgemeinen Kulturdebatte und seiner Gesellschaftskritik. Zizek wird oft der Strömung des Poststrukturalismus zugerechnet. Dieser Einordnung widersetzt sich Zizek vehement. In seinem Buch- Den Mut den ersten Stein zu werfen- bezieht er sich entschieden auf den dialektischen Materialismus. Zizek ist ein undogmatischer Denker, der sich positiv auf den Marxismus beruft. Damit ist Zizek eine Ausnahmeerscheinung im philosophischen Diskurs. In seinem Buch- Die Revolution steht bevor- bezieht er sich positiv auf Lenin, in scharfer Abgrenzung zum Stalinismus. Für ihn ist nicht das Ende der Geschichte erreicht, sondern nach dem Scheitern des Stalinismus, steht für Zizek die Frage nach dem Ende des Kapitalismus auf der Agenda. Auf den Einwand, der Sozialismus könne nicht funktionieren, antwortet Zizek in seinem neuesten Buch -Auf verlorenem Posten- : „In jeder guten Hollywood Komödie funktioniert die Ehe erst beim zweiten mal mit dem selben Partner“. Wie konkret Zizek mit der Realität umgeht belegen einige Auszüge aus dem Artikel ,“Die Mauer, 20 Jahre später“, Zizek schreibt: „Üblicherweise wird betont, was für eine "wunderbare" Fügung die Ereignisse vor zwei Jahrzehnten waren: Ein Traum war in Erfüllung gegangen, das Unvorstellbare war endlich eingetreten, Dinge, die einige Monate zuvor noch undenkbar erschienen - freie Wahlen, der Untergang der kommunistischen Regime, die zusammenfielen wie Kartenhäuser. Wer hätte in Polen mit freien Wahlen gerechnet und mit Lech Walesa als Präsident?“ Dann aber tritt nach Zizek ein scheinbares Paradoxon auf, Zizek erläutert: „Allerdings ist noch viel verwunderlicher, was einige Jahre später passierte: Die Rückkehr der Alt-Kommunisten an die Macht durch freie demokratische Wahlen, in denen Walesa an Popularität zurückstand hinter General Wojciech Jaruzelski, der 15 Jahre zuvor die Gewerkschaft Solidarität durch Ausrufung des Kriegsrechts in den Untergrund verbannte.“ Dieses Paradoxon können sich liberale und bürgerliche Autoren nicht erklären. Meist gibt es dazu nur diverses Schulterzucken, oder man attestiert den Menschen im ehemaligen Ostblock fast schon einen genetischen Defekt. Anders Zizek, welcher weiter ausführt:“ Als Erklärung für diesen zweiten Gesinnungswandel wird stets die "unreife" Erwartungshaltung des Volkes herangezogen, das einfach keine realistische Vorstellung vom Kapitalismus gehabt habe. Die Menschen wollten kapitalistisch-demokratische Freiheit und materiellen Wohlstand, waren aber nicht bereit, dafür in einer "Risikogesellschaft" zu leben, also auf die Sicherheit und Stabilität zu verzichten, die von den kommunistischen Regierungen (mehr oder weniger) garantiert worden waren.“ Diese Rezension der Thesen liberaler durchaus intellektueller Schwadroneure ist völlig zutreffend. Zizek betrachtet die „Sozialismus Nostalgie“ im Osten mehr oder weniger als Trauerarbeit. Konkret setzt er sich mit den aufkommenden Rechtspopulisten in Osteuropa auseinander, Zizek lehnt es aber ab, faschistische Strömungen nur auf Osteuropa zu zentrieren Zizek schreibt: „Das Aufkommen von rechtspopulistischen Bewegungen ist keine Spezialität von Osteuropa, sondern ein häufig zu beobachtendes Phänomen in Ländern, die vom Strudel der Globalisierung erfasst werden. Interessant ist allerdings die Wiederbelebung des Antikommunismus fast zwanzig Jahre nach der Wende; sie erlaubt die einfache Beantwortung der Frage: Wenn der Kapitalismus so viel besser ist als der Sozialismus, wieso geht es uns dann immer noch so schlecht? Der Grund liegt darin, dass wir gar keinen richtigen Kapitalismus haben, weil die Kommunisten immer noch am Ruder sitzen, maskiert als Firmenbesitzer und Manager.“ In der Tat, die ehemaligen Kommunisten in Osteuropa liefern weiterhin antikommunistisches Material, indem sie getarnt als Sozialisten, dem Kapitalismus Tür und Tor öffnen und sich dabei selbst bereichern. Dazu meint Slavijo Zizek: „Die meisten Menschen, die in Osteuropa gegen das kommunistische Regime protestierten, wollten deswegen noch lange keinen Kapitalismus. Sie wollten Solidarität und ein Minimum an Rechtsstaatlichkeit; sie wollten die Freiheit, ihr Leben außerhalb der staatlichen Kontrolle zu führen, sich zusammenzufinden und frei zu reden; sie wollten einfach ein aufrichtiges Dasein führen, frei von der primitiven ideologischen Indoktrinierung und der herrschenden zynischen Heuchelei. Wie viele Beobachter bemerkten, waren die meisten Ideale, die sich die Demonstranten auf die Fahnen schrieben, direkt der herrschenden sozialistischen Ideologie selbst entlehnt. Die Menschen wollten etwas, das man vielleicht am besten als "menschlichen Sozialismus" beschreibt.


