Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
21:39
25.05.2019
Der Sieg der serbischen Sängerin Marija Serifovic beim Eurovision Song Contest hat in europäischen Fachpresse einige Reaktionen ausgelöst. Der Vorwurf, dass Marija Serifovic mit der „geklauten Melodie“ einer albanischen Sängerin den Sieg errang scheint nicht aus der Luft gegriffen zu sein. Wichtiger als alle fachspezifischen Debatten ist jedoch die Instrumentalisierung des Sieges durch den serbischen Staat sowie durch die serbischen Rechtsradikalen.


Marija Serifovic selbst feierte ihren Sieg mit dem faschistischem Tschetnikgruß. Dazu dokumentieren wir in Auszügen einen Artikel des Bosniers Erdin Kadunic



Dokumentation
Eine bosnische Nachlese des Eurovision Song Contest.
Von Erdin Kadunic, Sarajevo

Als dann die Siegerin feststand, Marija Serifovic mit ihrer Band und dem Song-Team die Bühne betrat, verging einem Großteil der bosnisch-herzegowinischen Zuschauer jeglicher Appetit auf die Sängerin und den Sieg Serbiens. Der Grund hierfür waren die drei berühmten Finger, die Marija Serifovic und einzelne Mitglieder des Teams von Serifovic in die Kamera hielten.

Genau die selben drei Finger, die serbische Einheiten in westliche Kameras hielten, als sie Srebrenica eroberten und Frauen und Kinder Srebrenicas in die Busse und LKWs gedrängt wurden. Auch alle anderen „Drei-Finger-Grüße“, die serbische Einheiten in den zahlreichen Eroberungen Bosniens und Vertreibungen immer wieder zum Besten gaben, Symbole von Trauer und Schmerz für die Betroffenen, Symbol des großserbischen Wahnsinns in den angegriffenen Nachbarrepubliken. Geschmückt wurde das nationalistische Gehabe der Sängerin Serifovic durch „Serbien, Serbien“-Rufe und die serbische Flagge.

Sensible bosnische Beobachter hätten zu den Serbien-Rufen und der Flagge nichts gesagt, wären sie nicht gefolgt worden von den Fingergrüßen der Marija Serifovic. Zahlreichen Jugendlichen in Bosnien erging es ähnlich. Viele von ihnen verfolgten den Wettbewerb an den kleinen Bildschirmen, zu Hause und in Cafés. In einem dieser Cafés in Sarajevo traf ich auf den 30-jährigen Amar Salkanovic, der nach dem serbischen Dreifingergruß kein gutes Wort mehr für die serbische Vetreterin übrig hatte. „Wieso muss sie diese Finger zeigen? Was hat das mit der Musik zu tun? Auch wenn der Song gut ist, empfinde ich Wut und Empörung, was die da machen“, kommentierte der junge Bosnier das Verhalten der serbischen Vertreter, während er zutiefst verärgert seine Zigarette im Aschenbecher ausdrückte.

Andere Jugendliche pfiffen, hoben die Hände, lamentierten, einige von ihnen fluchten. Zu tief sind die Wunden noch, zu stark die Assoziationen an den Krieg, die Tötungen und Vertreibungen in Bosnien. Interessant ist es zu beobachten, dass in der Medienberichterstattung, sowohl der west- als auch osteuropäischen, diesen Dingen kein Augenmerk geschenkt wurde. Drückt Europa bei Serbien ein Auge zu und schaut wieder durch die rosarote Brille? „Ganz anders hätten sie reagiert, wenn ein deutscher Vertreter seinen Sieg durch den Hitlergruss untermalt hätte. Europa will gar nicht auf die drei Finger reagieren. Die haben den Serben den Sieg gegeben und dafür das Kosovo genommen“, fügte Amar hinzu, während der bosnische öffentlich-rechtliche Sender den Eurovision-Ausspann einleitete.

Wie stark der Nationalismus durch solche Ereignisse instrumentalisiert wird, wie sehr er dadurch gefüttert wird und wie er von Seiten der bosnisch-serbischen Politiker immer wieder auf die Tagesagenda gesetzt wird, zeigt das Beispiel Milorad Dodiks, des Premiers der Republika Srpska. In einer Talksendung des bosnischen Fernsehsenders FTV wurde er vom Moderator gefragt, für wen er den dieses Jahr bei der Eurovision gewesen ist, für Serbien oder für Bosnien-Herzegowina. Dodik, der bereits in vorherigen Medienäußerungen keine Sympathien für bosnisch-herzegowinische Sportler, Nationalmannschaften oder Persönlichkeiten gezeigt hat und immer wieder serbischen Teams, Sportlern und Künstlern Vorrang gibt, würdigte das serbische Lied und Marija Serifovic.

Kurioserweise fand Dodik nur lobende Worte für Marija Serifovic, obwohl die bosnische Vertreterin des diesjährigen Song Contests, Marija Sestic, eine bosnische Serbin aus Banja Luka ist, dem Regierungssitz Dodiks. Der gleiche Dodik, der nur für Bosnien-Herzegowina sein würde, wenn sie gegen die Türkei spielen, revidierte in der gleichen Sendung seine damalige Aussage auf die Frage des Moderators, gegen wen er denn nun im anstehenden Fußball-EM-Qualifikationsspiel Anfang Juni Bosnien-Herzegowinas gegen die Türkei sei. In seiner berühmten Cowboy-Manier sagte der Premier der Republika Srpska: “Mal sehen, vielleicht feuere ich doch die türkische Mannschaft an.“

Dass die Grenzen verschwimmen zwischen dem Sieg Serbiens und nationalistischen Tönen und Verhaltensweisen, zeigte auch der Empfang der Gewinnerin des Eurovision Song Contests in der Hauptstadt Serbiens. Auf der großen Terrasse des Belgrader Rathauses empfing man Marija Serifovic einen Abend nach ihrem Triumph in Helsinki. Das serbische Fernsehen übertrug das Ereignis live und speiste die bosnisch-serbischen Kanäle mit ihrem Programm. Unter den ca. 40.000 Menschen, die der Gewinnerin zujubelten, wurde immer wieder das Gewinnerlied angestimmt. Die junge Menschenmasse ließ es sich nicht nehmen, auch hier die drei Finger zum Gruß in die Luft zu heben.

Noch intensiver wurde es, als Marija Serifovic die Terrasse betrat und sich den Anwesenden widmete. Sicherlich sprach Marija Serifovic in ihren kurzen Ansprache von einer neuen Epoche, von einem neuen Serbien, doch ließ sie es sich nicht nehmen, ein Bad in der jubelnden und mit Nationalismus getränkten Masse zu nehmen. Verwirrend war es für den Betrachter, dass zum neuen Serbien von Serifovic auch der berühmt-berüchtigten Drei-Finger-Gruß dazugehört. Denn den zeigte sie und ihr Team mehrere Male, während die jugendlichen Massen zu „Serbien, Serbien“ Rufen anstimmten. Hinzu kam, dass kurz nach dem Sieg Serbiens im Internet Videoclips einer albanischen Sängerin zu sehen waren, deren Lied stark dem serbischen Beitrag ähnelte. Hat etwa ein Plagiat gewonnen? Serbiens Sieg aufgrund eines albanischen Liedes - willkommen auf dem Balkan.