Aktuelles aus Prishtinë (Pristina), Mitrovica, Prizren, Prizeren, Pejë, Pec - Historisches zu Kosova und UCK
03:55
06.10.2022
Das Interview mit Mahmut Bakalli führte Max Brym am 29. Februar 2000 in Prishtinë.

 Wer waren Sie und wer sind Sie?

Ich bin politischer Analytiker in Kosova, und bin im Dienste aller albanischen Parteien sowie der albanischen patriotischen Bewegung. Ich bin auch öfters als Berater der verschiedenen diplomatischen Kreise tätig.

Wer war ich?

Ich war Vorsitzender des Provinzkomitees der kommunistischen Partei des Kosova. In dieser Periode bis 1981 ist sehr viel erreicht worden zu Gunsten Kosovas. In dieser Zeit wurde der Status des Kosovas innerhalb der Jugoslawischen Föderation geändert. Es gab ein Vetorecht für Kosova, wir waren ein Teil dieser Föderation und hatten dieselben Rechte wie die anderen Republiken.

Wenn die Rechte gleich waren, warum hat ein Teil der albanischen Öffentlichkeit, und warum haben dann die Demonstranten offiziell eine Republik verlangt?

Sie fragten sich: Warum gibt es keine albanische Republik in Jugoslawien? Sie haben danach gerufen und haben dabei historisch argumentiert. Dieser Anspruch nach einer Republik war eigentlich nicht ganz grundlos. Wir konnten allerdings 1980, nach Titos Tod, nicht gleich eine Republik beanspruchen. Deswegen solidarisiere ich mich auch heute noch nicht mit den Demonstranten von 1981. Ich war energisch gegen diese Demonstrationen. Ich war aber auch gegen die Bewertungen, die Jugoslawien diesen Demonstrationen gegeben hat. Im kommunistischen Vokabular war diese Bewegung konterrevolutionär und man musste sie mit Panzern niederschlagen. Deswegen konnte ich auch mit dieser Bewertung der Demonstrationen in Kosova durch die jugoslawische Regierung nicht einverstanden sein. Aufgrund meiner anderen Bewertung hat mich die damalige jugoslawische Regierung 1981 hart bestraft.

Waren Sie zur damaligen Zeit Kommunist bzw. sind Sie heute links oder wie würden Sie Ihren heutigen politischen Standort bewerten?

Ich verwende einen französischen humoristischen Spruch, wo gesagt wird, ich bin kein Linker, ich bin kein Rechter, ich bin ein Dritter, ein Gerader. Weder bei mir, noch beim albanischen Volk kann man diese Dinge ideologisch sehen. Es geht um existenzielle, um vitale Dinge wie Freiheit, Unabhängigkeit, Demokratie. Das sind die Dinge, die viele Leute hier vertreten. Und das ist weder rechts noch links.

Kurz gesagt, was verstehen Sie unter Freiheit und Unabhängigkeit?

Die albanische Strategie besteht aus drei Elementen: Das erste ist die Freiheit, das zweite die Unabhängigkeit, das dritte die Demokratie. Alle drei Elemente sind miteinander verbunden. Man kann nicht sagen, dass wir nur für die Freiheit und Unabhängigkeit sind. Wir müssen immer alle drei Elemente berücksichtigen. Wenn wir für die Freiheit kämpfen, kämpfen wir nicht für eine Jakobinerdiktatur oder für eine plebejische Diktatur, sondern wir kämpfen für eine westliche Demokratie. Unsere Freiheit und Unabhängigkeit sind nur dann wertvoll, wenn wir uns an der westlichen Demokratie orientieren. Das muss zuerst das albanische Volk verstehen und die albanischen politischen Führer. Ich bin sehr froh darüber, dass immer mehr die Verbindung dieser beiden Elemente bei den Albanern um sich greift.

Meinen Sie, dass die Anlehnung an die westlichen Staaten wirklich eine Lösung ist, auch für die wirtschaftlichen Probleme des albanischen Volkes? Denn z. B. ganz Lateinamerika orientiert sich an den großen westlichen Staaten und trotzdem geht es den Leuten dort relativ schlecht.

