Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
10:56
25.08.2019
Im momentanen politischen Diskurs zu Kosova verwenden westliche Politiker häufig die Formel: „ Schaffung einer multikulturellen Gesellschaft“.oder „multiethnisch“. Diese scheinbar modernen Begrifflichkeiten sollen die Tatsache verschleiern, dass in Wahrheit jede konkrete Form von Politik und von Selbstbestimmung der Bevölkerung Kosovas vorenthalten wird. Die Menschen in Kosova. sollen mit inhaltsloser "Postpolitik" von ihren wirklichen Interessen abgelenkt werden.




Der Philosoph, Psychoanalytiker und Medienintellektuelle par exellence Slavoj Zizek ist einer der wenigen intellektuell versierter Gegner der sogenannten multikulturellen Gesellschaft.



Dokumentation aus http://Copyrightvermerk/unefarce/no3/zizek.htm
Zu Zizek

Er ist als Kritiker eines "abstrakten Pazifismus" und eines "repressiven Multikulturalismus" bekannt; die er als zentrale Formen einer "post-politischen" Entpolitisierung gesellschaftlicher Konflikte charakterisiert. Zizek zufolge drückt sich die gegenwärtige hegemoniale Form der Politik in einer "Post-Politik" aus, die einem Ende der Ideologien beziehungsweise dem Ende des antagonistischen Klassenkonflikts das Wort rede. Damit verbinde sich eine "Herrschaft von aufgeklärten Technokraten" und "liberalen Multikulturalisten": "Post-Politik betont [...] die Notwendigkeit, die alten ideologischen Trennlinien hinter sich zu lassen und sich den neuen Problemen zu stellen, bewaffnet mit dem notwendigen Expertenwissen und freier Beratschlagung, die die konkreten Bedürfnisse und Forderungen der Menschen in Betracht ziehen." (Zizek 1998: 37f.)

Die neue Ethnifizierung, die Erfindung ethnischer oder religiöser Wurzeln, ist Ergebnis einer "falschen" Liberalisierung. Das ist das Paradox moderner Gesellschaften: Offiziell ist die moderne Gesellschaft eine säkularisierte Gesellschaft, innerhalb derer die Individuen frei seien und hedonistische Ziele verfolgen könnten. Faktisch hingegen gibt es so viele Regulierungen des Alltagslebens wie noch nie zuvor: Sexualität, Essen, Trinken, Rauchen - alles ist der Regulierung unterworfen. Mich selbst ethnisch zu identifizieren bedeutet in diesem Kontext, mit all diesen Regeln des bürgerlichen Durchschnittsalltags zu brechen. Es waren Adorno und Horkheimer, die diesen Prozeß in bezug auf den Faschismus beschrieben haben. Faschismus, so Adorno und Horkheimer, sei nicht nur ein Rückfall in die Barbarei sondern auch eine Form der falschen Befreiung von der Kontrolle über das alltägliche Leben. Dies ist ein zentraler Punkt, um die Attraktivität des Konzepts der neuen Ethnifizierung zu erklären: Falsche Befreiung von unserer postmodernen, regulierten Gesellschaft.



Interview mit Slavoj Zizek

In welchem Verhältnis sehen sie dieses Modell der neuen Ethnifizierung und der herrschenden Ordnung der Geschlechter?

Eine Verknüpfung zwischen diesen beiden Herrschaftverhältnisse herzustellen ist sehr populär, ich möchte aber davor warnen. Ich denke, es gibt einen fundamentalen Unterschied, der darin besteht, daß der heutige Spätkapitalismus nicht mehr auf eine patriarchal organisierte Herrschaft zurückgreifen muß. Das ist das Problem, daß ich mit identitätskritischen feministischen Ansätzen habe. Moderner Kapitalismus braucht zu seiner Reproduktion keine fixierten Geschlechter mehr, deshalb geht die Identitätskritik dieser Theorien ins Leere.1 Sogenannte sexuelle Perversionen sind heute längst nicht mehr subversiv; obwohl es natürlich immer noch Probleme der Gleichstellung von Homosexuellen gibt.

