Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
14:32
24.09.2020

 Liebe Jutta  Ditfurth -Betrifft: Ihren Vortrag „Mythos Überbevölkerung…“ von 16.12.2013 im Volkshaus Zürich Ich habe gestern Abend an einer Veranstaltung in Zürcher Volkshaus, wo sie die Hauptrednerin waren, teilgenommen. Ich habe Ihren Vortrag mit grossem Interesse verfolgt und bis auf einem Punkt habe ich ihrem Referat zu 100% zugestimmt. Ab dem Satz, wo Sie die „Grüne Partei“ Deutschland in Zusammenhang mit der „Kriegsführung im Jahr 1999 gegen Jugoslawien“ angesprochen haben, konnte ich - als Mensch kosova-albanischer Herkunft und ein Veteran der linken kosova-albanischen Bewegung Ihnen nicht mehr zustimmen. - So sehr ich mich auch bemühte, konnte ich Ihnen leider nicht mehr folgen. Dies fand ich im Nachhinein sehr schade. Ich habe nicht auf Ihre Aussagen reagiert, damit die Diskussion nicht in eine andere Richtung geht, aber ich kann diese wichtigen – auch linken - Anliegen nicht unausgesprochen lassen.

 

Ohne Ihnen Geschichtsunterricht erteilen zu wollen, will ich mich samt meinem politischen Hintergrund so kurz wie möglich vorstellen:

Ich begann bereits im Jahr 1975 politisch aktiv zu werden und bin einer der Mitgründer der im Jahr 1978 gegründeten Organisation (PKMLSHJ; Übersetzung auf Deutsch: AKMLPJ = Albanisch Kommunistisch Marxistisch Leninistischen Partei in Jugoslawien). Die AKMLPJ setzte sich für die Gleichberechtigung der AlbanerInnen innerhalb der SFRJ (Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien) ein. Sie forderte die Gleichstellung der AlbanerInnen mit anderen Völkern der Föderation auf politischer, territorialer, ökonomischer und sozialer Ebene. Dies sollte durch die Schaffung einer gleichberechtigten albanischen Republik (nach Serben und Kroatien, waren die Albaner die drittgrösste Volksgruppe innerhalb das damalige föderative Gebilde), mit bereits bestehenden sechs slawischen Teilrepubliken; serbische, kroatische, slowenische, montenegrinische, mazedonische und bosnische innerhalb der Föderation geschehen. Auf unser schriftlichen Forderungen für die Umsetzung der verfassungsgarantierten Rechten auf Gleichberechtigung reagierte die damalige herrschende Politikklasse - wie wenn die Albaner/innen ehemaliger Jugoslawiens dieser Recht nicht würdig seien - mit Unterstellungen wir seien nationalistische und irredentistisch, sogar feindlich und reaktionär.

 

In den Demonstrationen im März und April 1981 forderten die Albaner/innen in der ehemaligen Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ) eine gleichberechtigte Albanische Republik innerhalb der SFRJ, worauf der Staat mit extremer Repression reagierte, so wie die antidemokratische Regierungen und Eroberungskolonialisten überall in der Welt gegen Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Volker reagieren.

 

Ich selbst stamme aus eine Quartier in Prishtinë der auch Heutzutage „Flüchtlingsquartier“(Lagja e Muhaxhirëve)  heisst. Meine Grosseltern sind mit weiteren Zehntausenden von Familien aus Altalbanien - die nach dem Berlinkongress 1878 sowie nach der Balkankriege 1913 auf „Südserbien“ getauft wurde – ähnlich wie wir 1999 sehen könnten, durch serbische Staatsgewalt und Segen der damaligen Grossmächte Europas vertrieben worden. Nur damals gab es keine Fernsehberichte, aber sehr Wohl Menschen und vor allem Linke, die darüber berichteten, unter anderen der serbische Sozialdemokrat Dimitrie Tucovic, sowie der Marxist Leu Trotzki. Siehe dazu noch zwei folgende Link:

http://www.agmarxismus.net/vergrnr/m15_2.htm (von Serbisch auf Deutsch übersetzt); undhttp://www.kosova-aktuell.de/index.php?option=com_content&view=article&id=2169:hinter-einem-zipfel-des-vorhangs-leo-trotzki-ueber-graeueltaten-an-den-albanern&catid=10:geschichte&Itemid=113

 

Die AKMLPJ initiierte und erreichte am 17.2.1982 die Einigung auch anderer albanischer politischer Gruppierungen und Organisationen in der neuen kosova-albanischen Gleichberechtigungs- und Befreiungsbewegung (LRSSHJ = Bewegung für Albanische Sozialistische Republik in Jugoslawien).