Diese Sorgen habe ich nicht, denn wir stützen uns auf unsere Ressourcen, unsere Vitalität, auf die Schaffung der freiheitlichen Bedingungen. Uns ist klar, dass wir uns mit all unserer Energie auf den Wiederaufbau Kosovas konzentrieren müssen. Das wirtschaftliche Potential und das industrielle Potential ist da. Wir haben Rohstoffreichtum. Wir sind ein sehr junges und gebildetes Volk. Ich bin überzeugt, dass dieses menschliche Energiepotential für eine bessere Zukunft Kosovas verwendet werden kann. Wir werden die Unterstützung des Westens und Amerikas erhalten, um dieses Potential wirklich zu nutzen. Mit dem Potential, das wir hier haben und mit Hilfe des Westens werden wir ein besseres Leben erreichen als die Lateinamerikaner.

Um welches ökonomische Potential handelt es sich genau?

Wir haben mehrere Potentiale z.B. die Rohstoffe, die Möglichkeiten der Energiegewinnung, Metalle, Landwirtschaft. Nach der zehnjährigen Okkupation Kosovas durch den serbischen Staat wurde viel von diesem Potential zerstört. Der erste Schritt muss sein, von den ausländischen Organisationen Kredite zu erhalten, um dieses Potential in Gang zu setzen. Man fragt öfters nach den Eigentumsrechten. Mir ist klar, die Frage des Eigentums ist noch nicht geklärt. In der Zeit Titos war das Eigentum gesellschaftliches Eigentum. Später, nach Tito, wurde an den Eigentumsformen einiges geändert. Diesen Transformierungsprozess müssen wir weiterführen. Um dies erfolgreich tun zu können, brauchen wir eine eigene Regierung und ein Parlament. Das haben wir noch nicht und das wird auch noch einige Zeit dauern. Es ist noch einige Zeit bis zu den freien Wahlen unter UNO-Protektorat. Mein Vorschlag ist, dass wir nicht auf diese freien Wahlen warten. Wir müssen vorher schon mit der Produktion anfangen und für Investoren Vertrauen schaffen. Den privaten Investoren muss bewusst gemacht werden, dass jede Investition ihr privates Eigentum ist. Die Leute müssen für ihre Tätigkeit natürlich auch Löhne kriegen und arbeiten können. So muss die Wirtschaft anfangen: mit Krediten, Zinsen und absoluter Sicherheit. Ich bin überzeugt, dass das deutsche Kapital großes Interesse an diesem Land hat, genau wie andere Kapitalien aus anderen Ländern.

Haben Sie nicht die Befürchtung, dass private Investoren sich nur bestimmte Objekte herausnehmen, hier nur Billiglöhne zahlen und die Gewinne im Westen auf westlichen Banken lassen?

Dringend ist die Revitalisierung der Wirtschaft. Wir dürfen das Land für ausländisches Kapital auf keinen Fall verschließen. Ich habe keine Angst vor Kolonialismus. Ich habe keine Angst davor, denn wer nach Spanien geht, kann mit seinem Kapital auch hierher kommen.

Das serbische Parlament hat vor kurzem behauptet, Trepça wäre bereits privatisiert. Trepça ist die Hauptursache der Probleme in Mitrovica und der gesamten Region. Ich erinnere Sie daran, dass ausländische Analysten errechnet haben, dass der Wert von Trepça bei 5 Mrd. Dollar liegt. Wir dürfen nicht vergessen, dass vor fünf Jahren Milośevič mit dem Export der Güter aus Trepça 100 Mio. Dollar verdient hat.

