Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
21:54
15.10.2018

Mein Artikel “Keine Blumen für Milosevic” in Kalaschnikow erregte einige Gemüter sichtlich. Ein Blick ins Forum genügt, aber auch die Tatsache, dass es niemand für Wert befand, konkret auf meinen Artikel zu antworten. Keiner ging auf meine Argumente und Zitate ein. Nur Gerhard Branstner schrieb unter dem Titel “Wohin mit den Blumen” eine Replik. Wie es sich für einen gelernten Schriftsteller gehört, hat seine Antwort eine gewisse Eleganz. Doch auch die Eleganz und der Witz bewahrt ihn nicht davor, leicht am Thema vorbeizuschreiben. Stattdessen wirft er mir vor “einiges durcheinander zu bringen” und er behauptet, ich wäre “Albanophil”. Demzufolge sehe ich mich veranlasst, nochmals auf Blumen und andere Dinge einzugehen. Ausdrücklich möchte ich betonen, daß die Polemik, nur zum Teil gegen Gerhard Branstner gerichtet ist, denn er hält ja als kluger Geist Milosevic für keinen Sozialisten.

Warum keine Blumen für Milosevic?

Normalerweise sind Blumengeschenke ein Ausdruck für Achtung, Zuneigung oder Liebe. Die Berichterstattung über den Milosevicprozess in der jungen Welt, sowie in anderen Organen, sind von jenen Gefühlen gegenüber dem Angeklagten gespeist. Diese Gemütslage hat nichts mit der Realität zu tun. Milosevic war alles andere als ein Sozialist. In der Realität war er ein Machiavellist, der die Klaviatur des großserbischen Nationalismus bediente und das Selbstbestimmungsrecht der Kosovaren blutig negierte. Soweit wird mir auch der Genosse Branstner folgen. Jedoch entdeckt auch Gerhard Branstner etwas vorteilhaftes an Milosevic, wenn er schrieb: “Andererseits hat er der imperialistischen Globalisierung, deren militärischer Arm die NATO ist, widerstanden”. Hat er das wirklich lieber Gerhard? Nein, denn sonst würde er nicht in Den Haag sitzen. Sein Widerstand, sofern es überhaupt Widerstand war, arbeitete dem Imperialismus in die Hände. Schon der serbische Sozialist Tucovic schrieb im Januar 1914, “die Massaker am Albanervolk in Kosova und Mazedonien treiben jene in die Arme der KuK-Monarchie und verunmöglichen somit eine effektive Verteidigung Serbiens”. Wie aktuell Geschichte doch sein kann. Genau so sah der Widerstand von Milosevic gegenüber der NATO aus. Nebenbei bemerkt, was den Widerstand gegenüber der “imperialistischen Globalisierung” angeht, folgende Anmerkung: In Jugoslawien war der Privatisierungsgrad der Industrie vor März 1999 wesentlich höher als z.B. in Kroatien und Slowenien. Kein Mensch wird aufgrund dieser Fakten die Behauptung wagen, dass es in Kroatien und Slowenien mehr Antikapitalismus gegeben hätte, als in Jugoslawien unter Milosevic. Die Restauration des Kapitalismus in Jugoslawien hatte dennoch einige spezifische Seiten. Es schälte sich eine Maffia heraus und es wurde eine Kriegsökonomie entwickelt, die über Mord und Totschlag eine primitive ursprüngliche Kapitalakkumulation zu verwirklichen versuchte. Während des Bosnienkrieges ist feststellbar, dass nach jeder Eroberung und ethnischer Säuberung in Bosnien, Jugoslawien führender Exporteur von gebrauchter Unterhaltungselektronik in der Region war. Weite Teile des “Lumpenproletariats” benötigten Kriege als Lebenselixier genauso wie Teile der alten Bürokratie, um ihre Art von Kapitalakkumulation durchzusetzen. Nach dem Ende des Bosnienkrieges vermehrten sich in Belgrad die Überfälle sowie Wohnungseinbrüche durch beschäftigungslos gewordene “Killerökonomen”, die vorher in Bosnien tätig waren. Umgehend verschärfte Milosevic demzufolge die Repression und den chauvinistischen Ton gegenüber den Kosovoalbanern. Er saß in der Falle. Die Geister, die er rief, wurde er nicht mehr los. Die obengenannte Bande zog nach Kosova weiter und beging dort vor und während des NATO-Krieges gegen Jugoslawien schreckliche Verbrechen. Die Kriegs- und Raubökonomie die durch paramilitärische und staatliche Mörder in Kosova praktiziert wurde, hatte nicht das geringste mit dem Widerstand gegen die NATO zu tun, wie Branstner schreibt. Im Gegenteil: Die Verbrechen lieferten der NATO ideologisches Futter, um von den eigenen gemeinen Absichten, Taten und geostrategischen Ambitionen abzulenken. Viele “Linke” protestierten damals zurecht gegen den NATO Krieg, aber mit Argumenten, die sie unfähig machten, dem ideologischen Trommelfeuer der NATO etwas entgegenzusetzen. Als frisch bekehrte “Jugoslawienkenner” rechtfertigten Sie Milosevic, handelten nach dem Grundsatz: “der Feind meines Feindes ist mein Freund”. Damit sind sie bei esoterischen Verschwörungstheorien gelandet. Das ganze war zudem mit einem schlecht getünchten antialbanischen Rassismus verbunden. Jetzt glauben einige Artikelschreiber von gunge Welt, konkret u.a., dem tapferen “Ritter” Milosevic neuerlich mit Blumen überhäufen zu müssen. Es wird ihm umstandslos geglaubt, dass er in Kosova nichts verbrochen habe. Das sind klassische Eigentore, die dem Gericht helfen, nur über die Verbrechen von Milosevic zu verhandeln und die NATO- Bomben und -Absichten außenvor zu lassen. Mit der Methode von Lenin und Liebknecht hat diese “Linke” nichts gemein.