Ist denn der Kapitalismus wirklich die einzige Antwort auf die sozialistische Utopie? War das, was auf den Fall der Mauer folgte, wirklich die Ära eines gereiften Kapitalismus, der alle Utopien getrost hinter sich lassen durfte? Und wenn diese Ära selbst auf einer Utopie beruhte? Der 9. November 1989 läutete die "glücklichen 90er" ein, Francis Fukuyamas Utopie vom "Ende der Geschichte", die Überzeugung, die liberale Demokratie habe alles in allem gesiegt, die Suche sei beendet, eine globale, liberale Weltgemeinschaft stehe unmittelbar bevor und einem drehbuchgerechten Happyend so gut wie nichts im Wege (außer vielleicht hier und da etwas Widerstand von den alten Führern, denen nicht klar ist, dass ihre Zeit abgelaufen ist).“ Zizek setzt diesem Trugschluß personifiziert durch Francis Fukuyama, in all seinen Büchern, die Realität und eine Vision entgegen. In dem Artikel -Die Mauer 20 Jahre später- ist dieser Gegenpool zur kapitalistischen Ausbeutung und zum Stalinismus, die Person Wiktor Krawtschenko. Zizek schreibt: „Erwähnt sei hier das Schicksal von Wiktor Krawtschenko, dem sowjetischen Diplomaten, der 1944 während eines Aufenthaltes in New York überlief und dann seine berühmte Autobiographie "Ich wählte die Freiheit" schrieb. Dieses Buch war der erste ernstzunehmende autobiographische Bericht über die Gräuel des Stalinismus, angefangen mit einer sehr genauen Schilderung der Zwangskollektivierung und der Hungersnöte in der Ukraine, wo Krawtschenko, in den 1930ern noch ein treuer Diener des Systems, selbst an der Durchführung der Kollektivierung beteiligt war.

Die breite Öffentlichkeit ist über seinen Werdegang nur bis zum Jahr 1949 informiert, als er in Paris den großen Prozess gegen seine sowjetischen Ankläger glorreich gewinnen konnte, obwohl man sogar seine Ex-Frau vor Gericht geladen hatte, damit sie aussagen konnte, dass Krawtschenko korrupt und dem Alkohol verfallen sei und seine Frau und Kinder geschlagen habe. Weniger bekannt ist hingegen die Tatsache, dass Krawtschenko unmittelbar nach dem Prozess, als man ihn weltweit als Helden des Kalten Krieges feierte, sich intensiv mit McCarthys Hexenjagd in den USA befasste und öffentlich erklärte, dass McCarthys Art, den Stalinismus zu bekämpfen, sich nicht sehr von den Methoden seiner verhassten Gegner unterscheide.

Zu jener Zeit fielen ihm auch immer mehr die sozialen Missstände in der westlichen Welt auf, und er machte es sich zur Aufgabe, nun auch die demokratischen Gesellschaften des Westens entscheidend zu verändern. Zunächst schrieb er eine kaum bekannte Fortsetzung zu seinem ersten Buch, die den bedeutsamen Titel "Ich wählte die Gerechtigkeit" trug.

