Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
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18.12.2018

Es gibt Personen, Zeitungsredaktionen sowie Organisationen, die keine Gelegenheit auslassen, um sich zu blamieren. So titelte z.B. die in Berlin erscheinende “Junge Welt” am 15. Februar 2002 in großen Lettern “Der Tag des Milosevic”. Gemeint war die Verteidigungsrede von Slobodan Milosevic vor dem Tribunal in Den Haag. Der Schreiber des Leitartikels, Werner Pirker, bescheinigte dem Angeklakten: “Milosevics Ausführungen waren ruhig, sachlich und von bestechender Logik. Es war die größte Rede seines Lebens.” Ähnliches kann in der “UZ”, der Zeitung der DKP, gefunden werden. Das PDS-nahe “Neue Deutschland” ist etwas diplomatischer, spricht aber dennoch in ziemlich offener Shympatie von “Siegerjustiz”. Allen gemeinsam ist das Ignorieren von Fakten, das Fehlen jeglicher Logik und das nichtwahrgenommene Leid, das der Angeklagte seinen Opfern zufügte.

Was sagte Milosevic dazu?

Jeder der will kann die Rede, u.a bei einem “Internationalem Komitee für die Verteidigung von Slobodan Milosevic”, nachlesen. Der Autor dieser Zeilen nimmt sich daher nur einige besonders ins Auge fallende Dinge heraus, die die völkische Demagogie und das Lügengebräu des Angeklagten belegen. Milosevic sprach davon, “dass die Serben in ihrer Geschichte niemals Aggressoren gewesen seien und immer höchsten Respekt vor dem Leben unschuldiger Zivilisten hatten”. Damit suggeriert der Angeklakte, dass es gute und böse Völker gibt. Wenn das kein völkischer Nationalismus ist, dann hat der Begriff Chauvinismus keine Bedeutung mehr. Der Angeklagte liegt mit solchen plumpen Lügen, auch bezogen auf die moderne Geschichte Serbiens, völlig daneben. In der Zeit der Balkankriege 1912/13 publizierte der österreichische Sozialist und Jude Leo Freundlich ein umfangreiches Buch, in dem er die Massaker an den Albanern anprangerte. Auch der damalige Korrespondent einer Kiewer Zeitung, ein gewisser Leo Trotzki, schrieb über unbeschreibliche Schlächtereien vollzogen am Albanervolk in Kosova und Mazedonien durch serbische Militärs. Die serbische sozialistische Partei hatte 1914 einen Vorsitzenden, der im Januar 1914 in Belgrad ein Buch herausbrachte unter dem Titel “Serben und Albaner”. Jenes Buch von Dimitrije Tucovic prangerte im Namen der damaligen serbischen Sozialisten die Verbrechen des eigenen Militärs an. Die Geschichtsforschung geht heute zurecht davon aus, dass damals um die 20 000 Albaner ermordet wurden. Milosevic muss diese Fakten ignorieren, um seine Strategie von den “immer guten Serben und den bösen anderen”, bezogen auf die jüngste Vergangenheit und sich selbst, durchzuziehen. Es ist selbstentlarvend, wenn einige “linke” dieser Uminterpretation der Geschichte folgen. Aber diese Dummheit hat leider System. Dem Angeklagten wird applaudiert bezüglich seiner Aussagen: “Die Albaner wurden niemals von mir verfolgt und ermordet.” Nach Milosevic hätten “nur die NATO-Bomben Albaner umgebracht und zur Flucht bewogen”. Wenn diese Aussage akzeptiert wird, dann war die Arbeit von Flüchtlingsgruppen in den neunziger Jahren sinnlos, die immerhin zur Kenntnis nahmen: Vor März `99 wahr der Großteil der Asylbewerber in Deutschland über einige Jahre aus Kosova. Zurecht wurde von Organisationen wie “Pro Asyl” gegen die Abschiebung von Albanern in dieser Zeit protestiert. Aber die Verteidiger von Milosevic haben Erfahrung darin, Fakten auf menschenverachtende Art und Weise zu ignorieren. Zum Massaker im bosnischen Srebrenica viel dem Konkret-Autoren Elsässer vor einiger Zeit nichts Besseres ein, als von “Scheintoten” zu schreiben. Genauso wird mit den fast 13.000 ermordeten Kosovaalbanern verfahren (Detailinformationen kann man vom Menschenrechtsverein in Prishtina erhalten). Aber das intresiert diese Linke nicht, sondern es wird einem Milosevic applaudiert und aus seiner Rede vom Amselfeld 1989 zitiert, in der sich tatsächlich ein Satz “Über die Brüderlichkeit in Jugoslawien” findet. Übersehen wird dabei, dass vorher die Autonomie Kosovas Aufgehoben wurde und zwar mit Gewalt. Wenn dann Milosevic in Den Haag einen solchen Satz zitiert ist das bewusste Demagogie. Aber bundesdeutsche “Linke”, die niemals in ihrem Leben in Kosova waren und das positiv unterstreichen, tun es aus Naivität, getreu dem Motto: Der eigene Gestank macht nicht krank.

