Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
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22.04.2019
Vollbild anzeigenAm 8. März traten viele Frauen in Kosovo massiv für ihre Rechte ein. Im Vordergrund der Proteste stand das Thema: Das  Schicksal der vergewaltigten Frauen in Kosova, im Krieg 98/99. Der Protest richtete sich gegen die Regierung Thaci, sowie gegen die  die serbische Regierung. Die Frauen forderten die Anerkennung als Opfer und spezielle Renten. Mit dem Protest wurde auch die Tabuisierung dieser Frage in der kosovarischen Gesellschaft kritisiert. Anbei ein

Dokumentation zu dieser Frage aus http://www.albanien.ch/forum/newinst/viewtopic.php?f=14&t=2423&start=80

Dokumentation

Vergewaltigung

Vergewaltigungen sind in der traditionellen kosovo-albanischen Gesellschaft
ein Tabuthema. Sie werden oft nicht als Verbrechen sondern als Schande
für die ganze Familie angesehen. Vergewaltigte Frauen sehen sich oftmals
dazu gezwungen, die Vergewaltigung für sich zu behalten und im Stillen zu
verarbeiten. Sie haben Angst, von ihren Ehemännern verlassen und von
Familie und Gesellschaft verstossen zu werden.32
Entsprechend zeigen sich Kosovo-Albanerinnen im Vergleich zu Bosnierinnen
sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, das Erlebte offenzulegen oder
spezifische Hilfe anzunehmen. Verschiedene Hilfsorganisationen im Kosovo,
welche sich um traumatisierte Frauen kümmern berichten auch, dass es
schwierig sei, den Zugang zu den Frauen zu finden. Diesen drohe gesellschaftliche
Ächtung, wenn sie nur schon beim Betreten des Büros einer
Hilfsorganisation für vergewaltigte Frauen gesehen würden.33
Die meisten Frauen, welche über ihr Schicksal während des Konfliktes sprechen,
geben an, sie seien Zeuginnen von Vergewaltigungen geworden. Nur
wenige sind bereit zuzugeben, dass sie selbst zu den Opfern gehören. Hu-
31 USAID, Women Rebuilding Kosovo, 18. Oktober 1999.
32 U.S. Department of State (U.S. DoS). Country Reports on Human Rights Practices for
1999. Washington, D.C. 25. Februar 2000; Sonntags Zeitung. Zürich. 12. Dezember
1999.
33 Facts. Zürich. 16. März 2000.
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Bern-Wabern, 29.8.2000 Die kosovo-albanische Frau in Familie und Gesellschaft
man Rights Watch ist es mit Hilfe anderer NGOs dennoch gelungen, die
Aussagen einiger Frauen aufzunehmen und 96 Fälle von Vergewaltigung
kosovo-albanischer Frauen durch serbische Sicherheitskräfte, Armeeangehörige
und Paramilitärs zu belegen.34
Wie viele Frauen im Laufe des Kosovo-Konfliktes vergewaltigt wurden, ist
bis heute aufgrund der Tabuisierung des Themas unklar. Internationale Organisationen
sprachen nach der NATO-Intervention von zehntausenden
Vergewaltigten. Diese Zahlen konnten bis jetzt noch nicht bestätigt werden
und es bestehen Zweifel, ob die genaue Anzahl der vergewaltigten Frauen
jemals zu beziffern sein wird.35
Wenig Zweifel bestehen darüber, dass kosovo-albanische Frauen während
des Konfliktes systematisch vergewaltigt wurden. Human Rights Watch geht
davon aus, dass Vergewaltigungen gezielt dazu dienten, mutmassliche
UCK-Mitglieder unter Druck zu setzen, der gesellschaftlichen Stellung angesehener
Familien zu schaden, Geld zu erpressen, die Familien zur Flucht zu
bewegen und, so wird erzählt, eine Serbisierung herbeizuführen. Human
Rights Watch konnte aber keine Beweise für Vergewaltigungslager finden,
wie sie in Bosnien existiert haben.36
Die meisten Vergewaltigungen wurden von serbischen Paramilitärs verübt.
Zeugen und Opfer von Vergewaltigungen identifizierten die Täter aber auch
als Soldaten der regulären jugoslawischen Armee und Angehörige der serbischen
Spezialpolizei. Human Rights Watch erachtet es als unwahrscheinlich,
dass die Vorgesetzten der Täter nichts von den Vergewaltigungen
wussten. Im Gegenteil, die Taten sollen oft unter Anwesenheit von Offizieren
begangen worden sein.37
Die bei einer Vergewaltigung gezeugten Kinder werden als Zeichen der
Schuld angesehen und sind in den Familien unerwünscht. Die meisten der in
Krankenhäusern geborenen Kinder bleiben als Waisen zurück.38 Nach Angaben
einer deutschen Zeitung gibt es im Kosovo kein Waisenhaus, wo diese
Kinder gross werden könnten. Das einzige Waisenhaus sei 1993 geschlossen
worden.39 Einem Artikel der Kosova-Info-Line hingegen ist zu entnehmen,
dass Kinder durch Medica mondiale Kosova in Heimen untergebracht
würden. Wo diese Heime liegen und welcher Art sie sind, geht daraus
allerdings nicht hervor.40 Oft nehmen die Frauen, welche eine Schwangerschaft
vor ihren Familien nicht verstecken können, die Neugeborenen aber