Dann machte er sich daran, eine neue, weniger ausbeuterische Form der Produktion zu entwickeln. So verschlug es ihn nach Bolivien, wo er sein Geld investierte (und verlor), um verarmte Bauern in neuen Kollektiven zu organisieren. Das Scheitern seiner Unternehmung verkraftete er nicht, und so zog er sich nach New York ins Privatleben zurück und beging schließlich Selbstmord.

Heute tauchen überall neue Krawtschenkos auf - in den USA, in Indien, China und Japan, in Lateinamerika und Afrika, im Nahen Osten sowie in West- und Osteuropa. Sie sind ganz verschieden und sprechen unterschiedliche Sprachen, aber es sind mehr, als man denkt, und die größte Angst der momentan Herrschenden besteht darin, dass ihre Stimmen sich erheben und gegenseitig verstärken und sich solidarisch zusammenschließen werden.

Es ist ihnen bewusst, dass wir womöglich auf eine Katastrophe zusteuern, und sie sind bereit, allen Widrigkeiten zum Trotz zu handeln. Enttäuscht vom Kommunismus des 20. Jahrhunderts, sind sie bereit, von vorn anzufangen und den Kampf für Gerechtigkeit von einem neuen Standpunkt aus wieder aufzunehmen.

Von den Feinden als gefährliche Utopisten in Verruf gebracht, sind sie die einzigen, die wahrlich aufgewacht sind aus dem Traum von einer Utopie, den die meisten von uns noch träumen. Sie (und nicht diejenigen, die dem "real existierenden Sozialismus" des 20. Jahrhunderts nachtrauern) sind die wahre Hoffnung der Linken.“ Diese Haltung von Zizek ist im Kern sehr bemerkenswert und diskussionsfähig.

 

Textquelle http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/themen/

Wer sich mit dem Denker Zizek näher befassen will sollte einige Bücher von Slavijo Zizek lesen. Hier eine kurze Zusammenstellung.

Zlavoj Zizek

dt. Ausgaben: Ein Triumph des Blicks über das Auge. Psychoanalyse bei Alfred Hitchcock. Turia + Kant, Wien 1998, 3. Aufl. 2000, ISBN 978-3-85132-161-6; Was Sie immer schon über Lacan wissen wollten und Hitchcock nie zu fragen wagten. Suhrkamp, Frankfurt 2002, ISBN 3-518-29180-7

  • Grimassen des Realen. Jacques Lacan oder die Monstrosität des Aktes. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1993, ISBN 3-462-02253-9

  • The Metastases of Enjoyment. Six essays on woman and causality. Verso, 1994, ISBN 0-86091-444-5

  • dt. Ausgabe: Die Metastasen des Genießens. Sechs erotisch-politische Versuche. 2. Auflage. Passagen Verlag, Wien 2008 (übersetzt von Karl Bruckschweiger et. al.), ISBN 978-3-85165-824-8

  • The indivisible remainder. An essay on Schelling and related matters. Verso, 1996, ISBN 1-85984-094-9

  • dt. Ausgabe: Der nie aufgehende Rest. Ein Versuch über Schelling und die damit zusammenhängenden Gegenstände. Passagen-Verlag, Wien 1996, ISBN 3-85165-246-0

  • dt. Ausgabe: Die Pest der Phantasmen. Die Effizienz des Phantasmatischen in den neuen Medien. Passagen-Verlag, Wien 1997, ISBN 3-85165-281-9; 2. verbesserte Aufl. 1999, ISBN 3-85165-384-X

  • Die Nacht der Welt. Psychoanalyse und Deutscher Idealismus. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 1998, ISBN 3-596-14259-8 (Kompilation zweier vorhergehender Werke)

  • The ticklish subject. The absent centre of political ontology. Verso, 1999, ISBN 1-85984-894-X

  • Liebe Deinen Nächsten? Nein, Danke! Die Sackgasse des Sozialen in der Postmoderne. Verlag Volk und Welt, Berlin 1999, ISBN 3-353-01156-0

