Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
18:24
05.12.2019

Max Brym stellte am 29.7. die Frage, ob es richtig sei, Antizionist zu sein Hintergrund war zweifellos die aktuelle Debatte über Palästinasolidarität und „Antisemitismus“. M.B. ist der Meinung, dass sich die Debatte über Zionismus oder Antizionismus historisch erledigt habe. Zu seinen Begründungen gehört die, dass heute kein israelischer Arbeiter mit der Forderung nach Liquidierung des israelischen

Staates gewonnen werden könne. Er schreibt: „Ebenfalls gibt es ein jüdisches hebräisches Nationalbewusstsein in Israel. Kein israelischer Arbeiter kann mit der Forderung nach Liquidierung des israelischen Staates gewonnen werden. Es gilt das Selbstbestimmungsrecht der Israelis, wie der Palästinenser zu akzeptieren und durchzusetzen. Am besten, um es etwas abstrakt zu formulieren, mit der Forderung nach einem sozialistischen Israel, neben einem sozialistischen Palästina.“

Zweifellos ist es perspektivisch überaus wichtig, israelische Arbeiter – es ist nicht klar, ob er nur von jüdischen Israelis spricht oder auch die arabischen meint, die die Zionisten 1948 nicht mehr vertreiben konnten - zu gewinnen. Soweit es sich  um jüdisch-israelische Arbeiter handelt, gilt für diese das, was K.Marx bereits zur irischen Frage schrieb, dass nämlich kein Volk (damals das englische) frei sein könne, das ein anderes (damals das irische)  unterdrückt. Entsprechend ist die Abkehr vom Zionismus als der ideologischen Grundlage der nationalen Unterdrückung der Palästinenser durch den zionistischen Staat Israel eine der unumgänglichen Voraussetzungen für die Entfaltung eines politischen Klassenkampfes der jüdisch-israelischen Werktätigen gegen die Israel beherrschende jüdisch-israelische Bourgeoisie.

M.Brym kommt zu dem Schluss, dass die beste Lösung ein sozialistisches Israel neben einem sozialistischen Palästina sei. Das ist aber eine halbherzige Position. In der Tat ist die Aufhebung sowohl des jüdischen Nationalismus (Zionismus) wie auch des palästinensischen Nationalismus – und erst recht des nicht zuletzt auch religiös vermittelten judenfeindlichen Islamismus à la ‘Hamas’ - nicht nur die beste, sondern vermutlich die einzig mögliche Lösung. Die Schaffung eines sozialistischen Staates Israel aber ist gleichbedeutend mit der Liquidierung des Zionismus als dessen raison d’être. Kurzum, wer den Sozialismus auf dem Boden des historischen Palästina fordert, fordert damit die Auflösung Israels, wie es sich seit seiner Gründung definiert – als „jüdischer“ Staat, statt als Staat aller dort Lebenden. Selbstredend wird damit nicht die Unterdrückung oder gar Vertreibung der jüdisch-israelischen Bevölkerung gefordert. Deren Präsenz ist schließlich eine Voraussetzung für die sozialistische Revolution dort.

M.B. zeigt in seinem Beitrag ein nachvollziehbares Verständnis für die Entwicklung des Zionismus als Antwort auf den (europäischen/christlichen!) Antijudaismus/Antisemitismus. Er verwechselt dabei aber tendenziell „Verstehen“ mit „Gutheißen“. Der Zionismus war und ist eine bürgerliche Ideologie, ein Nationalismus. Nachdem entgegen Herzls Ansicht Palästina eben kein „Land ohne Volk“ war, war und ist das Programm, alle Juden der Welt dort zu versammeln, nur durch die Vertreibung und Entrechtung der dortigen arabischen Bevölkerung (Muslime und Christen) zu realisieren. Das wiederum war nur möglich durch die Unterstützung der imperialistischen Mächte. All das ist unvereinbar mit einer sozialistischen (oder auch nur bürgerlich-fortschrittlichen) Perspektive.

Die Frage, wie weit es unter sozialistischen Bedingungen Sinn macht, Juden (d.h. all jene, die sich aus welchen Gründen auch immer so definieren) und Araber staatlich zu trennen, eventuell in autonomen Gebieten des gleichen Staates, scheint mir nachgeordnet zu sein. Eine solche Forderung seitens „der Juden“ klingt angesichts dessen, dass sie die „unterdrückende Nation“ sind, als wenig vereinbar mit einem sozialistischen Bewusstsein, ihre Akzeptierung durch „die Palästinenser“ aber eventuell als für geraume Zeit nützlich, weil nach der langen vorhergegangen Konfliktgeschichte für die jüdischen Klassenschwester und –brüder beruhigend.

Was nun ‘Hamas’ und ihre Strategie und Taktik anbelangt, so ist M.B. zuzustimmen, dass diese nicht in der Lage ist, Palästina von der zionistische Herrschaft zu befreien, setzt eine solche Befreiung doch die Abkehr des Mehrheit der Juden in Israel vom Zionismus voraus. Eine Eroberung Israels, der einzigen Atommacht der Region, von Außen ist ausgeschlossen, es sei denn der westliche Imperialismus entzöge dem Land die finanzielle und militärische Unterstützung. Eine solche Eroberung von Außen ist in der Tat angesichts  der reaktionären Entwicklung in der arabischen Welt (die natürlich auch wesentlich ein Ergebnis der jahrzehntelangen Machtlosigkeit gegenüber dem zionistischen Staat ist, der im Übrigen bekanntermaßen die Islamisten in Gaza zunächst gegen die damals noch eher „linke“ PLO unterstützt hat) nicht nur noch undenkbarer als zuvor, sondern auch kaum zu wünschen. Allerdings darf man nicht übersehen, dass die ‘Hamas’ aktuell gegen die kollaborationistische PA in der Westbank dafür steht, den Widerstand am Leben zu erhalten, statt die völlige Unterwerfung zu akzeptieren.