Trepça stellt ein schwieriges Problem dar, nicht nur ökonomisch, sondern auch geostrategisch. Drei Viertel der Mineralien des ehemaligen Jugoslawien sind in Trepça und in der Nähe von Trepça zu finden. Es ist ein hartes und schweres Problem. Um das ganze Problem Mitrovica zu verstehen, muss man das Problem Trepça verstehen. Solange Milośevič hier das Sagen hatte, in einer unlegitimierten Form, hat er die verschiedensten Transaktionen durchgeführt. Diese Transaktionen führte er durch, um seine Macht zu stärken. Er hat einen Teil an die Franzosen verkauft, er hat an die Griechen verkauft. Aber diese Geschäfte sind fiktiv. Jeder Beschluss dieses gewesenen Regimes hat keine Bedeutung mehr. Wir müssen jetzt anfangen, Trepça neu zu revitalisieren und die Transformierung des Eigentums in die Wege zu leiten. So können wir das Problem Trepça lösen. Falls Trepça den französischen und griechischen Investoren etwas schuldet, müssen wir zum internationalen Gerichtshof gehen, der feststellen soll, wer wem etwas schuldet. Wir müssen überprüfen, wem Trepça gehört. Aber Trepça ist unser.

Ich habe in einer Veranstaltung der freien Bergarbeitergewerkschaft von Trepça teilgenommen. Die Sprecher haben sich auf die alte jugoslawische Verfassung berufen. Sie betrachten sich als Gruppeneigentümer und sie sagen, dass das Bergwerk das Eigentum der Arbeiter bleiben muss. Milośevič hat schon dieses Eigentum widerrechtlich genommen. Ist die Haltung der Bergarbeiter verständlich und richtig?

Es ist richtig, weil Trepça den Arbeitern gehört. Dieser Privatisierungsbeschluss wurde vor Jahren annulliert und wir müssen jetzt mit den Mitteln Kosovas die Privatisierung in die Wege leiten, mit den westlichen Normen.

Ist es nicht ein Widerspruch zu dem, was die Minenarbeiter sagen?

Was die Minenarbeiter sagen, ist wahr. Aber man muss sich mit der Transformierung abfinden. Die Transformierung ist noch nicht abgeschlossen. Ich bin da anderer Meinung, als Aziz Abrashi.

Warum sollten Ihrer Meinung nach die Kosovaren Trepça nicht übernehmen?

Sie fragen mich warum nicht. Es ist schwer. Dazu brauchen wir die Autorität der UN. Trepça ist kein kleiner Betrieb, sondern ein großer Komplex.

In der deutschen Presse wird jetzt sehr oft das albanische Volk mit dem identifiziert, was vorher der serbische Staat getan hat. Viele Journalisten in Deutschland schreiben, die Albaner seien jetzt genauso wie vorher die Serben. Was ist ihre Meinung?

Ich glaube, das ist eine Überbewertung und gleichzeitig eine falsche Bewertung. Nach dem Weggehen der serbischen Armee ist einiges passiert, auch einige Verbrechen, aber der Unterschied ist sehr groß. In der Qualität und auch in der Quantität. Das serbische Verbrechen in Kosova war ein staatliches Verbrechen mit genozidalen Zügen gegen ein ganzes Volk. Diese Verbrechen waren auch staatlich organisiert und gingen von der Regierung in Belgrad aus. Deshalb soll Milośevič auch nach Den Haag. Die irrationalen Taten und Verbrechen in Kosova sind individuelle Fälle von Leuten, die frustriert sind. Aber gegen diese Elemente stellen sich alle vernünftigen albanischen Führer, auch die der Befreiungsarmee sind gegen die Verbrechen von Albanern an Nicht-Albanern. Wir appellieren auch, dass wir toleranter sein müssen gegenüber den anderen Nationalitäten, die hier leben, gegenüber Serben, Türken, Roma und allen Nationalitäten. Wir sagen auch, dass wir mit all unseren Nachbarn zusammenleben müssen. Selbstverständlich nur mit denen, die keine Verbrechen begangen haben. Diejenigen, die Verbrechen begangen haben, werden wir vor Gericht stellen, entweder hier oder sie nach Den Haag bringen. Man kann allerdings das Vergangene mit dem Jetzigen nicht vergleichen. Ich bin auch nicht indifferent gegenüber den Verbrechen, die Albaner begehen. Wir sind alle traumatisiert. Es gab elftausend Tote und hundertzwanzigtausend zerstörte Häuser. Zudem sind 7.000 Menschen albanischer Nationalität verschwunden oder in serbischen Gefängnissen. Trotzdem sind wir auch sehr betroffen von den Verbrechen einzelner Albaner gegen die anderen Nationalitäten u.a. meine ich Thaçi und Rugova u.s.w. Wir dürfen nicht vergessen, die Verbrechen an uns waren sehr groß. Aber mit der Zeit müssen wir alles überwinden. Wir dürfen nicht vergessen: Wir leben in einer kleinen Region mit vielen Nationalitäten und diese Region liegt auf dem Balkan. Viele Nationen mit wenig Geographie und viel Geschichte und Mythen. Unser Volk muss verstehen, dass wir nicht das ganze Leben lang den Serben feindlich gegenüberstehen dürfen. Ich glaube, dass die Erklärung Bogdanovičs, dass das serbische Volk sich bei den Albanern entschuldigen muss, der Toleranz sehr zuträglich wäre. Ich bin optimistisch, dass in der Zukunft ein Zusammenleben in der Region wieder möglich sein wird. Das wird umso schneller geschehen, je eher die internationale Gemeinschaft Kosova anerkennt.