  • Sehr innig und nicht zu rasch. Zwei Essays über sexuelle Differenz als philosophische Kategorie. Turia + Kant, Wien 1999, ISBN 978-3-85132-215-6

  • The Fragile Absolute. Or: Why the Christian Legacy Is Worth Fighting For?. Verso Books, London/New York 2000, ISBN 1-85984-770-6

  • Das fragile Absolute oder warum es sich lohnt das christliche Erbe zu verteidigen. Verlag Volk und Welt, Berlin 2000, ISBN 3-353-01181-1

  • Enjoy Your Symptom! Jacques Lacan in Hollywood and Out., Routledge, London/New York 2001, ISBN 0-415-92812-5

  • Did Somebody Say Totalitarianism? Four Interventions in the (MIS)use of a Notion. Verso Books, London/New York 2001, ISBN 1-85984-792-7

  • The Fright of Real Tears. Krzysztof Kieślowski Between Theory and Post-Theory. BFI Publishing, London 2001, ISBN 0-85170-755-6

  • dt. Ausgabe: Die Furcht vor echten Tränen. Krzysztof Kieślowski und die „Nahtstelle“. Volk und Welt, Berlin 2001, ISBN 3-353-01194-3

  • Revolution at the Gates. Zizek on Lenin, the 1917 Writings. (Hg. + Kommentare) Verso Books, London/New York 2004 (Neuausg.), ISBN 1-85984-546-0

  • dt. Teilausgabe: Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin. Suhrkamp, Frankfurt 2002, ISBN 3-518-12298-3

  • Opera's second death. (zus. mit Mladen Dolar). Routledge, London/New York 2002, ISBN 0-415-93016-2

  • dt. Ausgabe: Der zweite Tod der Oper. Kulturverlag Kadmos, Berlin 2003, ISBN 3-931659-45-3

    • (dt. Ausgabe des Texts von Mladen Dolar: 'Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist ...'. Turia + Kant, Wien 2001, ISBN 3-85132-102-2)

  • Welcome to the desert of the real! Five essays on September 11 and related dates. Verso, 2002, ISBN 1-85984-421-9

  • dt. Ausgabe: Willkommen in der Wüste des Realen. 1. Auflage. Passagen Verlag, Wien 2004 (übersetzt von Maximilian Probst), ISBN 978-3-85165-672-5

  • Organs Without Bodies: On Deleuze and Consequences. Routledge, London/New York 2003, ISBN 0-415-96921-2

  • dt. Ausgabe: Körperlose Organe. Bausteine für eine Begegnung zwischen Deleuze und Lacan. Suhrkamp, Frankfurt 2003, ISBN 3-518-29298-6

  • The puppet and the dwarf. The perverse core of christianity. The MIT Press, Cambridge 2003, ISBN 0-262-74025-7

  • dt. Ausgabe: Die Puppe und der Zwerg. Das Christentum zwischen Perversion und Subversion. Suhrkamp, Frankfurt 2003, ISBN 3-518-29281-1

  • (zusammen mit Alain Badiou): Philosophie und Aktualität. 1. Auflage. Passagen Verlag, Wien 2005 (übersetzt von Maximilian Probst und Sebastian Raedler), ISBN 978-3-85165-673-2

  • Philosophie und Aktualität. Ein Streitgespräch. (zus. mit Alain Badiou) Passagen-Verlag, Wien 2005, ISBN 3-85165-673-3

  • Der parallaktische Blick auf den Kommunismus. in: DemoPunK/Kritik & Praxis Berlin (Hrsg.): indeterminate! Kommunismus. texte zur ökonomie, politik und kultur. Unrast, Münster 2005, ISBN 3-89771-434-5

  • The Neighbour. Three Inquiries in Political Theology. (zus. mit Kenneth Reinhard und Eric L. Santner) University of Chicago Press, Chicago 2006, ISBN 0-226-70738-5

  • Der Mut, den ersten Stein zu werfen. Das Genießen innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Turia + Kant, Wien 2008, ISBN 978-3-85132-512-6

  • Ein Plädoyer für die Intoleranz. 4. Auflage. Passagen Verlag, Wien 2009 (übersetzt von Andreas Leopold Hofbauer), ISBN 978-3-85165-893-4