            Noch einmal zum Begriff des Zionismus: Max Brym verteidigt ihn gegen landläufige „linke“ Angriffe, die ihn als „faschistoid“ denunzieren. Es ist sicher so, dass den Begriff „faschistisch“ und „faschistoid“ allzu oft jeden wissenschaftlichen Inhalts entleert als purer Kampfbegriff, als Beleidigung verwendet wird. Der Zionismus geht von einem unausrottbaren Antijudaismus (in Europa seinerzeit identisch mit Antisemitismus, weil die einzigen „Semiten“, die man hier kannte bzw. vor Ort hatte, die Juden waren) der Nicht-Juden aus und traf und trifft sich mit den erklärten Antisemiten in der Position, dass Juden und Nicht-Juden nicht gedeihlich und gleichberechtigt zusammenleben können. Daher die Forderung nach einem eigenen jüdischen Staat. Insofern deren Verwirklichung einerseits imperialistische Unterstützung brauchte und in einem „Land mit Volk“ stattfand, war er ein koloniales Projekt. Der Zionismus hat deshalb noch nichts speziell Faschistisches an sich, sondern ähnelt dem anderer Siedlerkolonialismus wie dem südafrikanischen Apartheidregime oder der französischen Kolonialherrschaft über Algerien (von dieser unterscheidet er sich allerdings darin, dass sein Zentrum in der Tat im Kolonialgebiet liegt). Das schließt natürlich nicht aus, dass Teile der zionistischen Bewegung (wie alle Nationalisten) faschistische Tendenzen entwickeln. Auf dieser Basis gab es ja auch durchaus eine Zusammenarbeit zwischen dem nazistischen Deutschen Reich und rechten zionistischen Kräften, und wenn heute in Israel Pöbel in den Straßen „Tod den Arabern“ skandiert, sollte man durchaus von Faschismus sprechen. Israel selbst ist natürlich kein faschistischer Staat, sondern in der Tat der bürgerlich-demokratischste der gesamten Region. Das war Frankreich oder Großbritannien auch zu Zeiten ihrer blutig zusammengehaltenen Kolonialreiche.

Die Tatsache aber, dass halbgare Linke „den“ Zionismus als faschistisch denunzieren, darf nicht dazu führen, ihn – wie das Max Brym letztlich tut – mehr oder minder reinzuwaschen und in Schutz zu nehmen. Der Kampf gegen die Zionismus, zu dem die deutliche Unterscheidung von Zionismus und Judentum zwingend gehört, ist umso notwendiger – und zwar auch hierzulande – als zionistische Organisationen versuchen, „die“ Juden in Sippenhaft zu nehmen für die Verbrechen des zionistischen Staates. Der Kampf gegen den Zionismus ist eine der Voraussetzungen für den Kampf gegen den Antijudaismus.

 

Text von Max Brym auf Kosova- Aktuell

 

(http://kosova-aktuell.de/index.php?option=com_content&view=article&id=2774:israel-palaestina-ist-es-richtig-antizionist-zu-sein&catid=13&Itemid=111 und: http://www.scharf-links.de/48.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=46123&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=7cf0b0f428 ).

 

Anmerkung von Max Brym

Mit dem Genossen Holberg lohnt  sich auf alle Fälle eine Debatte. Dennoch hier nochmals eine Klarstellung meinerseits. Es gilt den Fakt zu berücksichtigen, dass es neben der israelischen Bourgeoisie eine israelische Arbeiterklasse gibt. Zu dieser Klasse rechne ich auch die arabischstämmigen  Israelis. Die Frage des Zionismus ist für mich eine historische Frage weil es den Staat Israel nun mal gibt. Heute ausgerechnet in Deutschland den Hebräern das Selbstbestimmungsrecht in Frage zu stellen ist mehr als fatal. Es wird zu keinem gemeinsamen Kampf gegen sämtliche Reaktionäre in der Region kommen wenn nicht das Selbstbestimmungsrecht der Israelis genauso wie das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser akzeptiert wird. Grundsätzlich lehne ich die Politik der israelischen Rechten und ihre Angriffe auf palästinensische Zivilisten ab. Anbei ein Interview mit Professor Dr. Moshe Zuckermann von der Universität Tel Aviv mit dem ich mich voll und ganz solidarisiere.

 

Interview »Die Friedensbewegung ist bedeutungslos«

Militarisierte Gesellschaft: Die Auswirkungen des Gaza-Kriegs auf die innenpolitische Situation in Israel. Ein Gespräch mit Moshe Zuckermann

Quelle - http://www.jungewelt.de/2014/08-02/050.php

 

 

Foto Professor Dr. Moshe Zuckermann 

unbenannt
 
Foto: Björn Kietzmann