Wilhelm Reich dachte ja noch, die patriarchal organisierte Familie ist der absolut notwendige Kern zur Reproduktion des Kapitalismus. Sexuelle Liberalisierung sollte in dieser Logik letztlich den Kapitalismus angreifen, weil sie die Rolle der Familie verändert. Heute sehen wir, daß es nicht so einfach ist. Der Kapitalismus kann sehr wohl ohne Familien überleben.

Hier komme ich wieder zum Ausgangspunkt: D ie Einteilung politischer Prozesse in Liberalisierung und Modernisierung auf der einen und Fundamentalisierung auf der anderen Seite ist eine grundsätzlich falsche Einteilung. Wir sollten die Ideologie nicht akzeptieren, daß unser Feind der Fundamentalismus sei. Fundamentalismus ist ein dialektisches Resultat der spätkapitalistischen Strukturen. Wer nicht die Grundlagen des modernen Kapitalismus hinterfragt, wird die Dynamik des modernen Rassismus nicht verstehen.

Multikulturalismus und Rassismus sind demnach Bestandteile der selben Sichtweise gesellschaftlicher Konflikte?

Gesellschaft unter dem Oberbegriff Kultur analysieren zu wollen, ist für so viele Gruppierungen erst an dem Punkt interessant geworden, wo kein ernstzunehmender Politiker oder Intellektueller mehr in der Lage war, wirklich oppositionelle Gesellschaftsentwürfe zu dem herrschenden demokratisch-parlamentarischen Typus zu entwickeln. Die Linke resignierte vor Jahre und verzichtete auf Gesellschaftsanalyse mit politischen und ökonomischen Kriterien zugunsten des Begriffes der Kultur. Der politische Kampf drehte sich scheinbar plötzlich ausschließlich um Frage der kulturellen Identität. Der Preis, den die Linke dafür bezahlte, war, daß die Analyse von Gesellschaft generell entpolitisiert wurde. Das hat auf einer allgemeinen Ebene damit zu tun, daß heute niemand Politik beziehungsweise Ökonomie so wie sie funktionieren, angreifen will. Ökonomie ist der wahre Diktator von heute. Die grundlegende Funktionsweise des Kapitals wird einfach aus den Diskussionen ausgeblendet.2

Nochmal zurück zu ihrer Kritik von Toleranz als Allheilmittel gegen Rassismus...

Nur um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich bin nicht gegen Integration.

...Ja, aber hinter dem Begriff Integration, der sich als Form Toleranz ausgibt, verbirgt sich oft - wie beispielsweise hier in der BRD - die Vorstellung der Assimilation. Assimilation meint schliesslich Anpassung an herrschende Identitätsformen.

Ich sehe die negativen Aspekte von dem, was sie Assimilation nennen. Aber ich denke, daß eine einfache Gegenüberstellung einer "guten" Toleranz und einer "schlechten" Assimilation falsch ist. Eine Gesellschaft, die keine Assimilation einfordern würde, würde sich gefährlich einer Art "Apartheid"-Logik nähern: Jede Gruppe soll für sich bleiben. Ein Beispiel: In Slowenien entschied vor etwa zwei Jahre ein Gericht zugunsten eines Vaters gegen seine Tochter. Der Vater wollte seine Tochter im Alter von zwölf Jahren unter Berufung auf kulturelle Traditionen der Roma verheiraten und verteidigte sich vor Gericht mit der Toleranz gegenüber der kulturellen Identität der Roma, während sich die Tochter auf ihre Unversehrtheit berief. Das Gericht entschied, daß ein Verbot einer solchen Hochzeit einen Akt der gewaltsamen Assimilation darstellen würde und somit nicht legitim sei. Ich möchte mit diesem Beispiel verdeutlichen: es gibt keinen einfachen Weg, keine grundsätzliche Ablehnung von Assimilation. Es ist immer einfach, tolerant zu sein, wenn der andere die gleiche Vorstellung von Menschenrechten hat. Was macht man allerdings, wenn das nicht so ist?