auch mit, damit nicht auffällt, dass diese von einem Vergewaltiger stammen.
34 Human Rights Watch (HRW). Federal Republic of Yugoslavia, Kosovo: "Rape as a
Weapon of Ethnic Cleansing". 2000.
http://www.igc.org.hrw/reports/2000/fry/Kosov003.htm (26. Juli 2000).
35 Kosova-Info-Line. 10. Januar 2000; Facts. 16. März 2000.
36 HRW. "Rape as a Weapon of Ethnic Cleansing." 2000.
37 HRW. "Rape as a Weapon of Ethnic Cleansing." 2000.
38 Facts. 16. März 2000.
39 Hamburger Abendblatt. Hamburg. 11. Januar 2000.
40 Kosova-Info-Line. 13. Juni 2000. http://www.kosova-info-line.de/kil/pressestimmen-
1963.html (16. Juni 2000).
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Bern-Wabern, 29.8.2000 Die kosovo-albanische Frau in Familie und Gesellschaft
5. Prostitution
Prostitution war im Kosovo vor dem Krieg eine eher seltene aber keinesfalls
unbekannte Erscheinung. Nach dem Krieg verhalfen die sozioökonomischen
und gesellschaftlichen Folgen des Krieges, das Fehlen eines
funktionierenden Justizsystems, durchlässige Grenzen und die Anwesenheit
ausländischer Truppen und Organisationen der organisierten Prostitution
jedoch zu einem starken, noch immer anhaltenden Aufschwung.41 Einer
Quelle zufolge sollen etwa 10'000 Prostituierte im Kosovo arbeiten.42
Viele, oftmals auch aus ländlichen Gebieten stammende Frauen sehen in
der Prostitution die einzige Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren
und für ihre Familien zu sorgen. Unter dem Vorwand, einer regulären Arbeit
nachzugehen, leben sie in den städtischen Zentren und prostituieren sich
ohne das Wissen ihrer Familien.43 Sie arbeiten selten auf der Strasse, sondern
hauptsächlich in Bordellen und Wohnungen, wo sie der Aufmerksamkeit
der Öffentlichkeit entgehen. Denn obwohl in den Städten ein schwindender
Einfluss des traditionellen Lebens- und Moralkodexes feststellbar ist,
stösst die Prostitution kosovo-albanischer Frauen auf gesellschaftliche Ächtung.
44
Dies dürfte mit ein Grund dafür sein, dass die Strassenprostitution vor allem
von Frauen aus Bulgarien, Russland, Moldavien, Polen, Tschechien oder
der Ukraine bestritten wird.45 Diese Frauen kommen mit mafiösen Organisationen
in den meisten Fällen freiwillig, zum Teil aber auch unfreiwillig in den
Kosovo, kennen aber die Bedingungen nicht, unter denen sie dort arbeiten
werden. Internationale Beobachter sprechen von Versklavung, denn den
Frauen werden die Reisepapiere abgenommen, Löhne nicht ausbezahlt und
nur das Nötigste für den Lebensunterhalt gegeben. Auf eigene Faust ist es
diesen Frauen nicht möglich, in ihre Heimat zurückzukehren. Erst kürzlich
befreite die UNO-Polizei 50 solcher Frauen.46
Kosovo ist nicht nur ein Zielland der organisierten Prostitution, sondern dient
auch als Quelle für den internationalen Frauenhandel.47 Gemäss einer Studie
sollen während des Krieges in den Flüchtlingslagern 37 Prozent der
41 Institute for War and Peace Reporting (IWPR). "A Prostitute's Call - 'We Will Take Over
Kosovo'." 10. Dezember 1999.
http://www.iwpr.net/index.pl5?archive/b ... _1_eng.txt (20. Oktober 2000);
Stop-Traffic Listserver Archive. "Kosovo: UN Concerned About Increased Sex Traffikking."
24. April 2000. http://www.friends-partners.org/partner ... /0809.html
(20. Oktober 2000).
42 Sabac OnLine - Elektronski Magazin. "Towards A 'New Kosovo'." Juni 2000.
http://www.sabac.co.yu/e-zi/.../n_arvan ... 062000.htm (20. Oktober
2000).
43 IWPR. "A Prostitute's Call." 10. Dezember 1999.
44 IWPR. "A Prostitute's Call." 10. Dezember 1999.
45 IWPR. "A Prostitute's Call." 10. Dezember 1999; eGroups, Decani Messages. "NATO
Spurs Kosovo Prostitution Boom." 6. Januar 2000.
http://www.egroups.com/message/decani/23844 (20. Oktober 2000).
46 Kosova-Info-Line. 8. Januar 2000. http://www.kosova-info-line.de/kil/pressestimmen-
1522.html (20. Oktober 2000); Stop-Traffic Listserver Archive. "UN Concerned About Increased
Sex Trafficking." 24. April 2000.; eGroups. "NATO Spurs Kosovo Prostitution
Boom." 6. Januar 2000.
47 U.S. DoS. Country Reports on Human Rights Practices for 1999. 25. Februar 2000.
BFF / Analysen Öffentlich Seite 12
Bern-Wabern, 29.8.2000 Die kosovo-albanische Frau in Familie und Gesellschaft
Frauen von Menschenhändlern angesprochen worden sein.48 Berichtet wird
auch von mehreren Entführungsfällen in Pristina/Prishtina nach dem Krieg.49
Angesichts des drastischen Anstiegs der erzwungenen Prostitution und des
Frauenhandels hat die International Organization for Migration (IOM) eine
internationale Kampagne dagegen lanciert. Die Kampagne soll der sexuellen
Ausbeutung von Frauen entgegenwirken und ein Klima schaffen, in dem der
Frauenhandel nicht toleriert wird.50