Glauben Sie, dass die europäischen Staaten und die USA an der Unabhängigkeit Kosovas interessiert sind?

Wenn ich über die Unabhängigkeit rede, glaube ich, die internationale Gemeinschaft muss die Unabhängigkeit ins Auge fassen. Bevor die Unabhängigkeit allerdings eintritt, muss die internationale Gemeinschaft demokratische Organisationen schaffen, und es müssen die Grundlagen einer zivilen Gesellschaft begründet werden. In diesen internationalen Gremien muss die zukünftige Unabhängigkeit Kosovas angelegt sein. Wenn die internationale Gemeinschaft unvernünftig und benebelt ist, werden sich die Probleme vergrößern. Ich denke, dass die internationale Gemeinschaft die Unabhängigkeit Kosovas beschließen wird. Die Serben werden sich in einem unabhängigen Kosova mit den Albanern zu arrangieren haben. Jetzt wo der Status Kosovas nicht genau präzisiert ist, ist das Zusammenleben mit den Serben natürlich schwierig, weil sie immer noch denken, Kosova wird noch zu Serbien gehören. Diese Auffassung der Serben ist kontraproduktiv bezüglich des Zusammenlebens. Sie denken, wir haben die Unterstützung Serbiens entweder in der Kantonisierung Kosovas oder in der Teilung Mitrovicas. Die Teilung Mitrovicas oder die Kantonisierung Kosovas ist eine wichtige Bedingung Serbiens mit dem Ziel die serbische Herrschaft wieder zu errichten.

Im SPIEGEL erklärte kürzlich Herr Bukoshi in Kosova gäbe es sehr viele Enveristen. Um Herrn Thaçi befinden sich rund 200 ehemalige Sigurimi-Spezialisten und Bukoshi warnt – was seiner Ansicht nach zusammenhängt – vor einer Enveristen-Gefahr und vor Kriminalität.

Ich habe den Artikel gelesen, die Erklärung Bukoshis auch. Ich denke, dass ziemlich viel übertrieben ist. Bei einem Teil der Jugend in Kosova war der Enverismus präsent.

War er präsent oder ist er präsent?

Es gibt keine Enveristen mehr in Albanien und auch nicht in Kosova. Die Erklärung Bukoshis hat parteipolitische Gründe. Sie ist nicht realistisch. Thaçi und viele andere junge Leute haben ihren großen Patriotismus bestätigt. Sie haben gegen eine starke Macht wie Serbien gekämpft. Ich habe Hochachtung für Thaçi, Bukoshi und viele andere. Die eine Seite hat zehn Jahre friedlich Widerstand geleistet, die andere Seite hat mit Gewalt gekämpft. Beide haben für mich ihre Verdienste. Ich kenne sie, ich weiß, dass sie keine Enveristen sind. Sie sind Teil der demokratischen Zukunft Kosovas.