Zeugen gegen Milosevic

Am 27. Februar 2002 schrieb ein gewisser Rüdiger Göbel in der “Jungen Welt” einen Kommentar unter dem Titel “Unerwünschte Zeugin”. In dem Kommentar bezog sich Göbel positiv auf den serbischen Ministerpräsidenten Djindjic. Jener erklärte im Spiegel, “das Gericht in Den Haag warte mit belanglosen Zeugen auf” und zeigte sich entsetzt über den “Zirkus in Den Haag”. Nach der Meinung von Göbel sind albanische Zeugen selbstverständlich belanglos, stattdessen bedauert er, dass eine serbische Zeugin nicht zu Gericht geladen wurde. Jene Dame wollte dort bekunden, “bei den Toten in Recak” handele es sich um getötete UCK Kämpfer. Göbel ignoriert einfach, das in Recak auch Frauen, Kinder und Greise ermordet wurden, und zwar von hinten und aus nächster Nähe. Dies bestätigt auch der Bericht, der von Göbel positiv zitierten finnischen Pathologin Ranta, die im Jahr 1999 im Auftrag einer internationalen Kommission die Leichen untersuchte. Milosevic hat in seiner Verteidigungsrede genau deshalb Frau Ranta angegriffen, was den Milosevic-Bewunderer Göbel allerdings nicht daran hindert positiv auf Frau Ranta Bezug zu nehmen. Irgendwas scheint da Herrn Göbel entgangen zu sein, bewusst ignoriert er natürlich die albanischen Zeugen gegen Milosevic. Das liegt ganz auf der Linie von Milosevic, der das Gericht in Den Haag aufforderte, “die Zeugen sollten sich kürzer fassen, da zuviel Zeit verloren gehe”. (Koha Ditore, 22.02.02) Es ist also nötig, um nicht im nationalistischen Sumpf zu landen, einiges aus den Zeugenaussagen wiederzugeben.

Der erste Zeuge aus Kosova war Mahmut Bakalli, bis Mai 1981 Leiter des Bundes der Kommunisten in Kosova. Zwischen Bakalli und Milosevic entwickelte sich ein interessanter Disput wegen der Ermordung der ganzen Familie Jashari im Dorf Pekraz Anfang März 1998. Bakalli legte dar, dass er zusammen mit anderen Intellektuellen aus Kosova in einem Gespräch mit Milosevic jenen aufforderte, die Ermordung von 59 Familienmitgliedern zu verurteilen und die Verantwortlichen zu bestrafen, woraufhin Milosevic antwortete: “Wir kämpfen gegen Terroristen, worunter auch Frauen und Kinder fallen können. Ich habe keinen Anlaß, die Polizei zu kritisieren”. In dem Disput mit Bakalli in Den Haag am 19. Februar 2002 bestätigte Milosevic die Aussage von Bakalli. Er war also voll und ganz über die Vorgänge in Pekraz informiert, billigte sie oder befahl den Mord gar selbst.Im übrigen Teil der Konfrontation zwischen Bakalli und Milosevic gab es tatsächlich viel belangloses, da sich Bakalli in ein nicht gerichtsrelevantes Frage- und Antwortspiel mit dem Angeklagten einließ, indem es um weltpolitische sowie historische Belanglosigkeiten ging. In diesem Spiel machte Bakalli keine glückliche Figur. Dennoch zeigte sich immer wieder der serbische Rassismus von Milosevic als er behauptete “die Albaner wären in der Zeit des Faschismus Agenten des Nazismus gewesen”. Demzufolge ein böses Kollektiv entgegen dem heldenhaften serbischen Volk. Dies wies Bakalli zurück und erklärte: “Die Mehrheit der Albaner habe gegen den Faschismus gekämpft. Natürlich habe es Kollaborateure gegeben, genau so wie bei den Serben.”