 

In den Demonstrationen 1981 gab es Tote Demonstranten und eine Welle der Verhaftungen, die durch viele weitere repressiven Massnahmen begleitet wurden. Bis im Jahr 1989 wurden rund 500'000 Menschen albanischer Abstammung im ehemaligen Jugoslawien polizeilich „behandelt“, darunter viele Studierende und Akademiker (Männer und Frauen).    

 

Für ihre kolonialistische Zwecke hat die serbisch-jugoslawische, reaktionäre und kolonialistische Staatspolitik (auch in Zeiten wo sie sich als „sozialistisch“ genannt hat) bei Regierungen und politischen Eliten sowie in der breiter Öffentlichkeit  Europas und der Welt, je nach Situation und Fall, uns mal als extrem Rechte und mal als extrem Linke „dargestellt“, die Nationalität der Albaner/innen als Bedrohung offenbart und damit auch unsere Bewegung „erfolgreich“ bekämpft. Dies wird auch weiterhin versucht. Es wurden viel Bücher und Werke in verschiedenen politisch relevanten Sprachen publiziert und/oder im Auftrag gegeben, damit eine geleugnetes Bild über die Förderungen und Anliegen der albanischen traditionellen Gleichberechtigungs- und Befreiungsbewegung, die auf Selbstbestimmungsprinzip der Völker basieren, vermittelt wird.

 

Was zwischen 1990 – 1999 passierte ähnelte einem Apartheidpolitik: Zwangs Gesetz- und Verfassungsänderungen machten die Albaner/innen zu Bürgern zweiter Klasse und sie wurden aus alle Staatsbetrieben und anderen Institutionen verjagt. Das damalige kosova-albanische Provinzparlament und Provinzregierung, samt alle andere Institutionen sowie die Schulen und Universitäten auf Albanisch wurden in Illegalität verdrängt. Währenddessen wurden seitens „Sozialistische“ Partei Serbiens am Ende des 20 Jahrhunderts Relikte aus der Mittelalter reaktiviert. Das war der Fall beim Bau der „berühmten“ Orthodoxe Kirche in Universitätsareal der Hauptstadt Kosovas Prishtinë. Dies sollte „bezeugen“, dass irgendwann in Mittelalter, orthodoxe Serben die Herren des Landes waren. Als ob die menschliche Geschichte und speziell die von Südosteuropa erst mit der Völkerwanderung der Slawen im früheren Mittelalter angefangen hätte.

 

Im Jahr 1999 wurden zirka 1 Million Menschen albanischer Abstammung aus ihren Häusern zwangsweisse vertreiben und danach ihre Häuser und Dörfer mehrheitlich zerstört. Ungefähr 12.000 Zivilisten (darunter viele alte Menschen, Frauen und Kinder) wurden durch serbische Armee und paramilitärische Kräfte umgebracht. Mehrere Tausend Mädchen und Frauen wurden vergewaltigt. Ein mehrmals wiederholtes Szenario in letztem Jahrhundert.

 

Die Intervention der NATO und der sogenannten „Staatengemeinschaft“ in Fall Kosovas scheinen eine Ausnahme und auch ein Widerspruch in sich zu sein. Vielleicht war es das erste Mal in der Geschichte, wo die Linke und die Rechte ihre ideologischen Positionen „wechselten“. Es war üblich und wir sind weiterhin fest überzeugt, dass der Befreiungskampf (nationale und soziale Bewegungen, anti-kolonialistische Bewegungen) und der Klassenkampf (Gleichheit, Gerechtigkeit, menschliche Gesellschaft ohne ethnische und soziale Unterdrückung, gerichtet gegen die Ausbeutung der Schwachen) die Slogans und die Fahne der Linken politischen Bewegung und Menschen dieser Überzeugung weiterhin bleiben. Die Supermächte mit ihren staatlichen Mechanismen standen stets auf der Seite der Unterdrücker und unterstützten sie mit Rat und Tat. Es ist verwirrend und fast so, wie wenn die Machtverhältnisse anders wären.

 

Klar ist, dass es im „Kosova-Krieg“ auch um Machtverhältnisse und geopolitische, resp. geostrategische sowie wirtschaftlichen Interessen der Mächtigen ging, aber das hätte nicht soweit gehen dürfen, dass einige „linke“ Persönlichkeiten & politische Fraktionen in Westen aufgrund ihres „Antiamerikanismus“ für den feudalistischen Kolonialismus und die Apartheid klatschen.