Die Haltung von Lenin und Liebknecht

Von Liebknecht stammt der berühmte Satz: “Der Hauptfeind steht im eigenen Land.” Was ihn allerdings nicht dazu verleitete, deutschzentriert seine Kriegsgegnerschaft zu begründen. Sehrwohl nahm er wahr, wie geschickt der deutsche Generalstab in einem Flugblatt in jiddisch an die russischen Juden appellierte, sich doch auf die Seite der Mittelmächte zu schlagen. Völlig zutreffend wurde in der deutschen Kriegspropaganda an die über 500 antisemitischen Ausnahmegesetze im zaristischen Russland erinnert. Zudem wurden viele Pogrome erwähnt. Der deutsche Generalstab bot sich als Befreier für die in Russland unterdrückten Juden an. Tatsächlich fanden sich einige jüdische Gemeindevorstände hauptsächlich im Baltikum, die auf die Befreiungsrhetorik hereinfielen. Da es aber mit dem deutschem Vormarsch 1914 nicht klappte, waren die Juden neuerlich schweren Pogromen und systematischen Vertreibungen durch den Zarismus ausgesetzt. Dies lässt sich ziemlich exakt mit den Vorgängen in Kosova 1999 vergleichen. Aber zurück zu Karl Liebknecht, selbstverständlich war ihm die deutsche Kriegspropaganda bekannt. Allerdings fiel weder ihm noch Rosa Luxemburg ein, auf die Straße zu gehen, die Zarenfahne zu schwenken und die Unterdrückung der Juden in Russland zu leugnen. Im Gegenteil: Liebknecht verwies auf die negativen Seiten und die geostrategischen Absichten des deutschen Imperialismus. Liebknecht erkannte genau, dass es dem deutschen Imperialismus nicht um die Befreiung der Juden in Russland ging; jene sollten als propagandistische Schminke für die hässliche Fratze des deutschen Kaiserreiches dienen. Liebknecht nahm den Satz “der Hauptfeind steht im eigenen Land” ernst und entdeckte nicht eine “jüdische UCK” als Hauptfeind der Menschheit. Genauso verhielt er sich bezüglich der deutschen Kriegspropaganda in Sachen Irland. Bekanntlich gab der Generalstab vor, die unterdrückten Iren befreien zu wollen. Wieder ein billiger Vorwand, um den Krieg zu rechtfertigen. Unabhängig von den Absichten der deutschen Kriegspropaganda muss jedoch festgehalten werden: Das irische Volk wurde tatsächlich vom britischen Imperialismus unterdrückt. Keinem Sozialisten fiel damals ein, diese Unterdrückung zu leugnen oder den Iren das nationale Selbstbestimmungsrecht zu verweigern. Es musste erst einige Zeit verstreichen, um “Sozialisten” zu erleben, die die Unterdrückung in Kosova bestritten und den Kosovaren das Selbstbestimmungsrecht absprechen. Bekanntlich kam es 1912 zu einer russischen Propagandaoffensive gegen die Türkei wegen der Unterdrückung und Ermordung der Armenier durch das osmanische Reich. Lenin bewertete das ganze selbstverständlich als billigen zaristischen Trick, um nach Konstantinopel zu gelangen, zum ersehnten Bosporus. Als gescheitem Menschen fiel es ihm nicht ein, das Leid der Armenier zu ignorieren oder abzustreiten. Natürlich war Lenin, was die nationale Frage anging, Demokrat und bestand auf das demokratische Recht auf nationale Selbstbestimmung. Er ging davon aus, dass nur das Recht auf Loslösung die Vorraussetzung schafft, sich wirklich demokratisch zu vereinigen. Diese Programmatik stellte er in einen demokratisch-sozialistischen Gesamtkodex, denn er wusste, wenn nicht der Sozialismus sich dieser Frage annimmt, wird sie nie gelöst werden und der Imperialismus wird bei Bedarf mit ihr spielen. Wie langweilig und banal sind heutzutage bestimmte Geister, die stets von der Bewahrung bestimmter staatlicher Gebilde als höchstem Gut Schwafeln. Sie haben mehr mit einem französischen Präsidenten als mit Lenin zu tun. De Gaulle sprach nämlich stets von der Bewahrung der territorialen Einheit Frankreichs, als er die algerische Unabhängigkeit bekämpfte.