In dem Beispiels vermischen Sie zwei Ebenen. Es ist doch möglich, unabhängig von kulturellen Identitäten gegen die patriarchale Ordnung zu kämpfen.

Was ist mit einer ethnischen Gruppe, die sagt, die patriarchale Ordnung sei ein grundlegender Bestandteil ihrer kulturellen Identität? Ich denke der grundsätzliche Fehler ist, daß wir das Andere immer als das "gute" Andere denken.

Um die Leser zu schocken möchte ich noch ein weiteres Beispiel bringen: Ich nehme gerne in Debatten über Toleranz die Position eines Verteidigers der Todesstrafe ein, weil ich zeigen möchte, daß jedes Argument gegen die Todesstrafe eurozentristisch, also im multikulturalistischen Sinne intolerant ist.

Das klassische Gegenargument gegen die Todesstrafe ist, daß die Todesstrafe kein Verbrechen verhindere. Die Theorie, daß Strafe der Prävention und nicht der Wiederherstellung der Gerechtigkeit diene, ist Bestandteil des westlichen Gerechtigkeitsmodells. Alle anderen Vorstellungen von Gerechtigkeit kennen diesen Präventionsgedanken überhaupt nicht.

Was ich damit sagen möchte ist: Nennen Sie mir ein Argument gegen die Todesstrafe, das sich nicht auf einen westlich-kulturellen Hintergrund bezieht. So ein Argument gibt es nicht. Entweder gesteht man sich in seiner Ablehnung der Todesstrafe seinen Eurozentrismus ein oder man muß anerkennen, daß es in einigen Religionen und Kulturen Argumente für die Todesstrafe gibt, die man nicht widerlegen kann.

Ein Gegenargument gegen die Todesstrafe wäre doch, daß sie sich immer auf ein Staatswesen als Form der Macht bezieht, das über das Leben der Menschen zu entscheiden trachtet.

Ja, aber ausserhalb des Westens gibt es ebenso Macht. Es ist doch lediglich eine inverse Form von Rassismus anzunehmen, ausserhalb des Westens wäre die Macht immer "besser".

Damit hier kein Mißverständnis aufkommt: Ich bin gegen Eurozentrismus. Aber es gibt auch Formen, wie klassisch eurozentristische politische Theorien wie zum Beispiel die Menschenrechte in einem emanzipativen Sinn benutzt werden. Wenn etwa in einer nichtwestlichen Dikatur im Namen der Menschenrechte gegen diese Diktatur gekämpft wird, ist dieser Kampf nicht automatisch eurozentristisch, es werden lediglich die Bedürfnisse der Kämpfenden in den Begriffen des Humanismus formuliert.

Eine Kritik an Assimilation ist somit mit Vorsicht zu formulieren: Man bedenke, daß die große Strategie des Kolonialismus - über lange Zeit die Form der Herrschaft Europas über den Rest der Welt - nicht Assimilation sondern Apartheid war. Englische Kolonisatoren zeigten großen Respekt vor der indischen Kultur, insbesondere die Spiritualität wurde sehr bewundert. Angst bestand nicht etwa vor deren Differenz, sondern davor, daß "assimilierte Inder" "bessere" Kapitalisten als es die Kolonisatoren waren, werden könnten. Die dominante Strategie war also ein "falscher" Respekt vor anderen Kulturen. Ebenso in Südafrika: Ein Argument für die Aufrechterhaltung der Apartheid war auch, daß Assimilation angeblich die kulturellen Eigenarten der verschiedenen Völker zerstören würde.3

Was ich sagen will, ist, daß es zu einfach ist, zwischen "schlechter" Assimilation und "guter" Toleranz zu unterscheiden. Beides sind Strategien der westlichen Staaten, ihre Macht zu festigen.

Anmerkung von Kosova-Aktuell: Das Interview stammt aus dem Jahr 2000