 

Es fehlte oft an Verständnis, vor allem seitens einiger „linker“ politischen Persönlichkeiten & Gruppierungen, wieso die deutliche Mehrheit der Menschen in Kosova bereit waren, rund 40 fremde Armeen aber keine serbische oder andere Nachbararmee zu dulden. Die Handlungen und Taten der Nachbarn in letzten Jahrhundert haben dazu beigetragen, dass der Neukolonialismus im Vergleich mit Nachbarbesatzung kein Aspekt der zwangsweise Assimilation und Vernichtung darstellt und vor allem hat diese neue Art der Kolonialismus nicht die biologische Vernichtungsdrohung durch Vertreibung, durch Säuberung mit dem Endziel, die Vernichtung eines Volkes, während die Besatzungsambitionen der Nachbarn genau dies anstrebten.

 

Nicht nur selbsternannte linke Gruppierungen sondern auch bestimmte Exponenten der westlichen Politikmacherei, die über Entscheidungskompetenzen innerhalb der EU verfügen - sowie dessen mediale Berichterstattungen begleitet durch Unterstellungen -, zeigen nur, dass sie – aus welchen Gründen auch immer - für kolonialistische Verhältnisse und chauvinistische Politik in Südosteuropa agieren und applaudieren. Absichtlich oder unbewusst verharmlosen sie das verbrecherische Handeln des serbisch-jugoslawisches Staates an Albaner/innen und Bosniaker/innen.

 

Ich verstehe zu einem gewissen Punkt Ihren Pazifismus – aber in dem Sie den Krieg einseitig verurteilen, machen Sie sich Komplize der Kriegsverbrecher und Unterdrücker, die wie vor als auch nach dem Ende von Ex-Jugoslawien sich in diesem Territorium breit machten

Und abschliessend ohne Sie mit Ratschlag belehren zu wollen, bitte ich Sie als Mensch und auch als Linke Ihre Aussagen in Zukunft zu überdenken und etwas differenzierter auf die Leidenssituation, Unterdrückung und Verfolgung anderer Volksgruppen Rücksicht zu nehmen.

 

Kurz nach der Veranstaltung im Volkshaus haben die Medien berichtet, dass ein Massengrab von getöteten Albaner/innen Kosovas, deren Leichen  danach nach Serbien transportiert wurden, um das Verbrechen von serbische paramilitärische und militärische Kräfte an Zivilisten zu verbergen, gefunden wurden. Daher können sie vielleicht verstehen, warum mir nicht anderes übrig  bleib, als dass ich bei Deinen und ähnlichen Äusserungen gleich abschalte und nicht mehr zuhören kann und will.

 

 

Osman Osmani, in Bern, am 17. Dezember 2013

 

 

 

Osman Osmani, UNIA- Gewerkschaftssekretär für Migration aus der Schweiz.

Sozialpolitisches Komiteemitglied der „Bewegung für Selbstbestimmung“ ( VV) in Kosova




 

Anmerkung der Redaktion von Kosova-Aktuell

 

Wir schätzen Jutta  Ditfurth sehr. Frau  Ditfurth ist eine unbeugsame Kämpferin gegen Kapitalismus und Militarismus. Sie sitzt für die Ökologische Linke im Stadtrat in Frankfurt am Main. Sie ist auch eine sehr gute Publizistin. In den nächsten Tagen werden wir eine Rezension ihres neuesten Buches „ Der Baron die Juden und die Nazis “ veröffentlichen. Bestellungen unter http://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_ss_i_0_15?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&url=search-alias%3Dstripbooks&field-keywords=jutta%20ditfurth%20der%20baron%20die%20juden%20und%20die%20nazis&sprefix=Jutta+Ditfurth+%2Cstripbooks%2C258&rh=i%3Astripbooks%2Ck%3Ajutta%20ditfurth%20der%20baron%20die%20juden%20und%20die%20nazis

 

Dennoch hatte unserer Meinung nach, auch Jutta  Ditfurth eine falsche Meinung zu Kosova. Wie viele deutsche Linke hatte sie nicht gegen die NATO Intervention argumentieren dürfen unter dem Motto: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Es gab damals in Kosova massive Verbrechen durch die serbischen Faschisten. Die Mehrheit der französischen Linken hatte im Jahr 1999 die Haltung: Gegen Milosevic -gegen die NATO- Selbstbestimmung für Kosova“. Wir bieten Jutta  Ditfurth ein Gespräch darüber an aber auch eine gemeinsame Reise nach Kosova.

 

Für die Redaktion Max Brym