Nach den Aussagen von Bakalli präsentierte das Gericht albanische Zeugen aus Dörfern und Städten Kosovas. Der Zeuge Agim Zeqiri aus dem Dorf Cellina erklärte am 21. Februar 2002 in Den Haag: “Zwischen dem 25. und 28. März 1999 brachten serbische Soldaten und Polizisten allein aus unserem Dorf 73 Personen um.” Genau schilderte der Zeuge den grausamen Tathergang. Der schwer Nierenkranke Zeuge nannte sämtliche Namen der ermordeten und verwies darauf, dass 18 der ermordeten Frauen, Kinder und alte Leute gewesen wären, “der Jüngste war unter zwei Jahren, der Älteste war 104 Jahre”. Allein er habe von 18 Familienmitgliedern 16 verloren. Als Milosevic den Zeugen befragen wollte, erklärte jener “er müsse jetzt zur Dialyse aufgrund der Verletzungen, die ihm während des Krieges von serbischen Polizisten zugefügt wurden”. Herrn Milosevic erregte das sichtlich und er beklagte sich darüber, “den Zeugen nicht vernehmen zu können”. Letzteres fiel selbstverständlich der “Jungen Welt” auf. Die linke Tageszeitung beklagte sich bitterlich über die Benachteiligung ihres Ritters. Über die Aussage von Zeqiri jedoch kein Wort und man kann bestimmt davon ausgehen, dass keiner dieser “seriösen” Journalisten das Dorf Cellina oder Pekraz besuchen wird.

Auch das Dorf Landovica wird ihnen ein Fremdwort bleiben. Genauso wie die Aussage von Halil Morina aus Landovica. Morina bezeugte: “Nach Landovica kam serbisches Millitär, um uns unter Schlägen und Drohungen zur Grenze nach Albanien zu treiben.” Der Zeuge ging davon aus, dass es sich um eine organisierte Aktion der Staatsorgane handelte. Am 27. März 1999 fing eine Gruppe serbischer Soldaten mit Handgranaten an, in die Häuser des Dorfes zu werfen und sie brannten die Moschee nieder. Halil Morina erklärte genau wie die anderen Zeugen, “wie ihnen die Dokumente und Pässe vor der Grenze abgenommen und verbrannt wurden”. Milosevic versuchte den Zeugen zu provozieren; so stellte er die Frage, “ob im Dorf nicht islamische Fundamentalisten und ein UCK-Stab gewesen sei”. Der Zeuge, der dem Angeklagten die ganze Zeit den Rücken zukehrte, verneinte dies. Als Milosevic den Zeugen fragte, “ob ihm serbische Polizisten nicht behilflich gewesen seien”, gab es selbstverständlich vom Zeugen keine Antwort. Der Provokateur Milosevic erregte sich neuerlich und sprach von untauglichen Zeugen. Diese Provokation wurde natürlich in der “Milosevic-Presse” erwähnt. Selbstverständlich nicht der Zeuge, denn wir wissen ja spätestens seit dem Kommentar von Göbel in der obengenannten Zeitung, dass die Opfer belanglos sind.

Dr. Agron Berisha aus Suhareke bezeugte ein grausames Massaker, wobei er auch Familienmitglieder verlor in einem Hof in Suhareke. Er gab konkrete Beispiele, wie z.B. ein Café in Suhareke, dass in die Luft gejagt wurde einschließlich der Menschen, die zuvor von serbischen Polizisten in das Café getrieben wurden. Das Café war im Eigentum der Familie Shala. Der Angeklagte Milosevic fragte hysterisch nach der UCK und redete von Bomben der NATO. Das Gericht wie der Zeuge wiesen darauf hin, dass es hier um konkrete Vorgänge in Suhareke ginge und um die Verantwortung des Angeklagten.

Neben den Zeugen, die Milosevic laufend mit bekannten Verbrechen konfrontierten, sei hier als letztes auf den Zeugen Halit Berani aus Mitrovica verwiesen. Herr Berani ist Vorsitzender des Menschenrechtsvereins in Mitrovica und sagte am 27. Februar 2002 gegen Milosevic in Den Haag aus. Er erschien vor dem Tribunal ausgestattet mit Dokumenten und Fakten, denen der Angeklagte nicht einmal mehr mit Provokationen zu antworten vermochte. Zu seiner Person erklärte er, er “wäre ab 1989 insgesamt 76 mal in serbischen Gefängnissen gewesen” und sei dort meist misshandelt worden. Als Grund nannte er seine Aktivität, die seit langem darin bestand, Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. So misshandelten bereits im Jahr 1993 serbische Polizeieinheiten faktisch sämtliche Bewohner des Dorfes Qaber, in das sie am 15. August einrückten. Als er das dokumentieren wollte, wurde er geschlagen und verhaftet. Aus dem Dorf in der Nähe von Mitrovica wurden Ende März 1999 sämtliche Bewohner vertrieben, die Häuser angezündet und der übrig gebliebene Rest mit Bulldozern plattgemacht. Dann schilderte er dem Gericht wie militärische Spezialkräfte in Mitrovica ab 24. März 1999 gezielt Angehörige der albanischen Intelligenz ermordeten. Er beschrieb den Mord an Professor Latif Berisha sowie den Mord an Agim Hajrizi, der zusammen mit seinem elfjährigen Sohn in der Nacht zum 25. März 1999 erschossen wurde. Der Zeuge legte dem Gericht serbische Exekutionsbefehle im Original vor. Insgesamt sei geplant gewesen, aus Mitrovica 80.000 Albaner zu vertrieben; 650 seien zwischen dem 14. und 17. April 1999 in Mitrovica ermordet worden. Seit der Zeit seien zusätzlich 279 Personen vermisst und 5 202 seien ins Gefängnis gesteckt worden. Damals wurden 9.540 albanische Häuser und Lokale in Mitrovica zerstört. Herr Berani belegte jede Aussage mit Fotos und Dokumenten. Der Angeklagte versuchte, irgendetwas von Bin Laden zu erzählen, gegen den er angeblich in Mitrovica gekämpft habe. Als er daraufhin unterbrochen wurde beschwerte er sich neuerlich “über seine angebliche Behinderung vor Gericht”. Wenn wundert’s, wenn genau das, wiederum in sogenannten linken Zeitungen, zitiert wird. Nach der Aussage von Herrn Berani sucht man vergeblich.

Querfront für Milosevic

Irgendwie erinnert die Berichterstattung zum Prozess gegen Milosevic in der “UZ”, der “Jungen Welt”, “Konkret” u.a. an das Geschmiere in der National-Zeitung, wenn Naziverbrecher vor Gericht stehen. Um Missverständnissen vorzubeugen sei hier Folgendes bemerkt: Der Autor will keinesfalls die genannten Zeitungen und die dahinterstehenden Organisationen als Nazis abstempeln. Genauso wenig will er Milosevic mit Hitler vergleichen. Beides wäre verkehrt und würde den Hitlerfaschismus verharmlosen. Dennoch ist es erlaubt, auf Ähnlichkeiten in der Wahrnehmung bestimmter Vorgänge hinzuweisen. Tatsächliche Faschisten betrachteten stets die Aussagen von NS-Opfern als belanglos. Jedoch wird bis heute in der extremen Rechten das Heldenspiel von Göring in Nürnberg toll gefunden. Jetzt findet ein Teil der “Linken” Milosevic toll und die Opfer kommen nicht vor. In dem “Internationalem Komitee für die Verteidigung von Milosevic” hocken sogenannte Linke mit offenen Neofaschisten in einem Boot. In der französischen Sektion hat die Leitung Luc Michel inne, jener ist Chef der in Brüssel ansässigen PCN (National europäische Partei). Die PCN propagiert seit Jahren ein Bündnis zwischen ehemaligen Staatssozialisten und Nationalisten. In dem ehemaligen Regierungsbündnis in Serbien sah diese Partei ein gesamteuropäisches Vorbild. Bekanntlich gab es unter Milosevic eine Regierung, bestehend aus seltsamen Sozialisten, einer sogenannten Jugoslawischen Linken und erklärten Faschisten aus der serbischen Radikalen Partei. Letztere unterhielt brüderliche Beziehungen mit Le Pen in Frankreich. In dem Belgrader Komitee “Frieden für Milosevic” sitzen Vertreter der italienischen Lega-Nord brüderlich neben einem Herrn Hartmann, dem ehemaligen Botschafter der DDR für Jugoslawien. Der Kreis schließt sich, wenn daran gedacht wird, dass einer der Rechtsberater von Milosevic in Den Haag Jacques Verges heißt. Dieser hat als ehemaliger Verteidiger von Klaus Barbie in Frankreich zurecht einen üblen Ruf, da er im Verfahren stets darauf Wert legte, den SS Mörder zu verharmlosen. Das gleiche probiert er jetzt im Fall Milosevic. Eines verdient festgehalten zu werden: Es gibt eine Querfront zwischen Rechten und “seltsamen Linken” was die Person Milosevic angeht. Die Rechte weiß allerdings was sie tut, im Gegensatz zu einer esoterisch gewordenen “Linken”, die das, was sie sagt, anscheinend auch noch glaubt.